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Lauenburg Letzte Kämpfe im Frühjahr 1945
Lokales Lauenburg Letzte Kämpfe im Frühjahr 1945
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21:26 14.04.2015
Britische Soldaten überqueren am 29. April 1945 über eine Pontonbrücke die Elbe und marschieren in Lauenburg ein. Quelle: Imperial War Museum
Ratzeburg

Als die Fronten näher rückten, wurden auch im Kreis Herzogtum Lauenburg Vorbereitungen für die erwarteten Kämpfe getroffen. Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, hatte noch am 12. April 1945 einen Befehl erlassen, der auch in der „Lauenburgischen Landeszeitung“ veröffentlicht wurde. „Mit allen Mitteln“ sollten jede Stadt und jedes Dorf verteidigt werden: „Jeder für die Verteidigung eines Ortes verantwortliche deutsche Mann, der gegen diese selbstverständliche nationale Pflicht verstößt, verliert Ehre und Leben.“

Für den Jahrgang 1929 der Hitler-Jugend waren zweitägige Lehrgänge abgehalten worden, um die 16-jährigen Jungen im Umgang mit Panzerfäusten auszubilden. An vielen Stellen des Kreises begann der Ausbau von Stellungen, Schützenlöchern und Schützengräben, vielerorts wurden sogenannte „Panzersperren“ aus Baumstämmen errichtet und mit Minen zusätzlich gesichert. Die Brücken über den Elbe-Lübeck-Kanal wurden von Soldaten einer Pioniereinheit für die Sprengung vorbereitet.

Mit Schwimmpanzern

über die Elbe

All diese Maßnahmen kamen allerdings über die Anfänge nicht hinaus und bleiben letztlich völlig wirkungslos. Nachdem die Briten die Elbe am 19. April erreicht hatten, wurde bei Witzeeze ein Generalkommando eingerichtet, das eine improvisierte „Elbverteidigung“ aufzubauen versuchte. Der Zustand der deutschen Truppen war denkbar schlecht. Neben zusammengewürfelten Resten alter Einheiten kamen auch Jugendliche zum Einsatz, die kaum eine militärische Ausbildung erfahren hatten. Die Ausrüstung war unzureichend, an schweren Waffen fehlte es fast ganz.

In den frühen Morgenstunden des 29. April 1945, einem Sonntag, setzten die britischen Truppen nach heftigem Artilleriebeschuss mit gepanzerten Fähren und Schwimmpanzern bei Artlenburg und am Glüsinger Grund über die Elbe und bildeten einen Brückenkopf. Nicht nur unter den beteiligten Einheiten, sondern auch unter der Zivilbevölkerung gab es bei dieser „Operation Enterprise“ zahlreiche Opfer. Schon am Vormittag wurde die Stadt Lauenburg besetzt. Bis zum Sonntagabend konnte der britische Brückenkopf rasch ausgebaut werden, und die Angreifer gingen in Richtung Krüzen, Lütau und Basedow vor, wo ein SS-Panzergrenadier Ausbildungs- und Ersatzbataillon in Stellung lag. Weiter östlich gelang es schottischen Einheiten, am Spätnachmittag des 29. April das Waldstück Stötebrück und das Dorf Basedow selbst einzunehmen.

Am frühen Morgen des 30. April traten die Glasgow Highlanders zum Angriff auf Lütau an. Bei den Kämpfen fielen 21 Soldaten des SS-Bataillons und fünf britische Soldaten. Bei Basedow erfolgte der letzte konzentrierte Gegenangriff der deutschen 245. Infanterie-Division auf den britischen Brückenkopf. Der Angriff scheiterte unter erheblichen Verlusten und gegen Abend traten die Briten zu einem Gegenangriff an. Die dezimierten deutschen Einheiten bezogen Stellungen zwischen dem Elbe-Lübeck-Kanal bei Büchen über Nüssau bis kurz vor Müssen.

166 deutsche Soldaten in

Kriegsgefangenschaft

In den frühen Morgenstunden des 1. Mai wurde Witzeeze von den britischen Truppen eingenommen, die bis in den Hellberg, ein Waldstück südlich von Büchen, eindringen konnten. Den ganzen Tag über zogen sich die Kämpfe um den Büchener Bahnhof hin. Zahlreiche Häuser, die den schweren Bombenangriff fünf Tage zuvor überstanden hatten, wurden zerstört oder schwer beschädigt. Am späten Nachmittag konnte der Ortsteil Pötrau und gegen Abend auch der Bahnhof eingenommen werden. 166 deutsche Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft.

Nachdem die letzten deutschen Angriffe im Süden des Kreisgebiets gescheitert waren, rückten die britischen Truppen relativ ungehindert weiter vor. Die britischen Panzer konnten durch die völlig unterlegene Truppe nicht weiter aufgehalten werden. Schwarzenbek war schon am 30. April besetzt worden.

