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Mindestlohn macht Spargel teurer, kostet aber keine Jobs

Ratzeburg Mindestlohn macht Spargel teurer, kostet aber keine Jobs

Der Anteil sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ist gestiegen — Gastronomie und Friseure sehen Vorteile, Landwirtschaft gibt Mehrkosten an Kunden weiter.

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„In der Gastro- nomie kann man Leute ordentlich bezahlen.“Günther Heiligenstühler, Breitenfelde

Ratzeburg. Die Anfang April vorgelegten Zahlen des Statistischen Bundesamtes machen deutlich: Von den 5,5 Millionen Jobs, die 2014 — relativ kurz vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes von 8,50 Euro brutto — geringer bezahlt wurden, kamen vier Millionen (= 10,7 Prozent aller Jobs in Deutschland) zum 1. Januar 2015 unter den Schutz des Mindestlohngesetzes.

 

LN-Bild

„Durch bes- sere Technik spa- ren wir Löhne ein.“Randolf Bockhop, Schmilau

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Das sind vier Millionen Menschen, die durch diesen Mindestlohn ihre berufliche und private Existenz bestreiten. Für die restlichen 1,5 Millionen sieht das Gesetz Ausnahmen vor. Hier handelt es sich vor allem um Auszubildende, Praktikanten und Personen jünger als 18 Jahre.

Statt der befürchteten Jobverluste verzeichneten die Arbeitsagenturen dagegen einen steten Anstieg der Beschäftigungsverhältnisse. Stefan Schröder, Sprecher der Agentur für Arbeit in Bad Oldesloe, zuständig für die Kreise Herzogtum Lauenburg und Stormarn, erklärte: „Der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung hat sich auch nach Einführung des Mindestlohnes fortgesetzt. Bei den Vollzeitstellen haben wir im Herzogtum Lauenburg zum 30. Juni 2015 gegenüber dem Jahr 2013 ein Plus an 766 Jobs (2,5 Prozent), bei den Teilzeitstellen 1031 mehr Jobs (8,2 Prozent) festgestellt. Die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten ist dagegen deutlich gesunken: seit 2013 minus 686 (7,1 Prozent). Man kann davon ausgehen, dass etwas mehr als die Hälfte des Rückgangs durch den direkten Übergang der betroffenen Personen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu erklären ist — nicht nur bundesweit, sondern auch in unserem Kreis.“

Die SPD im Kreis Herzogtum Lauenburg fühlt sich in ihrer grundsätzlichen Einstellung bestätigt. „Alle Kritik und Panikmache haben sich als falsch herausgestellt“, sagte die Kreisvorsitzende Birgit Wille.

Vertreter einzelner betroffener Branchen halten sich demnach auch zurück mit harscher Kritik an dem Arbeitsmarktinstrument. Peter Koll, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes, erklärte: „Bei Gemüse und Obst wie Spargel und Erdbeeren schlägt der Mindestlohn voll durch“. Es handele sich um Bereiche mit hohem Lohnanteil. Die Landwirte müssten die entstehenden Mehrkosten über höhere Verkaufspreise an die Kunden weitergeben. Koll stört vor allem die bürokratische Ausgestaltung des neuen Gesetzes über den Mindestlohn. Saisonkräfte aus osteuropäischen Staaten wollten innerhalb kürzester Zeit viel arbeiten. Das Modell der „Leistungslöhne“ sei mit dem Mindestlohn-Novelle nicht mehr vereinbar. Auch die Beschäftigung von Schülern, Hausfrauen und Studenten als Erntehelfer sei schwieriger geworden.

Randolf Bockhop, Betreiber des gleichnamigen Erdbeerhofes in Schmilau, gibt zu, dass er knapp ein Drittel der Belegschaft, die vor allem aus Erntehelfern aus Polen oder Rumänien besteht, reduziert hat. Rund 1000 statt bisher 1500 seien es jetzt noch über das Jahr. „Das liegt auch daran, dass es auf dem Erdbeermarkt eine Überproduktion gibt. Wir haben daraufhin sowieso die Anbauflächen für Erdbeeren von 120 auf 80 bis 90 Hektar reduziert, gehen weg vom Freilandanbau hin zum Gewächshausbetrieb. Durch bessere Anbautechnik sparen wir Löhne ein.“

Der Schmilauer Erdbeerbauer hatte nach eigenen Angaben schon immer mehr als den allgemeinen Mindestlohn gezahlt. Für Erntehelfer lag dieser vor fünf Jahren noch bei 6,30 bis 6,50 Euro, im vergangenen Jahr bei 7,40 Euro und in diesem Jahr bei 8,00 Euro. Die 8,50 Euro in den übrigen Branchen werden erst 2017 fällig.

Sven Galonska, bis Montag noch Obermeister der lauenburgischen Friseur-Innung, war schon immer ein Kämpfer für den Mindestlohn: „Wir wollen, dass unser Berufsstand mehr Anerkennung erfährt. Daher zahlen wir auch mit 9,10 Euro die Stunde mehr als den Mindestlohn.“ Trotzdem sei es sehr schwierig, geeigneten Nachwuchs zu finden. Von den mehr als 170 Betrieben im Kreis (von denen lediglich 21 in der Innung organisiert sind) habe man in diesem Jahr lediglich zehn Freisprechungen erlebt. Es sei aber kein Wunder, wenn sich junge Leute für Berufe entschieden, in denen sie mehr Geld für weniger körperliche Anstrengung verdienen könnten.

Für die Gastro-Branche sieht der Dehoga-Kreisvorsitzende Günther Heiligenstühler ebenfalls kein Problem durch den Mindestlohn. Für ihn sei es selbstverständlich, dass die Aushilfen mindestens 8,50 Euro erhielten und bei der Sozialversicherung angemeldet würden. „Unser Problem ist eher die Arbeitszeit. Nur mit Ausnahmegenehmigung dürfen die Mitarbeiter zehn Stunden lang arbeiten. Was aber machen wir, wenn eine Hochzeitsfeier um 3 Uhr nachts noch nicht zu Ende ist?“ Ansonsten werde „in der Gastronomie genug Geld verdient, dass man seine Leute auch ordentlich bezahlen kann“.

Schutz vor Nachteilen

Der gesetzliche Mindestlohn soll vor allem dort Beschäftigten Schutz bieten, wo keine Tarifverträge gelten. 82,3 Prozent beziehungsweise 3,3 Millionen der nun geschützten gering bezahlten Jobs bestanden laut der Agentur für Arbeit in Betrieben, die nicht tarifgebunden sind. Die meisten davon sind im Einzelhandel und in der Gastronomie mit je rund 0,5 Millionen tätig.

Von Joachim Strunk und Florian Grombein

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