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Lauenburg Jugendzentrum lädt zu „Killerspielen“
Lokales Lauenburg Jugendzentrum lädt zu „Killerspielen“
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13:45 13.04.2017
Bei „GTA 5“ (FSK 18), das in Lauenburg laut Pressemitteilung des „JUZ“ gespielt werden soll, können die Spieler als Gangster durch die Stadt laufen und das Feuer auf Touristen eröffnen. Die Redaktion hat sich entschieden, Szenen ohne Blut zu zeigen.
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Lauenburg

Seitdem bekannt ist, dass der Attentäter vom Olympia-Einkaufszentrum 2016 in München Gewaltspiele spielte, ist die Debatte um deren Einfluss auf die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen neu entflammt. Vor diesem Hintergrund irritiert eine Pressemitteilung der Stadtjugendpflege in Lauenburg: Das Jugendzentrum (JUZ) lädt am 29. April zu einer Netzwerk-Spiele-Party in der Albinus-Schule, bei der Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren neben Minecraft (Altersfreigabe (FSK) 6) auch Spiele wie „Grand Theft Auto 5“ (FSK ab 18), Unreal Tournament (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) 18) oder „Battlefield 3“ (FSK 16) spielen dürfen. Es geht um Krieg und Mafia-Gewalt. Blutiges Töten in HD-Qualität zieht sich wie ein roter Faden durchs Gameplay.

Lauenburger „JUZ“ veranstaltet Netzwerk-Partys mit Spielen, die erst ab 18 frei sind – In Albinus-Schule wird mit städtischer Hilfe Krieg gespielt.

„Als Pädagogin muss ich nicht jedes dieser Spiele kennen. Bianca Nagel,

„JUZ“ Lauenburg

„Ich muss als Pädagogin nicht jedes dieser Spiele kennen. Dafür hole ich mir Kollegen als Unterstützung“, verteidigt sich Bianca Nagel, Leiterin des Jugendzentrums auf Anfrage der LN. Man müsse doch irgendwie an diese Jugendlichen ’rankommen. Man solle sich nichts vormachen. Zu Hause spielten einige diese Spiele doch auch. Und weiß die JUZ-Leiterin auch, dass viele der aufgeführten Spiele besonders gewalttätig sind und nichts für 16-Jährige? „Ich kann ihnen nicht sagen, wer genau diese Spiele spielt. Unser Konzept ist aber nicht, einen Abend mit Ballerspielen anzubieten.“ Die Kinder brächten ihre eigenen Rechner mit und zockten bei den LAN-Partys, was sie sonst auch spielten.

Die genannten Spiele sind harte Kost – das zeigen Videos auf Youtube. Bei „GTA 5“ gibt es eine Mission, in der der Protagonist Informanten mittels Folter per Elektroschocker zum Reden bringt. Ein Video zeigt, wie der „Spieleheld“ ein Dutzend Personen an eine Wand stellt und mit automatischem Gewehr erschießt. Alles ist mit einem fröhlichen Reggaesound unterlegt. Es mutet an wie die Szene aus einem Tarantino-Film. Brutalität bekommt dabei etwas Humorvolles, worüber sich User in Kommentaren amüsieren. Furchterregend ist die Welt von „Battlefield 3“. So muss echter Krieg sein – mit Schmerzensschreien, Blut und Körpern, die realistisch zusammensacken.

Im JUZ Lauenburg wurde laut Nagel im vergangenen Herbst erstmals mit technischer Unterstützung des städtischen Systemadministrators eine LAN-Party in der Aula der Albinus-Gemeinschaftsschule veranstaltet. Am Tag werden demnach nur Spiele wie Minecraft (FSK 6) gespielt. Wer 16 Jahre alt ist, darf auch über 20 Uhr hinaus bleiben. Auf der Homepage „www.lauenburg-lan.de“, bei der Bianca Nagel im Impressum steht, werden auch die Cover der Spiele „Counter-Strike“ und des Kampfsportspiels „Unreal Tournament (USK 18)“ gezeigt. Die Teilnehmer in der Nacht seien zwischen 16 und 18 Jahre alt. Doch lässt es sich in einer Aula vermeiden, dass auch 16-Jährige einen Blick auf den Bildschirm der 18-Jährigen erhaschen?

Es gäbe Einleitungsvorträge, in denen über Ethik und auch über die Grenzen von Realität und Spiel gesprochen werde, erklärte Nagel. Und ohne Erlaubnis der Eltern dürften unter 18-Jährige nicht an den Partys teilnehmen. Mario Contrino, Student der „Sozialen Arbeit“ und seit zwei Jahren studentischer Mitarbeiter in der Lauenburger Jugendarbeit, ist bei den LAN-Partys anwesend: „Wir achten darauf, dass die Jüngeren keine Spiele spielen, dir erst ab 18 sind“, sagte er. Es entstehe unter den Jugendlichen eine bessere Kommunikation, wenn sie bei Netzwerk-Partys in einem Raum spielten, als wenn sie allein zuhause im Internet spielen. Contrino: „Ich kenne Studien, die belegen, dass diese Spiele nur minimal gewaltverherrlichend sind.“

Stadtjugendpflegerin Friederike Betge nimmt Nagel in Schutz. „Gerade dadurch, dass man diese Spiele hinterfragt, kann man bei den Jugendlichen Barrikaden aufbrechen.“ Die sozialen Kompetenzen würden meist dann ausgeschaltet, wenn eine starke Isolation der Jugendlichen vorliege. Eher die Häufigkeit des Spielens von Gewaltspielen und die Situation, in und der sich Jugendliche befänden, spiele bei den Auswirkungen von Computerspielen auf die Gewaltbereitschaft eine Rolle. Betge: „Das diese Spiele aus pädagogischer Sicht nicht unbedingt als Einstieg geeignet sind, da stimme ich zu.“

Wissenschaftler: Gewaltspiele vermindern Empathie

Die Auswirkungen von Gewaltspielen auf Jugendliche wird von der Wissenschaft untersucht. Laut Psychologie-Professor Tobias Rothmund von der Uni Koblenz gebe es bereits zahlreiche Hinweise darauf, dass Gewaltspiele auch langfristig das Verhalten und Erleben von Menschen beeinflussen könne. (blog.uni-koblenz-landau.de). Dass Gewaltspiele Amokläufe auslösen können, bezweifelt er aber: „Amokläufe sind eine untypische Form von aggressivem Verhalten und sehr selten“, so Rothmund. Fest steht: Der norwegische Massenmörder Breivik spielte Killerspiele. Der 18-jährige Deutsch-Iraner, der am Olympia-Einkaufszentrum in München 2016 scheinbar wahllos auf Passanten schoss, spielte sie. Und die Terrororganisation IS nutzt gewaltverherrlichende Games als Propaganda

(www.n-tv.de). Laut Dr. Christian Montag vom Institut für Psychologie in Bonn (www.uni-bonn.de) lässt regelmäßiges Ego-Shooter-Spielen Emotionen abstumpfen und vermindert die Empathie. Psychologen und Neurologen untersuchten dabei die Hirnaktivität bei „Ballerspielen“. fg

 Florian Grombein

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