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Lauenburg Voller Einsatz für Menschen mit Behinderungen
Lokales Lauenburg Voller Einsatz für Menschen mit Behinderungen
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15:56 09.10.2018
Der schwere Weg zurück in einen möglichst normalen, selbstständigen Alltag: Dazu gehört für Thorsten Blasey Mobilität. Sein Auto wurde eigens für ihn ausgestattet, so dass er einhändig sicher fahren kann. Quelle: Dorothea Baumm
Mölln

Behindertenbeauftragter. Sagt man ja so. Das hört Thorsten Blasey aber nicht gern. „Ich bin schließlich nicht Beauftragter für Behinderungen“, sagt er, „sondern Beauftragter für Menschen mit Behinderungen.“ Blasey mag nach einem schweren Schlaganfall langsam zu Fuß unterwegs sein – mit dem Kopf ist er nach wie vor fix.

Hier sehen Sie mehr Fotos zu Möllns Beauftragten für Menschen mit Behinderungen

Schlagfertig, das ist von Vorteil. Engagiert, in der Lage, sich mit dem Gesetz auseinanderzusetzen. Mit Biss zu diskutieren, empathisch und dennoch mit klarem Kopf zuhören und Sachlagen einschätzen können. All das muss Thorsten Blasey in seinem Amt als Beauftragter für Menschen mit Behinderungen der Stadt Mölln. Dass er das kann, ist jedoch keineswegs selbstverständlich.

1965 ist Blasey geboren. Er ist seit 32 Jahren verheiratet, hat einen Sohn und zwei Enkel. Am 11. Februar 2016 wurde er für zwei Jahre berufen, im kommenden Februar läuft die Stelle aus. Keine Frage: „Auf jeden Fall werde ich die Wiederbesetzung beantragen“, sagt er. Wer, wenn nicht er, sollte sich sonst einfühlen in Menschen, die mit einer Beeinträchtigung leben müssen?

Es kann jeden treffen

Seine eigene Geschichte mag Blasey nicht in den Mittelpunkt stellen. Und doch ist es wichtig, solche Geschichten zu erzählen, denn sie machen eines deutlich: Egal, wie fit und sportlich wir sind, egal, was für eine gute Schul- und sonstige Bildung wir haben, egal, wie steil und bilderbuchmäßig unsere Karriere verläuft – jeden von uns kann es von einer Sekunde auf die andere erwischen.

„Ich war mal ein ganz gesunder, sportlicher Mensch“, erzählt Blasey. Bis er am 5. März 2013 in seiner Berliner Wohnung einen Schlaganfall erlitt. Von jetzt auf sofort – mit einem Schlag eben – war sein altes Leben vorbei. Für Blasey stand es auf Messers Schneide. Er kämpfte buchstäblich ums Überleben, für seine Familie begann eine Zeit des Bangens und Wartens.

Der Weg zurück ins Leben

Bangen und Warten. Ob Thorsten Blasey überlebt. Und wenn: Wie? Wird er ganz gesund sein? Ist er derselbe wie vor dem Schlaganfall? Bekommt die Ehefrau ihren Mann zurück, der Sohn seinen Vater? „Die Sprache hat sich schnell erholt“, erinnert sich Blasey, aber da war die linksseitige Körperlähmung. Und es waren gravierende Operationen – mit Eröffnung der Schädeldecke – nötig.

Heute ist Thorsten Blasey zurück im Leben. Mit einem Alltag, der ihn fordert, mit der Beschäftigung als Beauftragter für Menschen mit Behinderungen der Stadt Mölln, entsprechend der UN-Behindertenkonvention. Da Blasey massiv eingeschränkt ist, bezieht er eine Erwerbs- und Berufsunfähigkeitsrente. Er darf maximal drei Stunden am Tag arbeiten.

