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Lauenburg Möllner Friedhofskultur im Wandel
Lokales Lauenburg Möllner Friedhofskultur im Wandel
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16:44 26.11.2018
Der Möllner Stadtarchivar Christian Lopau führt über den Alten Friedhof. Das Grab des Bildhauers Karlheinz Goedtke ziert eine Skulptur des Künstlers. Quelle: Grombein
Mölln

Im 19. Jahrhundert gab es zwei Gründe, warum die Toten ihre letzte Ruhe nicht mehr am Kirchberg von St. Nicolai in der Stadt finden sollten, sondern vor den Toren. „Das wurde nötig, weil die Bevölkerung der Stadt rasch angewachsen war“, erzählt Stadtarchivar Christian Lopau. Er hat vor Jahren zusammen mit der Friedhofsverwaltung ein Faltblatt über den Friedhof erstellt. Zählte man 1810 erst rund 1700 Einwohner, war die Zahl bis 1840 schon auf fast 2700 Einwohner angewachsen. Heute sind die Friedhöfe in Mölln längst nicht mehr ausgelastet. Fast zwei Drittel der Grabstätten stehen leer.

„Die Bestattungskultur hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark gewandelt“, berichtet Reinhard Gottlebe, Leiter der Friedhofsverwaltung in Mölln. Vor zehn Jahren hätten die Erdbestattungen noch 80 Prozent ausgemacht. Heute liege diese Zahl nur noch bei etwa 20 Prozent. Von den 6741 Grabstätten auf beiden Möllner Friedhöfen zusammen seien nur noch 2335 belegt. Lag die Zahl der Bestattungen auf dem Friedhof in der alten Broschüre vor etwa zehn Jahren noch bei 200 Beerdigungen pro Jahr, so zählt Gottlebe heutzutage im Durchschnitt zwischen 120 und 130 Bestattungen.

Leere Gräber auch in Ratzeburg

Die Ratzeburger Friedhofsverwaltungberichtet von einem ähnlichen Trend. Von 6133 Gräbern stehen in der Inselstadt 3880 leer. „Etwa die Hälfte der Gräber steht leer. Die Menschen wollen nichts mehr mit der Grabpflege zu tun haben“, sagt der Friedhofsverwalter der Kirchengemeinde in Ratzeburg, Kay Lühmann. Der Trend bestätigt sich auch daran, dass die St.Petri-Kirchengemeinde die Friedhofserweiterungsfläche aufgegeben hat. Die Stadt will dort Wohnraum zu günstigen Mietpreisen zulassen.

Mit neuen Grabformen gegen leere Friedhöfe

„Wir versuchen gegen diesen Trend zu steuern“, so Gottlebe. So würden etwa neue Bestattungsformen angeboten. Bei Gemeinschaftssarggräbern oder Gemeinschaftsurnengräbern teilten sich die Pächter sowohl den gemeinsamen Gedenkstein als auch die laufende Pflege. Dadurch können Geld und Mühe gespart werden. Eine weitere Form sind Baumgräber, bei dem auf Verstorbene an Stelle eines Grabsteines ein besonders alter Baum hinweist.

Friedhof vor den Toren der Stadt

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es lange Zeit ganz anders war. Der Friedhof an der Hindenburgstraße wurde im Jahre 1840 eingeweiht. Und damals fehlte Platz für die Toten. Die Möllner Familie Dahm stellte der Kirche das Grundstück zur Verfügung und bekam auf dem Friedhof eine eigene Gruftkapelle. Am 13. Juli 1840 wurde der im Alter von 19 Jahren verstorbene Gustav Adolph Heinrich Murjahn als erster auf dem Friedhof beigesetzt. Vor 1840 hatte Mölln die Begräbnisplätze in und um St. Nicolai sowie auf dem „Siechenberg“, dort wo sich heute das Adolph-Hoeltich-Stift befindet. „Auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse mögen damals eine Rolle gespielt haben“, sagt Lopau.

Angst vor Cholera

Nach der Cholera-Epidemie von 1831/32 verlegte man in vielen Städten die Friedhöfe vor die Tore. In Mölln etwa befanden sich viele öffentliche Brunnen in Nähe des Kirchberges. Man fürchtete Epidemien durch Erreger im Wasser. Der neue Friedhof wurde mehrfach erweitert. Und die Flüchtlingswelle nach dem Weltkrieg führte schließlich zur Errichtung des neuen Friedhofs am Wasserkrüger Weg.

