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Lauenburg „High-Five“ auf die Völkerverständigung
Lokales Lauenburg „High-Five“ auf die Völkerverständigung
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09:48 30.12.2015
Sprachassistent Cody Dales genießt große Sympathien bei seinen Schülern in Sandesneben Quelle: Strunk

Wie kann man nur als weltoffener Amerikaner, global denkender US-Staatsbürger, der vier Jahre Germanistik an der renommierten Harvard-University in Cambridge (bei Boston/Massachussetts) studiert hat, aufs Dorf in die südholsteinische Provinz ziehen, um dort ein Jahr als Fremdsprachen-Assistent an der Grund- und Gemeinschaftsschule Sandesneben zu arbeiten?

Die Antwort von Cody Dales (22) kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ich stamme selbst aus einem kleinen Dorf in den Appalachen, einem Mittelgebirge im Bundesstaat Virginia. Dort ist es ganz ähnlich wie hier, mir gefällt es. Das Leben hier wie dort geht etwas langsamer, aber jeder kennt jeden und alle kümmern sich umeinander.“

Seit Beginn des Schuljahres Anfang September ist Dales in Sandesneben und bleibt bis Ende Juni 2016. Er kam auf Anfrage von Nicole Lohse, Fachschaftsleiterin für Englisch und Französisch an der GGS Sandesneben, über den Pädagogischen Austauschdienst im Rahmen des so genannten Fulbright-Programms an die Schule. „Es ist schwierig und sehr selten, dass ein amerikanischer Student aufs Land kommt.

Normalerweise zieht es sie in die großen Städte. Insofern haben wir mit Cody großes Glück gehabt“, erklärt sie.

Vor allem die Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe wissen dieses Glück zu schätzen. Cody „unterrichtet“ vor allem in den sechsten Klassen. „Hier gibt es einen regelrechten Wettkampf unter den Schülern, wer von mir einen High-Five bekommen kann für eine gute Antwort“, erzählt Cody, der von „seinen“ Sechstklässlern überaus angetan ist.

„Ich habe den Eindruck, dass die deutschen Schüler sich viel besser verhalten als amerikanische in dem Alter. Sie sind höflich, interessiert. Und ich bin erstaunt, wie viel und gut sie Englisch sprechen“, sagt der Harvard-Graduate, der allen Mädchen und Jungen das Angebot eines zusätzlichen Kurses außerhalb des normalen Unterrichts gemacht hat. Überall in den Gängen und an den Klassentüren hängt ein Din-A-4-Zettel mit dem typischen „Uncle Sam“, der mit dem Zeigefinger auf den Betrachter deutet und sagt: „I want you!“ — „Ich will Dich“. In dem Fall eben für die AG, in der wiederholt und vertieft und wahrscheinlich meist angeregt geplaudert wird — auf Englisch.

Wie beliebt der bärtige Mann in der Schule ist, der von sich selbst sagt, er sei ein „Hillbilly“ — ein „Hinterwäldler“ —, erkennt man, wenn man mit ihm gemeinsam in der Pause durch die Gänge zieht und viele fröhliche „Hi Cody!“-Rufe hört. Eine Begegnung ganz am Anfang seiner Zeit in Deutschland, als er sich mit anderen Fulbright-„Kollegen“ in Bayern auf die Sprache und den Aufenthalt in Germany vorbereitete, hat ihn besonders beeindruckt. Das war bei einer Zugfahrt vom Tegernsee nach München. Im Abteil saß eine ältere Dame, die ihn fragte, woher er denn käme. Cody stellte sich als „Hillbilly“ vor. Da habe sie nur genickt und gesagt: „Das bin ich auch — eine Hinterwäldlerin.“

Auf die deutsche Sprache kam er, weil es Bedingung an der Harvard-Universität ist, dass man eine (Fremd-)Sprache studieren muss. „Aufgrund meines ausgeprägten Appalachen-Dialekts sagte mir mein English-Professor, dass diese Sprache wohl nichts für mich sei.“ Auch mit dem Spanischen hatte es schon zu Schulzeiten Probleme gegeben. So kam er zur Germanistik.

„Bei diesem Studium habe ich erst meine eigene Muttersprache gelernt. Weil es so viele Wörter in beiden Sprachen gibt, die den gleichen Ursprung haben, miteinander verwandt sind.“ Besonders deutlich sei das beim Plattdeutschen und beim Niederländischen, das sich Cody mittlerweile ebenfalls angeeignet hat.

Große Unterschiede hat Cody nicht nur bei den Lernenden, sondern auch bei den Lehrenden festgestellt: „Bei uns hat man Sprachen gelernt, aber das immer nur auf Englisch. Hier bemühen sich alle Lehrer auch konsequent in der Sprache zu sprechen, die den Schülern beigebracht werden soll.“

Nach seiner Erfahrung sei diese Methode viel effektiver und wohl auch ein Grund, warum die deutschen Kinder so gut Englisch sprechen können.

Über die Weihnachtsfeiertage fliegt Cody nicht zurück nach Hause — „die Tickets sind leider zu teuer“. Statt dessen ist er eingeladen, bei seinem Vermieter und Freund mit zu feiern. Von diesem hatte er auch eine ihm bis dahin gänzlich unbekannte Sitte der Deutschen kennen gelernt. „Ich habe einen Adventskalender mit Schokolade geschenkt bekommen. That is great!“

Dales‘ politische Ansichten
Stark beeindruckt ist Cody Dales von der aktuellen Gastfreundschaft der Deutschen. „Ich würde nicht wetten wollen, wie meine Landsleute so viele Flüchtlinge behandeln würden, wie es gerade hier der Fall ist.“ Er habe dabei so viel Herzlichkeit festgestellt. Und versteht überhaupt nicht, wie der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump sich so äußern konnte, dass er keine Muslime mehr ins Land lassen wolle.



Eine reelle Chance räumt er Trump trotzdem für die im November 2016 anstehende Wahl des US-Präsidenten ein: „Viele Amerikaner sind sehr konservativ“. Cody Dales selbst bezeichnet sich als liberal, sein Favorit ist der Demokrat Bernie Sanders.

Joachim Strunk

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