Sehen, wo man bleibt

Warum er sich bereit erklärt, seine Geschichte, diesen Leidensweg preiszugeben? „Ich kann nicht oft genug betonen, dass kein Mensch auf der Welt vor einer Behinderung gefeit ist.“ Das müsse nicht angeboren sein, auch nicht durch eigenes Fehlverhalten erworben. „Manchmal haut es einen, warum auch immer, von einer Sekunde auf die andere aus den Schuhen. Dann liegt das ganze Leben, wie Du es bis dahin gelebt hast, in Scherben. Und Du kannst sehen, wo Du bleibst, wie Du zurechtkommst.“

Sehen, wo man bleibt. Wie man zurechtkommt. Damit will Thorsten Blase niemanden allein lassen. Für wen genau er Ansprechpartner ist und sein möchte? „Ich bin für alle Menschen mit Behinderungen zuständig, egal, ob erworben, angeboren oder altersmäßig bedingt, egal, ob geistig, psychisch, seelisch oder körperlich.“ Diese Menschen, oft von der Gesellschaft ausgegrenzt, werden immer mehr, sagt er.

15 Prozent der Möllner haben eine Behinderung

„Hier leben 2900 Menschen mit einer Behinderung von einem Grad zwischen 20 und 100. Das sind 15 Prozent der Möllner.“ Thorsten Blase kennt die Statistiken ganz genau: „Im Land Schleswig-Holstein haben 20 Prozent der Menschen eine anerkannte Behinderung.“ Staatliche Leistungen gibt es bei einer Schwerbehinderung ab 50 Prozent. Sein Job: „Ich soll gucken, wie es all diesen Menschen besser gehen kann.“

Für ihn als Beauftragten für Menschen mit Behinderungen steht fest: Da geht noch viel. Sehr viel. Wer Lust hat, viel zu lesen, setzt sich mit dem Bundesteilhabegesetz auseinander. „Da ist alles festgeschrieben: Jeder Mensch, egal, mit welcher Behinderung, soll teilhaben können.“

Schlechte Aussichten in Mölln

Darum aber ist es in Mölln leider nicht gut bestellt. Da gibt es zum Beispiel die bundesweite Schulpflicht, die auch vom Kreis Herzogtum Lauenburg fordert, Kinder zu schulen. Auch Kinder mit Behinderungen. „Am Möllner Gymnasium gibt es jetzt relativ neu einen Fahrstuhl und behindertengerechte Toiletten.“

Mit Blick auf hiesige Sport- und Freizeitangebote sagt Blase: „Das ist eher mau.“ Die privaten Fitnesscenter böten wohl rollstuhlgerechte Zugänge und Parkplätze, aber keine entsprechenden Umkleiden. Wer bei der Möllner SV mitmischen will, muss sich noch gedulden: Dort sind behindertengerechte Umkleiden und Zugänge erst mit dem Neubau vorgesehen.

Türöffner für Rollstuhlfahrer

Dem Betreiber der Möllner Welle habe er zwei Jahre in den Ohren gelegen, erzählt Blase, „Zutritt mit dem Drehkreuz? Ich habe immer wieder nachgehakt, dass die den Zugang behindertengerecht machen sollen.“ Jetzt sei endlich ein Türöffner für Rollstuhlfahrer installiert.

Eine spezielle Badeliege, die Thorsten Blase jüngst testen durfte, wäre für Mölln fantastisch – sei nur leider derzeit nicht bezahlbar. Basels Wunsch: „Vielleicht findet sich ein Sponsor. Dann könnten behinderte Menschen entspannt auf dem Wasser treiben, im Sommer im Freibad und im Winter in der Möllner Welle.“

Netzwerke fehlen

Was Netzwerke angeht, ist in und um Mölln auch noch Luft nach oben. Es gibt die „Lange aktiv bleiben“-Bewegung, die sich an Menschen im Alter wendet. Speziell für Blinde oder für Rollstuhlfahrer gebe es kein Netzwerk, sagt Blase. „Die Brücke“ für Menschen mit psychischen und seelischen Beeinträchtigungen finde sich in Ratzeburg und in Schwarzenbek und eine Schlaganfall-Selbsthilfegruppe in Geesthacht.

