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Langeweile? Mehr Eigeninitiative gefragt

Salem Langeweile? Mehr Eigeninitiative gefragt

Thema beim Salemer Dialog war „Jugend auf dem Lande — Zwischen Facebook und Feuerwehr“.

Salem. Die Schule als eine Institution der Kontrolle und ständiger Leistungsabfragen, die unbefriedigende Verkehrssituation als Mobilitätshemmer, das Internet und soziale Netzwerke als Aufmerksamkeitssauger und bequeme Eltern als Demotivatoren sind offenbar die Hauptgründe, wenn Jugendliche auf dem Land nichts mit sich anfangen können, sich langweilen und ziellos sind. Das ist das — überspitzt formulierte — Fazit des 10. Salemer Dialogs, der sich am vergangenen Sonntagnachmittag um das Thema „Jugend auf dem Lande — Zwischen Facebook und Feuerwehr“

drehte.

Zum Einstieg in die Diskussionsrunde erzählte Moderatorin Gabriele Heise aus einem Internet-Chat. Da hatte eine 13-Jährige gepostet: „Ich wohne in einem 500-Leute-Dorf auf dem Land. Hier ist nichts los. Was kann man tun gegen die Langeweile?“ Leider waren nur etwa 40 Zuhörer — darunter auch nur zwei Jugendliche — gekommen, viele hatten offenbar das EM-Handballfinale zwischen Deutschland und Spanien bevorzugt. Immerhin beteiligte sich Benny Brodersen (16), Sohn des Diskussionsteilnehmers Jens-Uwe Brodersen, sehr rege und erzählte die Dinge aus seiner Sicht.

Als „offizielle“ Gäste saßen mit am Podiumstisch der besagte Jens-Uwe Brodersen, achtfacher Vater („drei leibliche, drei eingeheiratete und zwei Pflegekinder“) aus Salem und Fußballtrainer im TuS Seedorf/Sterley, Jens Timm und Ina Schlichting von der Feuerwehr Dargow und Salem, Arne Strickrodt, Geschäftsführer des Kreisjugendrings in Mölln, Wolfgang Reetz, Gemeinschaftsschule Ratzeburg, Leiter des Insight-Team, pädagogische Sondermaßnahme für Schulen im Kreis Herzogtum Lauenburg, und Tanja Derlin-Schröder, angehende Diakonin und Delegierte des Jugendpfarramts Ratzeburg.

An Angeboten — sei es sportlich oder musisch, von Vereinen, der (Jugend-)Feuerwehr, der Landjugend, vom Kreisjugendring oder einfach auch von privaten Initiativen — scheint es auf dem Land eigentlich nicht zu mangeln. Das größte Problem sowohl für die Anbieter als auch für die möglichen Nutzer ist, dass sich die Unterrichtszeiten an den Schulen in den vergangenen Jahren ständig ausgeweitet haben.

Durch den Umbruch in der Gesellschaft, der zunehmend beide Elternteile in den Beruf zwingt, sind diese darauf angewiesen, dass ihre Kinder tagsüber „betreut“ werden. So ist die (offene) Ganztagsschule für viele Eltern ein Segen. Für (Sport-)Vereine und Verbände dagegen „die Hölle“. „Wir haben unsere Übungszeiten auf den späten Nachmittag beziehungsweise frühen Abend verlegen müssen, weil die meisten Kinder erst so spät aus der Schule nach Hause kommen“, erklärt Ina Schlichting von der Schaalsee-Jugendfeuerwehr. Da mindestens ein Jugendlicher aus jedem der zwölf Mitgliedsdörfer dabei ist, leidet die Jugendwehr glücklicherweise noch nicht unter Nachwuchssorgen. Problematischer sei es vielmehr, die Kinder und Jugendlichen auch immer zum jeweiligen Veranstaltungsort zu bringen. „Früher war es viel leichter, Fahrgemeinschaften zu bilden“, erklärte Salems Bürgermeister Herbert Schmidt. Hier sei wieder mehr Eigeninitiative sowohl von den Eltern als auch von den Kindern verlangt. Einig waren sich fast alle Diskussionsteilnehmer, dass der Öffentliche Personennah- beziehungsweise der Schulbusverkehr stark verbesserungswürdig sei. „Ein Mädchen, das in einem kleinen Ort bei Sandesneben wohnt, erzählte mir, dass sie nur drei Möglichkeiten hat, mit dem Bus aus ihrem Dorf zu kommen: um 6, um 7 und um 7.15 Uhr“, berichtete Tanja Derlin-Schröder. Dies sei auch der Grund, „dass wir manche Dörfer, ganze Landstriche gar nicht mehr erreichen und dass wir dann auch immer weniger Konfirmanden haben“.

Arne Strickrodt bestätigte dieses Problem für den Kreisjugendring und erklärte, dass die mobile Spieliothek vermehrt Schulen ansteuere, weil die Kinder tagsüber kaum noch in ihren Wohnorten anzutreffen seien. Wolfgang Reetz kritisierte vor allem das System Schule: „Chillen, zocken, mit Freunden treffen. Das sind die Antworten, wenn ich Jugendliche nach ihrer Lieblingsbeschäftigung frage“. Die Schule böte hier gar keine Lösungen an. „Ich habe selbst 30 Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet. Was dort gefragt ist, sind Teamfähigkeit, Frustrationstoleranz, Engagement, Belastbarkeit. Aber an unseren Schulen herrscht nur Zensurenfetischismus.“ Hinzu käme, dass die Kinder nach einem langen Schultag — oft erst um 17 Uhr wieder daheim — auch noch Hausaufgaben machen müssten. „Wann sollen sie denn dann noch zum Sport, zur Kirche oder zur Feuerwehr?“

Ein großes Problem seien oft auch die Eltern, berichtete Jens-Uwe Brodersen. Viele seien selbst zu bequem, um ihren Kindern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen, und sei es allein dadurch, dass sie sie auch fahren.

Am Ende verlas Moderatorin Gabriele Heise eine Antwort eines gleichaltrigen Jugendlichen auf die oben genannte Frage des Mädchens aus dem 500-Leute-Dorf: „Klingel doch mal bei den 499 anderen Leuten und frage, ob Du ihnen einen Gefallen tun kannst. Dann hast Du die nächsten Jahre keine Langeweile mehr . . .“

Joachim Strunk

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