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Lauenburg So krank und so voller Leben
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13:14 09.12.2018
Denken, kritisch denken, hinterfragen: Heinrich Schlasche-Töpel ist auch in seinem Hospiz-Bett keiner, der einfach alles abnickt. Vor allem hat er sich seinen Humor bewahrt: Immer wieder blitzt ein schelmisches Lächeln auf. Quelle: Dorothea Baumm
Geesthacht

Jetzt liegt er da. Und wartet nicht auf den Tod. Sondern plant mit seiner Frau, die er von Herzen liebt, das Weihnachtsfest, wie sie es sich in seinem Hospizzimmer gemütlich machen können.

Momentaufnahmen vom Gespräch mit Heinrich Schlasche-Töpel

Spür da mal nach. Heinrich Schlasche-Töpel hat einen metastasierenden Prostatakrebs mit massiver Knochenbeteiligung. Vor 20 Tagen ist er ins Hospiz gezogen. Sein Kommentar dazu: „Jetzt habe ich die finale Fahrkarte gezogen.“ Und doch sagt er, er habe Menschen „mit schlimmeren Krankheiten“ erlebt. Schlimmer als sterben müssen. Geht das?

Schlimmer geht immer

Ja, schlimmer geht immer. Die Folgen der Krankheiten können zum Beispiel noch schlimmer sein. Er erzählt von der Schwiegermutter eines Bekannten, die nach einem Schlaganfall gelähmt war, sich nicht mehr artikulieren konnte. Grässlich. Er habe nach seiner Diagnose noch zehn sehr gute Jahre gehabt. „Zehn Jahre, die ich intensiv gelebt habe.“

Es ist unsere innere Haltung, die unser Leben ausmacht. Was keine Erkenntnis der esoterischen Neuzeit ist. Louisa May Alcott hat von 1832 bis 1888 gelebt, eine kluge Frau, und sie hat gesagt: „Ich habe keine Angst vor Stürmen. Ich lerne, wie ich mein Schiff steuern muss.“

Mittel und Wege gegen die Angst

Fast 100 Jahre später, 1942, wurde Gillian Rubinstein geboren. Auch sie ist Schriftstellerin. Auch sie ist eine kluge Frau. Von ihr stammt folgendes Zitat: „Es gibt keine Hölle, außer jener, die sich die Menschen auf Erden selbst bereiten.“

Ist es die Hölle, krebskrank im Hospiz zu liegen, dem Tod ins Auge zu blicken? Man kann, sagt Heinrich Schlasche-Töpel, vieles dadurch verschenken, dass man Angst hat. Sein Ansatz: Wege und Mittel gegen die Angst finden. „Angst vor dem Tod? Braucht keiner zu haben.“ Die Begründung des 71-Jährigen: Entweder glaube man an ein Leben nach dem Tod, oder man glaube nicht daran. So oder so sei es doch dann gut.

Eine gute Einrichtung

Angst vor dem Sterben? „Ach“, sagt er. Hält kurz inne. Und dann: „Ich habe ja nun eine Vorstellung davon, wie es ist, wenn es sehr unangenehm wird.“ Und er ist sicher, dass ihm das unangenehmste hier, im Hospiz, erspart bleibt, der modernen Palliativmedizin sei Dank.

Hilfe im Advent: So können Sie helfen

Wer schon einmal das Sterben eines Angehörigen erlebt hat, weiß, wie schwer und kräftezehrend es ist, Abschied zu nehmen. In diesem Jahr unterstützen wir mit unserer Leser-Aktion „Hilfe im Advent“ diejenigen, die ehrenamtlich in Hospizvereinen das Wertvollste geben, was sie haben: Zeit und Anteilnahme. Helfen Sie gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg, die Bedingungen zu verbessern. Hanno Hannes, Lokalchef Spendenkonto „Hilfe im Advent“

Kontoinhaber: Hospizverein Ratzeburg, Mölln und Umgebung

IBAN : DE26 2305 2750 0081 5525 80

Kreissparkasse Hzgt. Lauenburg

Überhaupt: „Das Hospiz ist eine gute Einrichtung.“ Bevor der ehemalige Tierarzt sein Zimmer im Auxilium bezogen hat, war er auf der Palliativstation im UKSH. Dort habe alles stagniert. „Hier ging es einen Schritt weiter. Ich habe mich hier von Anfang an besser aufgehoben gefühlt.“ Das ganze Drumherum sei in dem Geesthachter Hospiz besser. In der Uniklinik seien die verschiedenen Bereiche auch völlig getrennt voneinander gelaufen, „hier greifen die verschiedenen Abteilungen ineinander“.

Der Schock nach der Krebsdiagnose

Knapp nach seinem 60. Geburtstag habe ihn die Diagnose ereilt. Prostatakrebs. „Das war ein Schock. Da war natürlich erst einmal Panik.“ Und plötzlich fand er, der doch selbst in der Medizin zuhause ist, sich in erschreckender Abhängigkeit wieder. „Wie es einem geht, das ist ja auch abhängig von den Ärzten.“ Er hatte es erst mit einem zu tun, „der fand einfach nicht die richtigen Worte.“ Nach einem Arztwechsel war gleich alles besser.

„Und dann ist es wichtig, dass man jemanden zur Seite hat, zum Händchen halten, Trösten.“ Da war immer seine Frau, zum Glück. So hatte Schlasche-Töpel nach der ersten Diagnose zehn Jahre, in denen er „ganz intensiv und gut gelebt“ hat. Und was ist jetzt, wo ihn die finale Fahrkarte ins Hospiz geführt hat, wirklich wichtig?

