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Lauenburg „Ich war nur ein Asylbewerber, der nicht sprechen kann“
Lokales Lauenburg „Ich war nur ein Asylbewerber, der nicht sprechen kann“
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20:10 22.12.2017
Ratzeburg

Wann hatten Sie das erste Mal den Gedanken gefasst, aus Ihrem Heimatland weggehen zu müssen?

Amir Al Shaar (Name geändert): Als einmal nachts Soldaten in mein Haus stürmten und ich nicht wusste: Überlebe ich das oder nicht. Es herrscht Chaos und Rechtlosigkeit seit Kriegsbeginn in Syrien. Viele überleben das nicht. Ich weiß, das kann sich in Deutschland kaum einer vorstellen.

Der eigentliche Anlass für mich, mein Land zu verlassen, war der Einberufungsbefehl zum Militär. Einberufung bedeutet: Ab morgen musst du vielleicht Frauen und Kinder töten. Und bist früher oder später selber tot. Binnen fünf Tagen habe ich mich entschieden zu gehen.

Ist es schwer für Sie, als den Sunniten angehörender Muslim, sich in einem christlich geprägten europäischen Land zurecht zu finden?

Ich glaube, das ist ein falsches Verständnis. Wie soll ich sagen – also wir haben Christen schon viel länger in Syrien als in Europa. In meiner Heimatstadt sind einige christliche Kirchen deutlich älter als in Europa. Wir hörten zu Hause den Muezzin, aber auch Kirchenglocken.

Mit welchen Vorstellungen hinsichtlich Ihrer Zukunft haben Sie vor drei Jahren den Asylantrag gestellt?

Ich wusste es damals nicht genau. Ich war ein bisschen wie im Traum. Alles war ziemlich unklar. Ich war an einem Nullpunkt. Ich war hier nur ein Asylbewerber, der nicht sprechen kann.

Ihr Asylantrag in Deutschland wurde ja abgelehnt und Sie erhielten dann einen Abschiebungsbescheid. Sie mussten eigentlich wieder nach Italien zurück, um dort im Erstaufnahmeland einen Asylantrag zu stellen. Aber Sie sind nicht nach Italien zurück gebracht worden.

Ja, für mich war es sehr gut, dass das Abschiebungssystem in Deutschland nicht funktioniert. Das ist sehr schädlich für das Land. Aber es ist vor allem schlimm für die meisten flüchtenden Menschen:

Da gibt es Fälle, dass Menschen fünf Jahre warten auf Anerkennungsbescheid und/oder Abschiebung. Dann ist das Leben – versaut.

Haben Sie etwas falsch gemacht bei ihrem Asylantrag?

Ja. Das ist fast lustig: Ich hätte wohl nicht meinen richtigen Namen angeben und meinen Reisepass vorlegen sollen. Hätte ich keinen Pass gehabt und gesagt, ich bin Suleiman Mahmut aus Afghanistan, hätten sie nur meinen Fingerabdruck genommen. Und ich hätte aus Deutschland nicht woanders hingeschickt werden dürfen.

Ab welchem Zeitpunkt hatten Sie das Gefühl, es geht hier aufwärts für Sie?

Als ich anfing zu arbeiten.

Was wäre nach Ihren Erfahrungen für die Asylbewerber am wichtigsten?

Die Integrationskurse müssen so früh wie möglich beginnen. Das ist zum Teil schon besser geworden. Sprache lernen ist am wichtigsten.

Und Arbeitsmöglichkeiten?

Ohne Arbeitserlaubnis geht nichts, und da beginnen bürokratische Abläufe, die nur unzureichend an die Asylsituation angepasst sind. Auch nicht an die Arbeitswelt.

Sie sind jetzt nach drei Jahren eigentlich dort angelangt, wo ganz viele Geflüchtete hin wollen: Anerkennungsstatus, Sprache gelernt, Arbeit, Existenzaufbau.

Ja. Nur, dass ich nicht in meinem Beruf arbeiten kann, weil mein Abschluss nicht anerkannt wird. Dafür gibt es noch einige Hürden. Zum Beispiel muss ich perfekt Deutsch sprechen können, ich habe nur ein Fach und keinen vorgeschriebenen Magister. Obwohl ich länger Mathematik studiert habe, als es in Deutschland nötig ist. Komischerweise könnte ich aber ab sofort als Vertretungslehrer arbeiten.

Das größte Problem ist die Bürokratie. An entscheidenden Stellen sitzen zu viele Leute, die im Bewusstsein der Unkündbarkeit nicht das tun, was sie eigentlich tun müssten.

Was muss getan werden, um die vielen jungen, teilweise schlecht ausgebildeten Männer, hier besser aufnehmen zu können?

Wenn er Unterstützung vom Staat braucht, gibt’s kein Problem. Wenn er arbeiten will, gibt’s Probleme. Das ist schon mal schlecht. Er wird gefördert, zu Hause zu bleiben. Arbeit zu finden, war für mich das Hauptproblem.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor? Vielleicht für die nächsten zehn Jahre?

Das ist von der beruflichen Entwicklung abhängig. Wenn ich vielleicht wieder als Lehrer arbeiten kann, würde ich wohl hier bleiben. Wenn nicht, würde ich wohl Deutschland in den nächsten fünf Jahren verlassen. Nach Syrien könnte ich erst wieder zurück, wenn das jetzige Regime nicht mehr da ist.

Sie gehören dem muslimischen Kulturraum an. Welchen Stellenwert weisen Sie der Religion in dem großen Thema Integration zu?

In Syrien vor dem Krieg haben verschiedene Religionen friedlich nebeneinander gelebt. Religionen werden von Machtinteressen instrumentalisiert. Schlimm und gefährlich sind Politiker, die das ausnutzen. Und der Westen, der sich vor Flüchtlingen aus muslimischen Ländern zunehmend abschotten will, verkauft Waffen in die Regionen, in denen Flüchtlinge durch Krisen und Kriege produziert werden. Da stimmt doch so vieles nicht. Und zur Religion: Ein Imam ist nicht immer der Schlaueste, steht aber immer unter Kontrolle der Regierung und wird von den Leuten geachtet. Ohne Religion wäre Integration hier vielleicht viel einfacher. Aber auch mit Religion ist es möglich.Das ungekürzte Interview lesen Sie auf LN-online

Interview: Matthias Wiemer

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