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Integration statt Hass in Escheburg

Escheburg Integration statt Hass in Escheburg

Vor einem Jahr legte ein Nachbar Feuer in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft — Deutschland blickte auf das Dorf.

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Feuerwehrleute löschen in der beschaulichen Escheburger Siedlung. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass ein Nachbar Feuer gelegt hatte.

Quelle: Fotos: Timo Jann

Escheburg. Am liebsten wäre es ihm, man würde an den heutigen Tag gar nicht großartig erinnern. „Es herrscht ja endlich Ruhe im Dorf“, sagte gestern Escheburgs Bürgermeister Rainer Bork. Doch heute vor einem Jahr gelangte der 3300-Einwohner-Ort plötzlich deutschlandweit in die Medien: Auf ein Holzhaus in der Siedlung am Golfplatz war ein Brandanschlag verübt worden. Wenige Stunden, bevor dort irakische Flüchtlinge einziehen sollten. Das Entsetzen war groß. Linke demonstrierten gegen Rechte, Ministerpräsident Torsten Albig zeigte ebenso Flagge wie Hunderte Bürger.

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Brandspuren: Der Täter schlug ein Fenster ein, verschüttete Pinselreiniger und legte Feuer.

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Die Polizei klärte die Sache schnell auf. Ausgerechnet der direkte Nachbar Kim-Alexander M. hatte eine Fensterscheibe eingeschlagen und Pinselreiniger sowie Zündhölzer ins Haus geworfen. Bereits im Mai musste er sich dafür vor dem Lübecker Landgericht verantworten. Zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren wurde er verurteilt. Dem Amt Hohe Elbgeest, dem die betroffene Immobilie gehört, erstattete er 19884 Euro — den Schaden, den seine Tat verursacht hatte. Längst leben in dem renovierten Holzhaus 15 Flüchtlinge.

Kim-Alexander M. hat seine Doppelhaushälfte unterdessen verkauft und Escheburg verlassen. Schon vor Gericht hatte sein psychiatrischer Gutachter erklärt, dass der Angeklagte fürchtet, sein Leben lang als „Der Brandstifter von Escheburg“ gebrandmarkt zu sein. Dabei hatte M. die Tat nur ausgeübt. Vor Gericht war deutlich geworden, dass viele Escheburger aus Angst vor dem Unbekannten aufgewühlt waren. Man fühlte sich schlecht informiert. Als Worte und Drohungen nichts halfen, hatte M. zum Pinselreiniger gegriffen. „Die Flüchtlinge tun ihm nicht leid. Dazu hat er nichts gesagt. Er tut sich selbst leid“, begründete die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz ihr Urteil, mit dem sie über der Forderung der Staatsanwältin lag. Sie hatte im Prozess „echte Reue“ des geständigen Angeklagten vermisst. Zunächst legte M. noch Widerspruch ein, zog diesen dann aber zurück.

Und heute in Escheburg? Dort leben aktuell 60 Flüchtlinge. Wenn im Frühjahr eine zweite Container-Wohnanlage am Radelsweg fertig ist, werden es 80 sein. „Wir haben einen sehr aktiven Helferkreis, der sich toll um die Flüchtlinge kümmert“, berichtet Bork. „Einige Flüchtlinge spielen schon im Fußballverein mit, andere gehen zum Sprachunterricht und pauken ordentlich“, weiß der Bürgermeister zur berichten. Das Kapitel Brandanschlag möchte er abhaken. „Das reißt doch nur alte Wunden wieder auf“, sagt Bork, der wie M. zur Wählergemeinschaft im Ort gehört.

Das kleine Escheburg „wurde und wird nun mit Fremdenfeindlichkeit in Verbindung gebracht“, hatte Staatsanwältin Anne Bobeth in ihrem Plädoyer gesagt. Aber die Tat von Escheburg hat ein besonderes Alleinstellungsmerkmal: 2015 gab es laut Bundeskriminalamt insgesamt fast 900 Übergriffe auf Flüchtlinge, 90 Mal schlugen Brandstifter an Unterkünften zu. Als einziger Brandstifter bei allen diesen Fällen wurde bisher nur Kim-Alexander M. verurteilt.

Anschläge in der Region

Der Fremdenhass in der Region ging auch nach Escheburg weiter. Am 10. Mai 2015 brachen fünf Jugendliche nachts die Haustür einer Unterkunft in Büchen auf. Sie randalierten im Hausflur, schlugen mit Steinen und Verkehrsschildern gegen Wohnungstüren. Sie werden schnell ermittelt und wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung angeklagt. Ein Täter wird zu zehn Monaten Haft verurteilt. Die anderen vier erhalten Jugendarrest und Geldstrafen. Am 11. Oktober 2015 brennt ein für die Unterbringung von Flüchtlingen vorgesehenes Mehrfamilienhaus in Boizenburg ab. Der Täter wurde noch nicht ermittelt.

Timo Jann

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