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Lauenburg „Ich will studieren und nicht töten“
Lokales Lauenburg „Ich will studieren und nicht töten“
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18:23 17.01.2015
Willkommen auf Deutsch und Arabisch: Patin Marlies Hoppe und der syrische Flüchtling Hanan Issa (21) haben eine enge Verbindung. Quelle: Röder
Sandesneben

Vielleicht wurde Hanan Issa einfach zur falschen Zeit am falschen Ort geboren. Der 21-Jährige ist intelligent, smart und ambitioniert. Und er ist mit einem Sprachtalent gesegnet, dass ihm eigentlich alle Türen öffnen sollte. Doch in seiner Heimat Syrien herrscht Krieg. Diejenigen, die dort überleben, stehen vor ihren zerstörten Häusern, Existenzen und Zukunftsperspektiven. Issa hatte nur fünf Monate die Chance, an einer Universität zu studieren. Danach musste er fliehen. In Deutschland kämpft er nun um eine zweite Chance auf Bildung und ein normales Leben. In seiner Patin Marlies Hoppe aus Lüchow hat er nicht nur eine engagierte Unterstützerin, sondern auch eine enge Freundin gefunden.

Er will die Fragen ausschließlich auf Deutsch beantworten. Das ist ihm wichtig. Während des ganzen langen Gesprächs kommt ihm nur ein einziger englischer Ausdruck über die Lippen: „Better Way of Life“. Eine bessere Lebensart, das wünscht sich der junge Mann mit dem wachem Blick und dem charmanten Lächeln. Es ist kaum zu glauben, dass er erst vor vier Monaten angefangen hat, Deutsch zu lernen. Issa ist ein Sprachtalent. Er spricht fließend arabisch, kurdisch, englisch, bulgarisch und türkisch. Außerdem kann er etwas russisch und Farsi. Jetzt lernt er Deutsch.„Das ist meine Lieblingssprache“, erklärt der Syrer. Er verbinde viel Gutes mit ihr.

Das hat er auch seiner Patin Marlies Hoppe zu verdanken. Durch ihre langen, intensiven Gespräche haben die beiden nicht nur Vokabeln gelernt. Der Muslim und die Atheistin haben einen tiefen Einblick in die Kultur, Wertvorstellung und Persönlichkeit des anderen bekommen. „Ich habe viel dazu gelernt“, sagt Hoppe. Sie sei wie eine Mutter, sagt Issa. Ihre Augen glänzen nach diesem Satz. Der 21-Jährige bekommt auch Sprachunterricht. Jeden Tag fährt er stundenlang mit einer katastrophalen Busverbindung von Lüchow zum Möllner Berufsbildungszentrum. Der lange Weg hält ihn nicht auf, er hat weitaus schlimmere Bustouren hinter sich.

Mit dem Bus floh Issa im Jahr 2012 aus seiner Heimatstadt Aleppo in die Türkei und später weiter nach Deutschland. Zu dieser Zeit erreichte der Bürgerkrieg zwischen dem Diktator Baschar al- Assad und den Oppositionellen einen Höhepunkt. Auch die Terrororganisation IS baute ihr Netzwerk auf. Für die kurdische Familie eine besondere Bedrohung. Ein Jahr später erschütterte der Giftgasangriff auf die Zivilbevölkerung die Welt. Issa hatte bei seiner Flucht nur seine Klamotten am Leib. Sein Zuhause wurde bei einem Bombenangriff zerstört. Seine Familie konnte sich gerade noch retten. Aber alle Habseligkeiten und sämtliche Zeugnisse wurden zerstört. Er hat gehört, wie die Flugzeuge mit röhrenden Motor näher kommen, während auf dem Boden Panzer vorrückten. Das kann er nicht vergessen. Von seiner Heimatstadt Aleppo ist kaum noch etwas übrig. Mit 19 Jahren floh er alleine. Monatelang hatte er keinen Kontakt zu seiner Familie, die später ebenfalls in die Türkei floh. Er hat keine Worte für den Moment, als er das erste Mal mit ihnen per Skype sprechen konnte.

Als ältester Sohn hätte er in Assads Armee mitmarschieren müssen. Er erzählt, wie Männer vom Militär den Studenten vor der Uni auflauerten. „Ich will zur Universität gehen und keine Menschen töten“, sagt Issa. Er hat Ökonomie studiert. Jetzt möchte er Dolmetscher werden. Er dolmetscht bereits ehrenamtlich für Flüchtlinge. Doch er weiß nicht, ob sein Abiturzeugnis hier anerkannt wird. Er sei lange zur Schule gegangen, für ihn sei es wichtig, weiterzumachen. Ein Uniabschluss sei sein Traum.

Letzte Woche hat Issa eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis bekommen. Die Chance will er nutzen. Er weiß, dass Bildung eine bessere Zukunft bedeutet. Egal, wo auf der Welt.

Syriens Leid

2012 bekriegen sich die syrische Regierung und die Opposition. Im Juli startet die Regierung eine Offensive auf die Millionenstadt Aleppo. Nach Angaben der Vereinten Nationen fliehen bis zum November 400 000 Syrier vor der Gewalt.

2013 sterben Bürger der Region Ghuta östlich von Damaskus durch eine Reihe von Giftgasangriffen. Bei den widersprüchlichen Angaben ist von 281 bis 1729 Todesfällen die Rede.
2014 ruft die Terrororganisation Islamischer Staat im Osten Syriens das Kalifat aus.
Neue Initiative in Sandesneben: 100 Menschen helfen Flüchtlingen
Im Amt Sandesneben-Nusse ist ein Netzwerk aus etwa 100 Menschen entstanden, die sich besonders für Flüchtlinge engagieren. Die neu gegründete Flüchtlingsinitiative besteht aus drei Säulen: Die Verwaltung, die Kirche und zahlreiche ehrenamtliche Helfer, denen das Schicksal der Asylbewerber nicht egal ist. Gemeinsam wollen sie direkt vor Ort helfen und Zeichen setzen für Toleranz und Nächstenliebe.
Gemeinsam mit den Kirchengemeinden Sandesneben und Nusse-Behlendorf sowie dem Verein „Hoffnungsgrund“ rief das Amt zu Flüchtlingspatenschaften auf. „Bislang haben sich schon 55 Menschen als Paten bei uns gemeldet“, sagt Sozialamtsleiter Sebastian Flint. Die Paten begleiten die Flüchtlinge zum Arzt oder einer Behörde. Durch sie können sich die Asylsuchenden in dem fremden Land besser zurechtfinden. Außerdem helfen sie, ihnen die Sprache beizubringen, was für die Flüchtlinge neben der Grundversorgung das Wichtigste ist. Oft entstehen wie bei Patin Marlies Hoppe enge Bindungen zwischen den Menschen aus unterschiedlichen Kulturen.„In Zeiten von Pegida und Co sind derartige Aktionen ein wichtiges Signal“, sagt die Pressesprecherin des Vereins, Marion Kamp.
Bei dem ersten Treffen im November organisierte der Verein auch Sachspenden für die Flüchtlinge und Veranstaltungen. Derzeit leben 73 Flüchtlinge im Amt. Bislang konnten sie alle in Mietwohnungen untergebracht werden. „Die erste Flüchtlingsinitiative in unserer Region ist gegründet. Jetzt fehlt ihr nur noch ein Name“, sagt Flint mit einem Lächeln. ar Das „Café International“ am Freitag, 23. Januar, ab 16 Uhr im Sandesnebener Gemeindehaus ist die nächste Veranstaltung der Flüchtlingsinitiative.

Alessandra Röder

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