Schrecken der Kriegefüllte Gräber

Wer den Alten Friedhof betritt, kann bei einem Rundgang sehr viel über die Geschichte der gesamten Stadt erfahren, berichtet Lopau. Vor allem, dass Kriege die Friedhöfe füllten, wird in Erinnerung gerufen. Ein Gedenkstein aus dem Jahre 1929 erinnert an das Lager für Russlanddeutsche, die vor den grausamen Zwangsmaßnahmen Stalins geflohen waren. Auch ein Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (38 in Mölln begraben) sowie ein Ehrenfriedhof für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs sind zu sehen. Auf dem Boden erinnern Steinplatten an die einzelnen Soldaten. Zwischen zwei Linden steht ein Hochkreuz. Glücklicherweise gab es seit fast 70 Jahren keinen Krieg mehr auf deutschem Boden. Und die Menschen werden Dank moderner Medizin älter, was wohl auch dazu beiträgt, dass Friedhöfe leerer werden.

Bekannte Töchterund Söhne der Stadt

Sinnleer ist ein Besuch des Friedhofs nie, weiß Lopau zu berichten. Denn neben der Erinnerung an die Schrecken der Kriege finden sich dort auch die Gräber der bekanntesten Töchter und Söhne der Stadt. Das Grab eines der berühmtesten Politikers etwa, des ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (*13. Mai 1944, † 11. Oktober 1987), dessen unnatürlicher Tod in einem Hotel in Genf für viele Menschen nie zweifelsfrei aufgeklärt wurde. Es liegt idyllisch eingegliedert in ein Wäldchen. Und es ist dieser Tage eines der gepflegtesten Gräber auf dem Friedhof, was vielleicht daran liegt, dass sein Todestag gerade im Oktober war. Doch auch Künstler liegen dort begraben. So ist die letzte Ruhestätte des Bildhauers Karlheinz Goedtke (*15. April 1915, † 23. August 1995) an der Skulptur „Christus stillt den Sturm“ auf dem massiven Grabstein zu erkennen.

Bei einem Rundgang mit Stadtarchivar Christian Lopau ergeben sich interessante Einblicke in die Möllner Stadtgeschichte.

Milieu-Maler Ahrensruht neben Gastwirt

Unweit davon liegt der Maler Max Ahrens (*20. Oktober 1898, † 2. Juni 1967) begraben. Er ist vielen Möllnern bekannt, weil er häufig in Gasstätten verkehrte und Porträts der Gäste malte. Dafür ließ er sich auf das eine oder andere Getränk einladen, erzählt man sich. „Es ist die Ironie des Schicksals, dass er genau neben einem bekannten Möllner Gastronomen begraben liegt“, berichtet Lopau.

Ein Grab für totgeborene Kinder

Doch auch für die anonymen Gestalten bietet der Friedhof eine Gedenkstätte. So ist eine Besonderheit des Friedhofs die „Grabstätte für das tot geborene Leben“. Sie wurde 1999 auf Initiative des früheren Bürgervorstehers und Verwaltungsleiters des Möllner Krankenhauses, Lothar Obst, eingerichtet. Beigesetzt werden dort all die im Möllner und Ratzeburger Krankenhaus tot geborenen Kinder, für die keine gesetzliche Bestattungspflicht besteht. Eine Figur aus weißem Marmor, gestaltet vom Bildhauer Jörn Lensch, zeigt eine Mutter mit Baby im Arm. Die Kirchengemeinde hatte den Krankenhäusern die kostenlose Bestattung für 99 Jahre eingeräumt.

Schüler erinnerten an Kinder der Zwangsarbeiter

Ebenfalls um Kinder geht es bei der „Gedenkstätte für die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen“. Auf einer ergänzenden Tafel werden die Hintergründe erläutert. Die Mütter der begrabenen Kinder arbeiteten ab 1933 in der Heeresmunitionsanstalt (Muna) Mölln. Mindestens 27 Kinder der Arbeiterinnen starben. An den Folgen von Vernachlässigung oder schlechter Ernährung. Die ursprünglichen Gräber waren 1960 geräumt und neu vergeben worden. Schüler der A.-Paul-Weber-Realschule schufen in einer Projektarbeit die neue Gedenkstätte und pflegten sie viele Jahre. Ein Beispiel dafür, wie das Schicksal längst Verstorbener auch nachfolgenden Generationen nahe gehen kann. Auf dass sie verhindern, dass sich historische Fehler wiederholen.

Florian Grombein

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Die Hälfte aller Gräber auf dem Möllner und Ratzeburger Friedhof stehen leer. Erdbestattungen sind kostspielig und pflegeintensiv. Die Friedhofsverwaltung steuert mit neuen Bestattungsarten gegen den Trend an. Ein Spaziergang mit Stadtarchivar Christian Lopau über den alten Friedhof lohnt sich: Der Bildhauer Karl-Heiz Goedtke genauso wie der frühere Ministerpräsident Uwe Barschel ruhen dort.

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