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Lauenburg "Ich war nur ein Asylbewerber, der nicht sprechen kann"
Lokales Lauenburg "Ich war nur ein Asylbewerber, der nicht sprechen kann"
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21:35 22.12.2017
So stellte sich die Situation der Massenflucht, vor allem aus Syrien, vor etwa zwei Jahren auch im Kreis Herzogtum Lauenburg dar: Ankunft mit dem Nötigsten in Ratzeburg.

LN: Wann hatten Sie das erste Mal den Gedanken gefasst, aus Ihrem Heimatland weggehen zu müssen?  Amir Al Shaar (Name geändert): Als einmal nachts Soldaten in mein Haus stürmten und ich nicht wusste: Überlebe ich das oder nicht. Es herrscht Chaos und Rechtlosigkeit seit Kriegsbeginn in Syrien. Die Polarisierung ist zu gefährlich geworden für ein normales Leben dort. Jeder bei uns weiß von Fällen, da Menschen an Militär-Kontrollpunkten einfach erschossen wurden, weil sie ein Auto fuhren, das die Soldaten haben wollten. Oder man wird unter irgendeinem Vorwand inhaftiert. Viele überleben das nicht. Ich weiß, das kann sich in Deutschland kaum einer vorstellen. Der eigentliche Anlass für mich, mein Land zu verlassen, war der Einberufungsbefehl zum Militär. Einberufung bedeutet: Ab morgen musst du vielleicht Frauen und Kinder töten. Und bist früher oder später selber tot. Binnen fünf Tagen habe ich mich entschieden zu gehen.

Zur Person

Amir Al Shaar (Name v. d. Red. geändert), 30 Jahre, Syrer, wurde in einem Dorf im Bezirk Daraa geboren und studierte in Damaskus Mathematik und Pädagogik. Er verdiente bereits als lediger Lehrer seinen Lebensunterhalt, als er erste drastische Erfahrungen mit dem Militär machte, in das er demnächst eingezogen werden sollte: Vermummte Uniformierte, mutmaßliche Regierungssoldaten, überfielen sein Haus des nachts, bedrohten ihn und nahmen mit, was ihnen wertvoll erschien – ein im Syrien des Assad-Regimes kein ungewöhnliches Ereignis. Der wenig später folgenden Einberufung zum Kriegsdienst entzog sich der damals 27-Jährige durch Flucht. Der Sunnit wollte eigentlich im arabischen Kulturkreis bleiben und ging zunächst nach Algerien, unter anderem wegen einer günstigen Arbeitsprognose. Die bestätigte sich aber nicht. Danach versuchte Al Shaar sein Glück in Tunesien und Libyen, was sich aber schnell als unrealitisch für einen persönlichen Neuanfang erwies. Schließlich nahm der junge Mann den Weg, den viele Zigtausend andere auch wählten: Er ließ sich auf ein Schlepperangebot für eine Überfahrt nach Italien ein, bezahlte dafür 2000 Euro.

Da in Italien nach der Erstaufnahme und -versorgung wenig bis gar keine Hilfe für Flüchtlinge zu erwarten ist, zog Al Shaar schon nach kurzer Zeit weiter nach Deutschland und stellte hier einen Asylantrag. Der wurde unter Berufung auf das Dublin-Abkommen, wonach ein Flüchtling im ersten Ankunftsland Asyl beantragen muss, abgelehnt. Dem folgte der Abschiebungsbescheid, wovor sich der Syrer erfolgreich durch Kirchenasyl schützte. Aus dem Kirchenasyl heraus stellte er erneut einen Asylantrag, der - nun unter anderen Vorausstzungen - positiv beschieden wurde. Innerhalb von zwei Jahren erlernte Al Shaar die deutsche Sprache und arbeitet derzeit als Bearbeiter von Arbeitssuchenden aus arabischen Ländern im Jobcenter in einer Stadt in Mecklenburg-Vorpommern.

Ist es schwer für Sie als den Sunniten angehörender Muslim, sich in einem christlich geprägten europäischen Land zurecht zu finden? Ich glaube, das ist ein falsches Verständnis. Wie soll ich sagen – also wir haben Christen schon viel länger in Syrien als in Europa. In meiner Heimatstadt sind einige christliche Kirchen deutlich älter als in Europa. Und die Christen bei uns entstammen aus diesem Land. Wir hörten zu Hause den Muezzin, aber auch Kirchenglocken.