Nördlich von Büchen wurden bei Müssen und Siebeneichen kleinere Kampfhandlungen registriert, bei Sahms kam es am 1. Mai zu einem letzten Panzergefecht.

Am Morgen des 2. Mai setzten die britischen Truppen zu ihrem Vormarsch auf Lübeck an. Die deutschen Truppen befanden sich in zunehmender Auflösung, sodass es an diesem Tag kaum noch deutschen Widerstand gab. Nur noch kleinere Schießereien mit Handfeuerwaffen ereigneten sich dort, wo die rasch vorrückenden britischen Truppen auf bewaffnete deutsche Einheiten stießen.

Bad Oldesloe und Reinfeld konnten am Nachmittag des 2. Mai besetzt werden. Auch in Lübeck wurde kein Widerstand mehr geleistet. Die Stadt wurde von Bürgermeister und Stadtkommandant übergeben. Aus dem Raum Büchen rückten die britischen Truppen über Siebeneichen und Roseburg nach Norden vor.

Möllner verhindern Sprengung der Kanalbrücke

Im Raum Mölln rechneten die Briten offenbar mit größerem Widerstand. Dort war in den letzten Kriegstagen noch ein Oberstleutnant aufgetaucht, der als „Kampfkommandant von Mölln“ den dortigen Volkssturm zu Verteidigung der Stadt einsetzen wollte. Der Kommandeur des Volkssturms weigerte sich, seine Leute für diesen Kampf zur Verfügung zu stellen und löste auf eigene Verantwortung die Einheit auf. Durch den couragierten Einsatz einiger Möllner Bürger gelang es, den Kampfkommandanten zu überzeugen, von der geplanten und vorbereiteten Sprengung der Brücke über den Elbe-Lübeck-Kanal abzulassen.

Die Sprengladungen wurden von Pionieren fachmännisch entfernt. Auch die weiteren Kanalbrücken nördlich von Mölln blieben von einer Zerstörung verschont. Am Möllner Wasserturm und am Getreidesilo am Hafen wurden große weiße Fahnen zum Zeichen der Übergabe gehisst. So blieb die Stadt Mölln, in der sich Tausende von Flüchtlingen und rund 5000 verwundete Soldaten aufhielten, vor Zerstörungen durch den Krieg bewahrt. So besetzten die Briten Mölln und Ratzeburg ohne Kampf und konnten am selben Tag noch bis Lübeck vorrücken.

LN-Serie im Lokalteil
Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Die Lübecker
Nachrichten wollen mit einer Serie zum Thema an die Schrecken des Krieges auf lauenburgischem Boden erinnern. Bis zum 8. Mai, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, beleuchten wir die Ereignisse der letzten Kriegstage, das Schicksal der Flüchtlinge und werfen einen Blick auf Erinnerungskultur in der Gegenwart.
Die letzten Kriegstage
7. April Bombenangriff auf die Sprengstofffabriken Düneberg und Krümmel 19. April Britische Truppen erreichen die Elbe. Elbbrücke bei Lauenburg wird von den Deutschen gesprengt.
24. April Über Lauenburg werden britische Flugblätter mit Informationen zur aktuellen Kriegslage abgeworfen.
25. April Bei einem Tieffliegerangriff auf einen Eisenbahnzug wird in Schwarzenbek ein britisches Flugzeug abgeschossen.
26. April Bombenangriff auf den Bahnhof Büchen mit erheblichen Schäden. Eine deutsche Kampfgruppe greift britische Truppen auf der südliche Elbseite bei Hoopte an.
27. April Gespräche zwischen deutschen und britischen Offizieren in Lauenburg über eine kampflose Übergabe der Stadt 28./29. April Artilleriebeschuss Lauenburgs und Elbübergang der britischen Truppen 29. April Lauenburg wird durch britische Truppen eingenommen.
29. April bis 3. Mai Luftkämpfe über der Elbe 30. April Kämpfe bei Lütau und Basedow. Schwarzenbek wird besetzt.
1. Mai Geesthacht wird kampflos besetzt. Es gibt Gefechte um den Bahnhof in Büchen.
2. Mai Letzte Kämpfe im Bereich der Orte Hohenhorn, Escheburg und Börnsen. Die Städte Mölln und Ratzeburg werden kampflos besetzt. Die britischen Truppen können auch Lübeck ohne Kampf einnehmen.
5. Mai 8 Uhr Die deutschen Truppen in Nordwestdeutschland kapitulieren.
Autor: Christian Lopau
Literaturhinweis: Andre Feit / Dieter Bechtold: Die letzte Front. Die Kämpfe an der Elbe 1945 im Bereich Lüneburg - Lauenburg - Lübeck - Ludwigslust. Aachen (Helios Verlag) 2011.

Christian Lopau

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