„Eine gute Anlaufstelle ist auch immer Kibis, die Kontaktstelle für Information und Beratung im Selbsthilfebereich.“ Ebenfalls sehr gute Erfahrungen habe der Beauftragte für Menschen mit Behinderungen mit dem Pflegestützpunkt gemacht. „Auf diese Zusammenarbeit, die hervorragend ist, komme ich immer wieder in den Beratungsgesprächen zurück.“

Kein einziges barrierefreies Hotelzimmer

Ganz finster, so Blasey, sehe es im Bereich der Möllner Lokale aus. „Mit Behinderten feiern? Das ist hier ein echtes Problem!“ Fünf Einrichtungen mit rollstuhlgerechtem Zugang und WC gebe es in Mölln. „Und kein einziges Hotel mit einem barrierefreien Zimmer!“ Zumindest was das angeht, sei jedoch bei der Waldhalle etwas in Planung: „Dort soll es in 2019 ein barrierefreies Zimmer geben.“

Viel zu tun also für Thorsten Blasey. Trotzdem vergeht ihm die Fröhlichkeit nicht. Blasey ist ein optimistischer Mensch. Pragmatiker und Realist. Auf dem langen Weg zurück ins Leben war seine Ehefrau Hanna Röske-Blasey Trost, Stütze und Trainingspartner, „ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin“. Und er betont: „Man muss immer ein visualisierbares Ziel haben.“

Das schaffe ich!

Als es langsam bergauf ging, habe seine Frau ihm Karten für die „Night of the Proms“ in der Royal Albert Hall in London geschenkt. „Da wollten wir schon immer mal hin. Jetzt war es ein echt ehrgeiziges Ziel.“ Zusammen haben sie es geschafft. Und haben einen unvergesslichen Abend erlebt. „Ich habe noch immer Gänsehaut, wenn ich mir die Videos und Fotos anschaue.“ Nächstes Ziel: „Wenn Enkel Leon, heute fünf, zwölf Jahre alt ist, will ich mit ihm von Schierke auf den Brocken laufen.“ Also: Üben! Noch schafft Blasey ohne Begleitung 80 Meter mit seinem Stock. „Aber das schaffe ich!“

Mehr Verständnis dafür, dass auch behinderte Menschen Spaß am Leben haben wollen: Das wünscht sich Thorsten Blasey von uns allen. Stichwort: Mittendrin und nicht am Rand. Er ist noch immer leicht genervt, wenn er an das große Landpartie-Fest im Sommer denkt. „Ich wollte so gern Rainer Sass sehen.“ Blöd nur, dass die Bühne, auf der der Fernseh-Koch dann stand, im Sand errichtet war. „Keine Chance, dort mit dem Rollstuhl in die Nähe zu kommen.“

Mobilität bei Möllner Großveranstaltungen

Alle Bürger aus Mölln und Umgebung sollen Großveranstaltungen in Mölln besuchen und genießen können und anschließend gut und sicher nach Hause kommen: Das wünscht sich Thorsten Blasey. Deswegen verweist Möllns Beauftragter für Menschen mit Behinderungen darauf, dass es Taxiunternehmen gibt, die einen Transport in einem speziellen Rollstuhlfahrzeug anbieten.

Hin- und Rückfahrt sollten rechtzeitig telefonisch angemeldet werden; eine Rückfahrt nach 22 Uhr bis 18 Uhr bei dem Unternehmen anmelden. Da bei Großveranstaltungen Straßensperrungen üblich sind, ist eine Aufnahme nicht überall möglich. Für Mölln empfiehlt Blasey als Aufnahmepunkte im Süden den Zob und im Norden die Bushaltestelle an der Wassertorbrücke. Das ist bei der Bestellung zu vereinbaren.

Thorsten Blasey bietet regelmäßig eine Sprechstunde an (telefonische Anmeldung erwünscht): am 1. Donnerstag im Monat im Stadthaus in Mölln, Wasserkrüger Weg 16, Raum 109 im 1. OG. Telefon: 04542/9079904.

Das gleiche Problem kennt Blasey von Weihnachtsmärkten. „Die sind oft total schön, da möchte man natürlich auch mal zwischen den Buden herumrollern. Und dann ist es in den letzten Jahren in Mode gekommen, alles mit Hackschnitzeln auszustreuen. Gemütlich, schon klar. Aber es bedeutet auch: Menschen mit Rollator oder Rollstuhl bitte draußen bleiben.“ Wie gesagt: Teilhabe beginnt mit teilhaben können. Und eben nicht mit am Rand stehen müssen, statt mittendrin zu sein.

Hier lesen Sie alles zum Bundesteilhabegesetz

Hier gibt es Informationen zur Selbsthilfe in und um Mölln

Dorothea Baumm

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