Welche Fremdsprachen konnten Sie zu Anfang? Ein bisschen Englisch. Deshalb, wegen der Sprache, hatte ich auch Angst und wollte eigentlich zunächst nicht nach Europa. Vor allem mit meinem Beruf als Lehrer.

Mit welchen Vorstellungen hinsichtlich Ihrer Zukunft haben Sie vor drei Jahren den Asylantrag gestellt? Ich wusste es damals nicht genau. Ich war ein bisschen wie im Traum. Alles war ziemlich unklar. Ich habe weniger über meine Zukunft nachgedacht als über das, was ich verloren habe. Mir war bewusst, dass meine bisherige aufgebaute Existenz als Lehrer plötzlich weg war. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass es meine Schuld war. Ich war an einem Nullpunkt. Ich war hier nur ein Asylbewerber, der nicht sprechen kann.

Kam bei Ihnen einmal ein Gedanke, dass Sie das nicht schaffen, dass Sie besser wieder zurück gehen? Klar war ja, dass ich nicht mehr zurück kann. Ich würde gleich verhaftet werden – und wäre wahrscheinlich nach ein paar Monaten tot.

Sie sind über Italien nach Deutschland gekommen. War Italien keine Perspektive für Sie? Ja, Italien hätte vielleicht einen Vorteil für mich gehabt: Man erkennt dort Ausländer vom Aussehen nicht so schnell wie in Deutschland. Aber in Italien fehlen ja schon Jobs für Italiener. Und es gibt keine Unterstützung vom Staat für Asylbewerber. Da sind für mich die Chancen in Deutschland einfach viel besser gewesen.

Ihr Asylantrag in Deutschland wurde ja abgelehnt und Sie erhielten dann einen Abschiebungsbescheid. Sie mussten eigentlich wieder nach Italien zurück, um dort im Erstaufnahmeland einen Asylantrag zu stellen. Aber Sie sind nicht nach Italien zurück gebracht worden. Ja, für mich war es sehr gut, dass das Abschiebungssystem in Deutschland nicht funktioniert. Das ist sehr schädlich für das Land. Aber es ist vor allem schlimm für die meisten flüchtenden Menschen: Da gibt es Fälle, dass Menschen fünf Jahre warten auf Anerkennungsbescheid und/oder Abschiebung. Er darf nicht bleiben, wird aber nicht abgeschoben. Dann ist das Leben – versaut. Wer erwartet eigentlich, dass Menschen nach solchen Zeiten, wo sie halb kaputt gegangen sind, vielleicht plötzlich fröhlich beginnen zu arbeiten wie jeder andere? Mich wundert es nicht, wenn die Perspektive oft nur noch Hartz IV auf Dauer ist.

Haben Sie etwas falsch gemacht bei ihrem Asylantrag? Ja. Das ist fast lustig: Ich hätte wohl nicht meinen richtigen Namen angeben und meinen Reisepass vorlegen sollen. Hätte ich keinen Pass gehabt und gesagt, ich bin Suleiman Mahmut aus Afghanistan, hätten sie nur meinen Fingerabdruck genommen. Und ich hätte aus Deutschland nicht woanders hingeschickt werden dürfen.

Ab welchem Zeitpunkt hatten Sie das Gefühl, es geht hier aufwärts für Sie? Als ich anfing zu arbeiten.

Wie lange wussten Sie nicht, ob es mit dem Asyl in Deutschland klappt oder nicht? Etwa ein Jahr und acht Monate. Aber mein großes Glück war, dass ich in Ratzeburg bei der Willkommenskultur gelandet war, weil ich hier so viel persönliche Unterstützung bekam. Ich habe ja angefangen zu arbeiten, bevor ich die Anerkennung bekam. Und auch dadurch habe ich in gut eineinhalb Jahren Deutsch gelernt. So ein Glück haben die meisten anderen Asylbewerber nicht. Schon ein paar Kilometer weiter ist es nicht so. Wo man nämlich nur mit Behörden zu tun hat.

Was wäre nach Ihren Erfahrungen für die Asylbewerber am wichtigsten? Die Integrationskurse müssen so früh wie möglich beginnen. Das ist zum Teil schon besser geworden. Sprache lernen ist am wichtigsten.

