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Lauenburg Hier ging es nicht gerade friedlich zu
Lokales Lauenburg Hier ging es nicht gerade friedlich zu
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18:12 30.06.2017
Lars Eggers ist heute einer der drei Geschäftsführer und zeigt hier die Türen und Fenster zu einer früheren Wohnung neben der Halle. Die Wohnräume existieren aber nicht mehr. Quelle: Fotos: Norbert Dreessen
Mölln

Ein breiteres Spektrum an Produkten, als sie in dieser Halle an der Stolper Straße in Mölln im Laufe der Zeit hergestellt oder gelagert wurden, ist kaum denkbar:

Wo heute Strandkörbe gefertigt werden, wurde bis 1945 Munition für den Weltkrieg gelagert und gewaschen.

erst Munition für Hitlers Wehrmacht, dann Pudding und nun schon seit 66 Jahren Strandkörbe. Äußerlich hat sich das Gebäude seit seiner Erbauung bis auf die Farbe des Anstrichs kaum verändert, innen aber erheblich.

Waldstadt – der Name dieses Möllner Stadtteils klingt recht friedlich, und heute stimmt das auch. Ab Dezember 1933 sah das ganz anders aus, denn in jenem Monat begannen Vertreter des deutschen Heereswaffenamts Verhandlungen mit der Stadt Mölln zwecks Ankaufs eines Waldgebiets. Man wolle im Gebiet Steinfeld, das an Grambek grenzte, eine umfangreiche „Heeres-Munitionsanstalt“ (Muna) errichten, erklärten die Militärs. Die Arbeiten begannen im Februar 1934, ein Jahr später waren sie weitgehend abgeschlossen, die Anlagen stellten damals eine der größten Munitionsfabriken in Deutschland dar. Auf dem 145 Hektar umfassenden Gelände befanden sich 172 Munitionsbunker und 95 weitere Gebäude, in denen über 7000 Tonnen Sprengstoff gelagert werden konnten. Bis zu 5000 Menschen arbeiteten hier, darunter auch viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene – eines der düsteren Kapitel in der jüngeren Möllner Stadtgeschichte.

Die langgestreckte Halle, in der die Firma Eggers seit 1951 Strandkörbe fertigt, diente zu Muna-Zeiten der Geschosshülsen-Reinigung. Wie alle Gebäude auf dem Areal überstand sie den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet. Die britischen Soldaten, die 1945 in Mölln einmarschiert und am 2. Mai das Muna-Gelände kampflos besetzten, wollten eigentlich alle Bauwerke dort demontieren oder sonst wie zerstören. Es hatten schon die ersten Sprengungen stattgefunden, doch dann konnte der damalige Möllner Bürgermeisters Rudolf Michelsen die Besatzungsmacht davon überzeugen, die Gebäude zu erhalten und für eine friedliche Nutzung freizugeben.

Ende 1947 wurde das Gelände den deutschen Behörden überstellt. Viele der Bunker wurden zu Wohngebäuden umgebaut, in denen fast ausschließlich Heimatvertriebe aus den ehemals deutschen Ostgebieten unterkamen. Die Namen der Straßen erinnern heute noch daran.

Doch auch die Fabrikationsgebäude wurden nun wieder genutzt. 1948 begannen schon 15 Gewerbebetriebe mit der Produktion. Dabei ging es hier überhaupt nicht mehr militärisch zu. In die Halle an der Stolper Straße 1 zog eine Puddingfabrik ein, die jedoch nicht lange durchhielt. 1951 gab sie auf, die Halle wurde an die auf Korbwaren spezialisierte Firma Eggers, seit 1772 im Familienbesitz, verkauft. Deren Mitarbeiter waren schon seit 1948 an der Stettiner Straße in Mölln tätig, nicht weit vom heutigen Firmensitz entfernt.

„Die Räume dort waren zu klein geworden“, erzählt Peter Eggers, der den Betrieb 1964 von seinem Großvater Carl Eggers übernahm. Carl Eggers, so sein Enkel, habe „sofort zugeschlagen“, als die Stadt Mölln ihm das größere Gelände an der Stolper Straße anbot.

Zunächst machten Wäsche- und Einkaufskörbe sowie Korbmöbel den größten Teil der Produktion aus, doch bald verlegte sich die Firma mehr und mehr auf Strandkörbe, wie wir sie heute in jedem Ost- und Nordseebad finden. Eggers- Körbe gelten als sehr langlebig – wohl deshalb machen die Kurverwaltungen und professionellen Strandkorbvermieter den Großteil der Kundschaft aus. Etwa ein Viertel der knapp 4000 im Jahr produzierten Strandkörbe geht allerdings an private Käufer in ganz Deutschland. Dass die beliebten Sitzmöbel in einem geschichtsträchtigen Gebäude hergestellt wurden, weiß aber kaum einer von ihnen.

Rüstungsprogramm

Hohe Arbeitslosigkeit – das war in den 1930er Jahren ein großes Problem in Mölln. Deshalb waren die Vertreter der Stadt ganz froh, als die Heeres-Munitionsanstalt gebaut wurde. Hier wurden schließlich zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen.

Viel Geld mit dem Verkauf des Waldgrundstücks verdiente Mölln nicht: Man bekam nur 137 000 Reichsmark, das waren 950 Reichsmark pro Hektar. Ein Sachverständiger hatte den echten Grundstückwert zuvor auf die dreifache Summe geschätzt.

Norbert Dreessen

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