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Lauenburg Historiker: „Mölln war Hochburg der NSDAP im Kreis Herzogtum Lauenburg“
Lokales Lauenburg Historiker: „Mölln war Hochburg der NSDAP im Kreis Herzogtum Lauenburg“
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22:47 06.05.2015
Massenaufmärsche wie hier waren ein wichtiges Propagandamittel der Nationalsozialisten: Am 30. Januar 1933 fand vor dem alten Möllner Rathaus diese Jubelfeier statt. Es war der Tag, an dem Adolf Hitler in Berlin als Reichskanzler vereidigt wurde. Quelle: Stadtarchiv Mölln
Mölln

„Mölln war die braune Hauptstadt des Kreises Herzogtum Lauenburg“ — so das Fazit von Hansjörg Zimmermann am Ende eines Aufsatzes zur Geschichte der NSDAP in Mölln. Er berichtet davon, dass die Nationalsozialisten noch als Deutsch-Völkisch-Sozialer Block schon beim ersten Auftreten im Kreis bei der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 ganze 24,6 Prozent der Wählerstimmen erhielten. Unter den Kleinstädten in Schleswig-Holstein ragte die Eulenspiegelstadt damit deutlich hervor: Nur in Kappeln erreichte die NSDAP mit 27,5 Prozent schon so früh noch mehr Stimmen. Später wurde Mölln Sitz der NSDAP-Kreisleitung.

Warum gerade Mölln Mitte der 1920er Jahre zur Hochburg der NSDAP wurde, ist nicht klar belegt. Die Arbeitslosigkeit war nicht dramatisch höher als in anderen Städten wie Ratzeburg oder Lauenburg. Dort wie in den Dörfern konnten die radikalen Rechten zunächst kaum Anhänger finden. Die Stimmen für die NSDAP kamen wohl vor allem aus dem verarmten Mittelstand: Händler, Handwerker und Gewerbetreibende, die unter den Folgen des Ersten Weltkrieges litten.

Erst nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 konnte die NSDAP weitere Wählergruppen gewinnen. Im Kreisgebiet steigerte sie ihren Stimmenanteil bei den Reichstagswahlen auf 25,4 Prozent (1930) und schließlich 48,9 Prozent (1932). Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler als Reichskanzler in Berlin vereidigt. Die Gleichschaltung der Gesellschaft und die Verfolgung der politischen Opposition begannen schon wenige Tage später. In der Ratzeburger Stadtverordnetenversammlung beispielsweise schloss die NSDAP die drei Sozialdemokraten aus. Der frühere Möllner SPD-Vorsitzende und Stadtrat Johann Michel wurde verhaftet. Sie blieben meist einige Tage bis Monate in Konzentrationslagern. Es war eine deutliche Warnung an alle, sich nicht außerhalb der NSDAP zu betätigen.

Im gleichen Atemzug wurde aufgerüstet. In Mölln entstand die Waffenfabrik „Muna“ auf einem 210 Hektar großen Gelände — in der heutigen Waldstadt. Zur Kriegsvorbereitung gehörte auch die Ansiedlung des Schraubenherstellers „Bauer & Schaurte“ (später Firma Fette) in Schwarzenbek. Die NSDAP schaltete die Gesellschaft gleich. Auch die Freizeit blieb nicht von der Parteikontrolle verschont. Die Freie Turnerschaft Schwarzenbek etwa, ein Arbeitersportverein, wurde ebenso aufgelöst wie der Ratzeburger Bürgerverein. Andere lauenburgische Klubs wurden in die Organisationen der NSDAP eingegliedert.

Auch im Lauenburgischen wurden Juden deportiert. Bereits am 1. April 1933 forderte die NSDAP die Einwohner auf, jüdische Geschäfte zu boykottieren. In der Lauenburgischen Landeszeitung schalteten sie folgende Anzeige: „Deutschlands Feinde sind auch deine Feinde! Deutscher kaufe nichts bei Juden.“ 1938 verschärften sie ihr Vorgehen. So schlossen sie das Kaufhaus der Familie Rosenberg in der Ratzeburger Domstraße. Willy Rosenberg und seine Frau Martha verschleppten die Nationalsozialisten mit etwa zehn anderen Familien aus dem Kreisgebiet 1941 nach Riga. Sie überlebten das Konzentrationslager nicht.

Auch der ländliche Raum im Nordkreis war geprägt von den Organisationen der NSDAP. Bereits am 30. Januar 1933 lud die Kastorfer SA laut Hobby-Historiker Guido Weinberger alle Bewohner zum Feuerwerk.

Anlass war die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Ob die NSDAP eine Gemeinde prägte, war auch von Einzelpersonen abhängig, die den Nazikult pflegten. Ortsgruppenleiter der NSDAP in Kastorf waren Ewald Haase und Theo Ritt. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) traf sich regelmäßig im Keller des Herrenhauses bei einer gewissen Frau Halske, Leiterin der NS-Frauenschaft.