Und Arbeitsmöglichkeiten? Ohne Arbeitserlaubnis geht nichts, und da beginnen bürokratische Abläufe, die nur unzureichend an die Asylsituation angepasst sind. Auch nicht an die Arbeitswelt.

Sie sind jetzt nach drei Jahren eigentlich dort angelangt, wo ganz viele Geflüchtete hin wollen: Anerkennungsstatus, Sprache gelernt, Arbeit, Existenzaufbau. Ja. Nur, dass ich nicht in meinem Beruf arbeiten kann, weil mein Abschluss nicht anerkannt wird. Dafür gibt es noch einige Hürden. Zum Beispiel muss ich perfekt Deutsch sprechen können, ich habe nur ein Fach und keinen vorgeschriebenen Magister. Obwohl ich länger Mathematik studiert habe, als es in Deutschland nötig ist. Komischerweise könnte ich aber ab sofort als Vertretungslehrer arbeiten. Das größte Problem ist die Bürokratie. An entscheidenden Stellen sitzen zu viele Leute, die im Bewusstsein der Unkündbarkeit nicht das tun, was sie eigentlich tun müssten.

Als da wäre? Nach meiner Erfahrung fehlt es an Bereitschaft zu Flexibilität, über Grenzen der Zuständigkeit hinaus zu denken, Handlungsspielräume zu erkennen und anzuwenden. Allein das würde die Integration von Flüchtlingen stark beschleunigen. Das Problem ist doch: Je mehr bürokratische Hindernisse, desto eher die Gefahr der Desintegration, Schwarzarbeit, Gefahr des Abrutschens sogar in die Kriminalität.

Pauschal gefragt: Was ist an Deutschland gut, was weniger gut? Gut? Ja, man muss sagen, es stimmt, dass man in Deutschland alles bekommt. Sogar zehn Jahre lang oder mehr von Hartz IV leben kann. Aber das Schlimme ist, dass das System im Grunde das Verbleiben in Hartz IV unterstützt.

Was müsste anders laufen? Also, mehr Belohnung und Anreiz für Flüchtlinge, die Arbeiten wollen, und mehr Härte gegenüber denjenigen, die das System ausnutzen. Niemand ist doch wirklich auf Dauer daran interessiert, nur auf Hilfe vom Staat angewiesen zu sein.

Was muss getan werden, um die vielen jungen, teilweise schlecht ausgebildeten Männer, besser hier aufnehmen zu können? Wie ich schon sagte: Wenn er Unterstützung vom Staat braucht, gibt’s kein Problem. Wenn er arbeiten will, gibt’s Probleme. Das ist schon mal schlecht. Er wird gefördert, zu Hause zu bleiben. Arbeit zu finden, war für mich das Hauptproblem.

Was vermissen Sie am meisten in Ihrem Leben in Deutschland? Ich bin hier sozial gut angepasst, ich koche selbst gut und gerne und bekomme alle Zutaten hier. Ich vermisse natürlich meine Familie und meine frühere Schule.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor? Vielleicht für die nächsten zehn Jahre? Das ist von der beruflichen Entwicklung abhängig. Wenn ich vielleicht wieder als Lehrer arbeiten kann, würde ich wohl hier bleiben. Wenn nicht, würde ich wohl Deutschland in den nächsten fünf Jahren verlassen. Nach Syrien könnte ich erst wieder zurück, wenn das jetzige Regime nicht mehr da ist.

Sie gehören dem muslimischen Kulturraum an. Welchen Stellenwert weisen Sie der Religion in dem großen Thema Integration zu? In Syrien vor dem Krieg haben verschiedene Religionen friedlich nebeneinander gelebt. Religionen werden von Machtinteressen gesteuert und instrumentalisiert. Schlimm und gefährlich sind Politiker, die das ausnutzen. Und der Westen, der sich vor Flüchtlingen aus muslimischen Ländern zunehmend abschotten will, verkauft Waffen in die Regionen, in denen Flüchtlinge durch Krisen und Kriege produziert werden. Da stimmt doch so vieles nicht. Und zur Religion direkt: Ein Imam ist nicht immer der Schlaueste, steht aber immer unter Kontrolle der Regierung. Aber seine Meinung zählt bei den einfachen Leuten. Erst recht bei denen, die außer Koranlehre kaum andere Bildung genossen haben. Ohne Religion wäre Integration vielleicht viel einfacher. Aber auch mit Region ist es möglich.

Interview: Matthias Wiemer

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