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Lauenburg Lücke im Streetwork-Netz geschlossen
Lokales Lauenburg Lücke im Streetwork-Netz geschlossen
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20:27 19.04.2016
Der neue Ratzeburger Streetworker Marc-Udo Wrage (52) vor dem neuen 70 Quadratmeter großen Domizil in der Schrangenstraße 18. Quelle: Grombein

„Streetwork“ steht in Graffiti-Stil am Schaufenster des kleinen Büros in der Schrangenstraße. Ansonsten erinnert die Fassade des Gebäudes eher an ein Geschäft oder ein Café. Wer das Haus betritt, sieht sieht zunächst eine gemütliche Couchgarnitur. Marc-Udo Wrage, graue kurze Haare, kariertes Hemd, wache und freundliche Augen, sitzt dort. Der 52-Jährige ist vom Äußeren nicht der typische Streetworker, sagt er. Doch an Erfolgen und Erfahrungen mangelt es dem Sozialpädagogen kaum. Bis zuletzt war er in einem wahren Problembezirk in der 30 Kilometer entfernten Großstadt Lübeck als Leiter einer Jugendeinrichtung tätig. Seit März ist er Streetworker in der Inselstadt.

„St. Lorenz ist ein Problembezirk mit hohem Migrationsanteil“, berichtet Wrage. Dort in Lübeck hatte er die Aufgabe, Ordnung in das Leben von Jugendlichen, die orientierungslos und chaotisch durch die Welt gingen, zu bringen. Das will er nun auch in Ratzeburg erreichen. Mit der Einrichtung seiner Stelle, die Kreisverwaltung und Stadt zusammen finanziell stemmen, schließt sich eine Lücke im lauenburgischen Netzwerk der Streetworker. Mit Mölln, Lauenburg, Geesthacht, Schwarzenbek, Wentorf bei Hamburg und nun auch Ratzeburg holen Pädagogen Jugendliche auf der Straße ab und befreien sie aus der Klemme.

„Jugendliche, die Probleme machen, haben meist eigene Probleme — da wollen wir ansetzen“, sagt Wrage. Sie sollen beraten werden und nach Möglichkeit wieder in die Gemeinschaft integriert werden. Es ist nicht ganz einfach, als älterer Erwachsener mit grauen Haaren Zugang zu bekommen, weiß Wrage: „Ich bin älter als viele Eltern der Klienten. Aber ich habe eine Menge Erfahrungen. Letztlich ist es ein Prozess, Vertrauen aufzubauen.“

Die Probleme der Jugendlichen sind vielschichtig. Prekäre Familienverhältnisse, schlechte Noten in der Schule, Armut, soziale Ausgrenzung, Drogen und Alkoholmissbrauch sowie die falschen Freunde bestimmen ihren Alltag. Wenn die Eltern sie zuhause rauswerfen, gibt es Probleme mit dem Jobcenter. Schnell begehen sie in so einer Situation Straftaten.

„Und wer ein Hausverbot in einem Jugendzentrum bekommt, der wird schwer erreichbar sein. Deshalb holen wir sie da ab, wo sie sind“, sagt der Ratzeburger Streetworker. In erster Linie sind das Spielplätze im gesamten Stadtgebiet. Die Karte mit den Spielstätten hängt in Wrages Büro. Er weiß, dass Jugendliche sich Schutzräume suchen, in denen sie ihre Ruhe vor den Erwachsenen haben.

Der 52-Jährige hat eine Sozialraumanalyse angefertigt und ein Blick in die aktuelle Kriminalitätsstatistik geworfen. „Ratzeburg liegt im Hinblick auf die Einwohnerzahl kreisweit nach Lauenburg an zweiter Stelle, was die Anzahl der Straftaten betrifft“, berichtet er. Stadtjugendpfleger Andreas Brandt erklärt auf die Frage, wie problematische Jugendliche in Ratzeburg anecken: „Lärm und Vermüllung sind die größten Probleme — darüber klagen Anwohner.“

Der Streetworker aus der Großstadt hat davon bei seinen Rundgängen durch den neuen „Kiez“ allerdings noch nicht viel erkannt. „Spritzen habe ich hier noch nicht rumliegen sehen. Die Spielplätze sind hier alle sauber und geharkt“, erklärt Wrage und lächelt. Das kenne er aus Lübeck ganz anders. Aber nicht nur auf den Spielplätzen bekommt der Streetworker Kontakt. Viele Jugendliche verlagern ihre Treffpunkte ins Internet.

Um dabei zu bleiben, gibt der Streetworker nicht nur seine Handynummer an, sondern auch, dass er über den Messenger „WhatsApp“ erreichbar ist.

Wer sich an einen Streetworker wendet, soll das freiwillig tun. Außerdem ist der Streetworker der Verschwiegenheit verpflichtet. Er hilft 14 bis 26-Jährigen bei der Job- und Wohnungssuche, kann bei Schulden beraten, begleitet Klienten zur Polizei oder ins Jobcenter und bietet eine breite Palette an Freizeitaktivitäten an.

Bei der Vorstellung des etwa 70 Quadratmeter großen Domizils des Streetworkers mit drei Zimmern sowie einem Aufenthaltsraum, einem Büro, Herren- und Damentoiletten sowie einer modernen Wohnküche gab es Lob von Bürgermeister Rainer Voß: „Ein langgehegter Wunsch der Kommunalpolitik hier in Ratzeburg ist mit der Stelle eines Streetworkers in Erfüllung gegangen“, so Voß.

Landrat Dr. Christoph Mager sagte: „Der Kreis stand dem Wunsch der Stadt Ratzeburg, auch in der Kreisstadt aufsuchende Straßensozialarbeit anzubieten, sofort positiv gegenüber, deshalb freue ich mich, dass wir diesen nunmehr auch gemeinsam umsetzen konnten.“

Die Stadt und der Kreis teilen sich die Finanzierung der neuen Stelle von Wrage. Träger ist die Kreisverwaltung, der finanzielle Anteil der Stadt Ratzeburg liegt bei 34000 Euro pro Jahr.

Kontakt zur Straßensozialarbeit im Lauenburgischen

In Lauenburg an der Elbe kümmert sich Sven Stroetzel (☎ 0151/ 55145267) als Streetworker um Jugendliche, mit denen es das Leben nicht so gut meint. Sein Domizil ist vor allem das „Juz“ an der Reeperbahn. Seine Sprechstunde ist dienstags von 18 bis 21 Uhr.

In Mölln gibt es seit dem Wechsel von Axel Michaelis in die Schulsozialarbeit keinen Streetworker. Die Stelle soll ab Mitte 2016 wieder besetzt werden.

In Schwarzenbek ist Marcus Prochnow (☎ 0171/1271641) in der Allensteiner Straße 50 tätig. Seine Sprechstunde ist dienstags von 14 bis 16 Uhr und mittwochs von 18 bis 20 Uhr.

In Geesthacht ist Norbert Koberg (☎ 0171/1266388) als Straßensozialarbeiter tätig. Sein Büro ist am Markt 5. Sprechstunde hat er immer dienstags von 14 bis 17 Uhr.

In Wentorf bei Hamburg kümmert sich Sandra Zahn (☎ 0172/4372986), montags von 18 bis 21 Uhr in der Berliner Straße 9 um Klienten.

• Mehr Informationen auf www.streetwork.jimdo.com

Von Florian Grombein

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