Im Mai 1933 wurde das Kastorfer Jungvolk gegründet. Die Hitlerjugend und das Deutsche Jungvolk trafen sich in einem alten, bei der Familie Behrends abgestellten Eisenbahnwaggon, den die Gemeinde zu diesem Zweck gekauft hatte, berichtet Guido Weinberger. Auch ein Hitlerstein auf der heutigen Kreuzung Hauptstraße/Ratzeburger Straße ließen die NSDAP-Anhänger in der Gemeinde errichten.

Über die Aktivitäten der Nationalsozialisten in Rondeshagen hat Joachim Lindenheim Informationen gesammelt. Auf seiner Homepage schildert er, dass von Rondeshagener Familien wenig Informationen und Bildmaterial über diese Kapitel der Dorfgeschichte zur Verfügung gestellt wurde. Immer wieder müssen historisch interessierte Personen deshalb mit Bruchstücken arbeiten.

Zumindest die NS-Tätigkeit von Heinrich Kahns, Vater des Rondeshagener Lehrers Artur Kahn, ist belegbar. Kahns wurde SA-Mann und nahm an Kundgebungen und Aufmärschen teil, so auch an der Gedenkfeier am Hitlerstein in Rondeshagen am 28. Mai 1933. Noch heute stehe dort ein Stein zu Ehren der Kriegstoten. Wie viele Menschen in bäuerlichen Gegenden habe er dem Gedankengut des Nationalsozialismus in Bezug auf den „Blut-und-Boden-Mythos“ nicht ablehnend gegenübergestanden, berichtet Lindenheim.

Im Giebel seines Hofgebäudes hatte Heinrich Kahns ein Hakenkreuz anbringen lassen. In die Hofmauer waren Ziegel in Hakenkreuzform eingelassen. Die Tischlerei Hormann hatte 1945 kurz vor Kriegende jedoch den Auftrag, die Zeichen der braunen Gesinnung zu entfernen, berichtet Lindenheim weiter.

Überall, in der Stadt und auf den Dörfern, wurden Zwangsarbeiter beschäftigt. Mehr als 10 000 Kriegsgefangene wurden in den Kreis gebracht, wo die Nationalsozialisten beispielsweise im Luftwaffentanklager in Büchen, auf Bauernhöfen und in Fabriken deutsche Männer ersetzten, die an der Front dienten.

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 lief die Aktion „Gewitter“ an. 23 Männer und vier Frauen wurden in Lauenburg, Mölln, Ratzeburg, Schwarzenbek und Geesthacht verhaftet, darunter der ehemalige SPD-Kreistagsabgeordnete Ernst Schefe. Der 69-jährige Schwarzenbeker starb am 26. September 1944 im KZ Neuengamme.

Als britische Soldaten vor 60 Jahren an der Elbe standen, startete im Lauenburgischen ein letzter Kraftakt: Die NSDAP vernichtete ihre Parteiunterlagen, die Beamten „säuberten“ hektisch ihre Akten in den Verwaltungen. Eines zeigen die Aktionen: Die nationalsozialistischen Täter waren sich ihres verbrecherischen Treibens bewusst.

Quellen: Hansjörg Zimmermann: Zur Geschichte der NSDAP in Mölln (1989), Lauenburgische Heimat, Heft 124. Joachim Lindenheim:

(www.rondeshagen.com),

Guido Levin Weinberger:

(www.kastorfer-geschichte.de)

Zeitleiste Ende April/ Anfang Mai 1945
7. April     Bombenangriff auf die Sprengstofffabriken Düneberg und Krümmel 19. April   Britische Truppen erreichen die Elbe. Sprengung der Elbbrücke bei Lauenburg 24. April   Über Lauenburg werden britische Flugblätter mit Informationen zur aktuellen Kriegslage abgeworfen 25. April   Bei einem Tieffliegerangriff auf einen Eisenbahnzug wird in Schwarzenbek ein britisches Flugzeug abgeschossen 26. April   Bombenangriff auf den Bahnhof Büchen. Eine deutsche Kampfgruppe greift britische Truppen auf der südliche Elbseite bei Hoopte an 27. April   Gespräche zwischen deutschen und britischen Offizieren in Lauenburg über eine kampflose Übergabe der Stadt 28./29. April   Elbübergang der britischen Truppen 29. April   Einnahme Lauenburgs durch britische Truppen 29. April — 3. Mai     Luftkämpfe über der Elbe 30. April   Kämpfe bei Lütau und Basedow. Besetzung Schwarzenbeks 1. Mai     Geesthacht wird kampflos besetzt. Gefechte um den Bahnhof in Büchen.
2.Mai     Letzte Kämpfe im Bereich der Orte Hohenhorn, Escheburg und Börnsen. Die Städte Mölln und Ratzeburg werden kampflos besetzt. Die britischen Truppen können auch Lübeck ohne Kampf einnehmen.
5. Mai 8 Uhr   Kapitulation der deutschen Truppen in Nordwestdeutschland
Autor: Christian Lopau

Florian Grombein und Reiner Richter

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