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KZ-Zeitzeuge berührt Schüler

Schwarzenbek KZ-Zeitzeuge berührt Schüler

Der Jude Tswi Herschel (73) schilderte 15- und 16-Jährigen der Regionalschule Nordost in Schwarzenbek seinen Weg — Der Israeli wirbt für mehr Toleranz in der Welt.

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Der Jude Tswi Josef Herschel (73) aus Israel sprach vor Schülern der Regionalschule Nordost über seine Kindheit unter Nazi-Herrschaft. Als Baby wurde er von seinen Eltern im KZ einer Freundin übergeben, die ihn in Sicherheit brachte.

Quelle: Fotos: Silke Geercken

Schwarzenbek. Das ist selten im Unterricht: Es war totenstill im Raum, als Tswi Herschel (73) aus Israel seine Geschichte erzählte. Die Schüler der 9. und 10. Klassen der Regionalschule Nordost in Schwarzenbek lauschten gestern gebannt den Schilderungen des Holocaust-Überlebenden. So emotional berührt waren sie wohl lange nicht. Das Unterrichtsprojekt wird einige Zeit nachwirken, denn so schnell kann man den Lebensweg des Erzählers, der mit vier Monaten von Freunden seiner jüdischen Eltern aus dem Getto in Amsterdam in eine christliche Familie gebracht wurde, nicht vergessen. „Ich hoffe, dass meine Geschichte dazu beitragen wird, den heutigen Flüchtlingen mit mehr Toleranz zu begegnen“, sagte Tswi, der mit seiner Tochter Natali (48) gekommen war. Tswi engagiert sich seit 1991 in der Aufklärungsarbeit, erzählt seinen Weg in Israel und Europa.

Der einstige Maschinenbauingenieur und Unternehmer (150 Mitarbeiter) hat ein Ziel: „Ich möchte die Erinnerung an meine Eltern und an die sechs Millionen ermordeten Juden wach halten und hoffe, dass die Jugendlichen aus meiner Geschichte lernen“, sagt Tswi, der 1982 sein Unternehmen in Amsterdam verkaufte und 1986 mit seiner Familie nach Israel einwanderte. Er hat zwei Töchter und einen Enkel, der am 27. Juli 2002 geboren wurde. Für ihn ein bedeutendes Datum: am 27. Juli 1943 sind seine Eltern im KZ Westerbork ermordet worden. Erstaunlich: Tswis Vater, der nur 27 Jahre alt werden durfte, hatte nach der Geburt seines Sohnes dessen Weg in 24 Bildern aufgezeichnet — viele der Visionen haben sich in den folgenden Jahren erfüllt. Tswi hat diese Zeichnungen und andere Unterlagen erst mit acht Jahren bei seiner Großmutter väterlicherseits entdeckt, erst damals erfahren, dass er Waise ist. Der kleine Junge begann zu fragen.

Als 18-Jähriger schloss er sich der zionistischen Bewegung in den Niederlanden an, begann mit Recherchen. Seine fast unglaubliche Geschichte wird im United States Holocaust Memorial Museum in Washington dargestellt: Tswi Herschel war vier Monate jung, als er mit seinen Eltern im Amsterdamer Getto landete. „Ihr einziges Verbrechen war, dass sie jüdische Eltern hatten“, sagt Tswi. Seine Eltern wussten, dass sie sterben würden und übergaben das Baby einer Freundin. Er kam über Umwege zu der protestantischen Familie De Jongh in Osterbeek. Mit fünf „Geschwistern“ wuchs er behütet auf.

„Meine biologischen Eltern habe ich nie kennengelernt. Bei den De Jonghs habe ich es sehr gut gehabt. Keiner durfte sich öffentlich wundern, dass ich im Gegensatz zu meinen blonden Geschwistern schwarze Locken hatte“, sagt Tswi.

Im Alter von drei Jahren dann ein neues Trauma: Der kleine Junge wurde von seiner richtigen Oma von heute auf morgen von der Pflegefamilie weggerissen, hatte Kontaktverbot. „Ich musste plötzlich eine neue Religion lernen, in einer fremden Sprache beten, koscher essen“, sagt Tswi. Ein halbes Jahr habe er täglich geweint, dann habe seine Oma nachgegeben und Besuche erlaubt. Danach war sein Weg nicht mehr ganz so steinig: Tswi wollte immer zurück nach Israel, doch zunächst studierte er Maschinenbau, heiratete seine Jugendliebe, baute in Amsterdam sein Unternehmen auf. Das Verhältnis zu seiner Oma blieb schlecht.

1986 segelte das Paar mit den Töchtern drei Monate von Amsterdam nach Israel, wo er jetzt lebt, wo sein Enkel geboren wurde. „Meine Kraft ist das positive Denken“, sagt er. 51 Jahre habe er gebraucht, um heraus zu finden, wie er zu der Familie De Jongh gekommen war. Eine Schwester (86) lebe noch. „Wir telefonieren einmal pro Woche.“

Die Schüler waren betroffen,bedankten sich mit einem Geschenk.

Viele gebrochene Zweige
Mein Stammbaum hat viele gebrochene Zweige“, sagt Natali Herschel, die auf Englisch den Schülern erzählte, wie sie die Geschichte ihres Vaters als Kind erlebte. Sie habe als Vierjährige ihre Eltern gefragt, warum die anderen Kinder von ihrer Oma aus der Kita abgeholt wurden, sie aber nie. „Mein Vater hat nichts erzählt, aber wir tragen das Trauma in uns, denn wir haben keine Familie. Es gibt keine Großeltern, keine Tanten, keine Cousinen. Es bedarf vier Generation, bis sich der Familienstammbaum erholt hat. Wir möchten mit unseren Vorträgen für eine bessere Welt mit mehr Toleranz werben.“



Veranstalter des Vortrags war das Möllner Jugendbildungsprojekt Open Mind. Es unterstützt Lehrer aller Schulen, das Thema Holocaust im Unterricht als etwas Konkretes und persönlich Berührendes zu erfahren — durch den Kontakt zu Zeitzeugen oder das Erspüren von Tatorten.



Ansprechpartner ist Gabriele Hannemann, E-Mail: yadruth@gmx.de, unterstützt vom Bundesprogramm „Vielfalt tut gut“.

Silke Geercken

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