Den Menschen nicht egal sein

„Viele Sachen in meinem Leben waren wichtig. Aber jetzt standen die Leidenschaften im Fokus. Ich bin gern mit Menschen zusammen.“ Wenn eigentlich entfernte Bekannte aus seiner Zeit in Berlin sich nach ihm erkundigen, dann tut das gut. „Ich bin den Menschen nicht egal, ein schönes Gefühl.“

Vor neun Jahren erst sind seine Frau und er von Berlin nach Duvensee gezogen. Von der Metropole in die kleine Gemeinde. Dort habe er sich gleich engagiert, „so bin ich“, sagt er. Und jetzt merkt er, dass die Menschen sich um ihn kümmern. So viele wollen ihn besuchen, dass seine Frau den Besucherstrom in geordnete Bahnen lenken muss. Reden, diskutieren, philosophieren: Das liegt ihm im Blut. Nur dieser Tage erschöpft es ihn auch sehr schnell.

So krank und so voller Leben

Wie er da so liegt. Die Augen, von der Krankheit in Mitleidenschaft gezogen, wollen nicht mehr so recht, dennoch: Er gestikuliert. Denkt nach, sagt schlaue Sachen. Hinterfragt. So krank! Und dabei so voller Leben. Da liegt einer, der das Leben liebt, der weiß, wie es um ihn bestellt ist. Der nicht verdrängt, nicht den Kopf in den Sand steckt, nicht hadert. Das Schiff von Heinrich Schlasche-Töpel ist in schwere See geraten, aber er lässt das Ruder nicht los. „Man sollte in so einer Situation nicht allein sein. Es gibt Angebote, die sollte man wahrnehmen.“

Kein Mensch, stellt er kategorisch fest, könne das allein schaffen. Aber so gut begleitet, wie er? „Mir fällt es bislang ausgesprochen leicht, den Weg zu gehen“, sagt er. Und man glaubt es ihm. Sicherlich gebe es Sachen, die er gern noch gemacht hätte. „Schon. Aber ich habe so vieles gemacht, und vieles geht jetzt eben nicht mehr.“ Schlasche-Töpel erklärt, er habe nichts versäumt.

Was kannste noch machen?

„Ich bin immer noch aktiv“, sagt er, und klingt dabei fast ein bisschen überrascht. „Kommst her zum Sterben. Und nun liege ich hier und denke, was kannste noch machen.“ Ja, was? Wenn das Lesen nicht mehr so gut geht, und Hörbücher nicht so seins sind. Das sind verdammt lange Tage, oder? „Ach was, ich kann auch sinnieren“, wiegelt er ab.

Ist er wütend? Treibt ihn die Frage um, warum ausgerechnet er diesen Scheißkrebs hat? „Ne“, sagt er, das sei der falsche Ansatz: „Dafür kann doch niemand was.“ Vorhin hat er sich noch als „Kindskopf“ bezeichnet, hat auf seine Stofftiere, einen Elch – „Mr. Moose“ – und einen Wombat gezeigt. Jetzt setzt er noch einen drauf: „Ich bin ein Glückspilz. Meine Freunde stehen Schlange, um mich zu besuchen.“

Was bleibt von einem?

Kinder haben sie nicht, er und seine Frau. In einer Kiste sammelt er schon ewig Dinge, die mal wichtig waren, Memorabilien steht da drauf, neulich hat er sich da mal durchgestöbert. Was damit wohl mal wird? „Sie sammeln und wissen nicht, wer’s kriegen wird“, zitiert er aus einem Brahms-Requiem. Es geht ihm nicht nur um Materielles, auch um unser Wissen, unsere Erfahrungen.

Kurz erlaubt er sich ein wenig Sentimentalität. „Unser schönes Haus. Wenn ich nicht mehr bin, wird sie es nicht mehr packen. Obwohl – vielleicht schaffen wir es ja noch. Ach, unsinnige Idee, oder?“

Das Leben leben – auch im Hospiz

So lange wir leben, haben wir genau das zu tun: zu leben. Dazu gehört auch: planen, Ideen haben, träumen. Auch wenn’s im Hospiz ist. Gerade hat Schlasche-Töpel sich sehr mit Luther beschäftigt. „Ich bin kein streng gläubiger Mensch“, sagt er. Er habe stets seinen eigenen Weg gesucht. Und seine eigene Religion gefunden. War ja klar, dass auch dieses Gespräch irgendwann bei Gott und der Welt landet. Mit feiner Selbstironie kommt nun: „Ich finde es wichtig, mal was Eigenes loszuwerden. Ich bin immer im Spannungsfeld zwischen Haben, Finden und Suchen, Bewusstsein, mal beherrschend, mal klugscheißerisch.“

Das Leben leben. Wie schön ist das. Unbezahlbar. „Und jetzt habe ich diese unheilbare Krankheit. Schade drum.“ Besuch und lange Gesprächen strengen an. Die schreckliche Übelkeit allerdings, die haben sie hier im Hospiz gut eingestellt. Und so gibt dieser wunderbare Gesprächspartner das Ruder noch nicht aus der Hand. „Ich finde es fast abartig, dass ich jetzt hier im Hospiz rumliege, ich habe doch vorher oft und vielen Menschen geholfen.“ Da kommt schon mal der Gedanke: „Kannst doch mal rumgehen und gucken, ob man nicht jemandem helfen kann.“

Das nenne ich mal innere Haltung – der Mann weiß, wie er sein Schiff zu steuern hat! Und ich bin sehr dankbar, dass ich ein so langes, intensives, berührendes und Mut machendes Gespräch mit Heinrich Schlasche-Töpel führen durfte. Weihnachten im Hospiz: Wünschen wir ihm gemütliche, kuschelige Stunden mit seiner geliebten Frau.

Dorothea Baumm

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