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Lauenburg „Ich verspüre keinen Hass, aber ich kann nicht vergessen“
Lokales Lauenburg „Ich verspüre keinen Hass, aber ich kann nicht vergessen“
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21:47 11.11.2013
Gebannt lauschen die Schüler aus der neunten Klasse der Gemeinschaftsschule in Büchen der Zeitzeugin Eva Szepesi, die aus ihrem Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ liest. Die jüdische Ungarin kam 1944 für drei Monate in das KZ Auschwitz. Quelle: Alessandra Röder

Ein durchdringendes Klopfen ertönt. Das kleine Mädchen im Zimmer schreckt aus dem Schlaf. Brüllende Männerstimmen durchdringen das Haus und sie bekommt Angst. Versteckt unter der Bettdecke stellt sie sich schlafend. Sie wird wachgerüttelt und muss schnell ein paar Sachen zusammen packen. Als sie ängstlich in der Stube steht, fällt ihr ein, dass sie ihre Puppe Erika vergessen hat. Das Liebste, was ihr noch geblieben ist. Sie bettelt und fleht, doch nichts hilft. Die Männer in Uniform befehlen ihr grob, das Haus zu verlassen.

Gebannt lauschten die Schüler der Gemeinschaftsschule in Büchen Eva Szepesi. Die 81-jährige Zeitzeugin erzählte gestern etwa 80 Neuntklässlern ihre tragischen Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus. Drei Monate litt die Ungarin ab November 1944 als 12-Jährige im KZ Auschwitz, das im Januar 1945 von den Russen befreit wurde. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Frankfurt und hat ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben.

Bis zu ihrem achten Lebensjahr habe sie eine sehr glückliche Kindheit gehabt, erzählte Szepesi. Doch sie und ihre Familie bekamen immer mehr die Anfeindungen und Diskriminierungen von ihrer Außenwelt zu spüren. Und die Ausgrenzung war erst der Anfang.

Im April 1944 sollte sie mit ihrer Tante eine „Reise“ in die Slowakei unternehmen. Erst nach einem 11-stündigen Fußmarsch wurde dem Mädchen bewusst, dass sie sich auf der Flucht befindet und es ungewiss ist, ob sie ihre Familie überhaupt wieder sehen wird. Sie landete bei verschiedenen jüdischen Pflegefamilien, bei denen sie etwas Ruhe und Geborgenheit fand. Doch dann haben die Nazis sie doch noch in das KZ deportiert.

Mit ungarischen Akzent las Eva Szepesi aus ihrer Autobiografie „Ein Mädchen allein auf der Flucht“. Lange Zeit hatte sie geschwiegen. Erst in den 90er Jahren begann sie, anderen ihre Geschichte zu erzählen. Ihrem Gesicht war anzusehen, dass es sie immer noch Überwindung kostet, über diese schrecklichen Erinnerungen zu sprechen. Sie tut es dennoch. „Es ist schwer. Aber ich weiß, wie wichtig das ist“, sagt sie.

Die Gesichter der Schüler wurden nachdenklich, einige guckten betreten nach unten, während Eva Szepesi von abgemagerten Körpern, der Brutalität der Wärter und dem Verlust ihrer Familie berichtete.

„Das ist so furchtbar, ich kann mir das gar nicht vorstellen“, sagte Anna-Lena (14). Nach dem Vortrag herrschte Schweigen.„Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Nutzt die Chance“, ermunterte die Lehrerin und Koordinatorin der Veranstalter von Open Mind, Gabriele Hannemann.

Schließlich sprudelten die Fragen aus den Schülern heraus. Die Zeitzeugin zeigte sogar ihre eintätowierte Kennnummer. Auf die Frage, wie sie heute zu Deutschland stehe, sagte Eva Szepesi: „Ich verspüre überhaupt keinen Hass, aber ich kann nicht vergessen.“

„Die Tage in Auschwitz waren eine nicht endende Qual.“
Eva Szepesi (81), Zeitzeugin
Open Mind
Das Jugendbildungsprojekt Open Mind wurde 2002 vom Möllner Verein Miteinander Leben gegründet. Ziel des Projektes ist es, junge Menschen gegen Rassismus zu sensibilisieren und das Demokratieverständnis zu fördern.

„Leben mit dem gelben Stern“ ist ein Unterrichtsangebot von Open Mind, bei dem sich die Schüler durch den Kontakt mit Zeitzeugen auf einer persönlichen Ebene mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen.
„Ich finde das so schrecklich. Man kann sich das gar nicht vorstellen.“
Anna-Lena (14),
Schülerin

A. Röder und M. Kipp

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