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Lauenburg „Der Clown war schon immer in mir drin“
Lokales Lauenburg „Der Clown war schon immer in mir drin“
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14:36 29.09.2018
Sven Kolb ist jetzt seit einem Jahr der neue Till Eulenspiegel in Mölln. Der Schalk sitzt ihm auch privat im Nacken. Quelle: Matthias Wiemer
Mölln

Manche Städte werden von Narren regiert, aber nur die wenigsten Städte haben einen Narren auf ihrer hauptamtlichen Personalliste. So ist es bekanntlich in Mölln, und nach dem tragischen, plötzlichen Tod des früheren Till Eulenspiegel, Mario Schäfer, hat jetzt seit gut einem Jahr Sven Kolb diese Rolle eingenommen. Wie man sich so fühlt als Narr vom Dienst, welche Freuden, Überraschungen und auch Probleme man mit einem solchen Job hat, das sagte der neue Till im LN-Interview.

Herr Kolb, Sie sind ja so eine Art städtisch bediensteter Clown . . .

Kolb: Nein, nein. Ich bin der einzige offiziell angestellte Narr unter Narren.

Wie sind Sie zu diesem Job eigentlich gekommen?

Also, das war wirklich faszinierend. Ich hatte vor eineinhalb Jahren eine ziemlich blöde Diagnose bekommen, wurde schnell operiert und wusste nicht, ob das alles gut geht oder ich danach den Rest meines Lebens im Rollstuhl verbringen muss. Und als ich dann aus der Narkose erwachte und realisierte, dass ich noch lebe, da habe ich über Facebook von meinem Clownsprofessor aus Konstanz von der Clowsakademie einen Post mit der Stellenanzeige aus Mölln bekommen. Als ich das gelesen habe, wusste ich sofort: Das bin ich.

Hatten Sie schon vorher mal Kontakt mit dem Norden?

Mein Vater hat mal vor langer Zeit in Ostfriesland ein Kinderheim geleitet. Und daraufhin sind wir in meiner Kindheit regelmäßig in den Norden in den Urlaub gefahren.
 Daher kenne ich den Norden ein bisschen aus meiner Kindheit.

Ihre Anstellung als Till Eulenspiegel bei der Stadt Mölln ist ja unbefristet, aber lebenslänglich Mölln? Das kann man ja auch als ein hartes Urteil empfinden.

Das war für mich eine sehr bewusste Entscheidung, über die ich wirklich lange nachgedacht habe. Ich bin hier hochgekommen, habe mir die Stadt angeschaut. Natürlich waren da auch Ängste, wenn man alleine in eine andere Region wechselt. Aber gleich merkte ich, das hier alles sehr gut für mich ist und ich sehe das auch als eine Riesenchance. Also, ich habe mir so 30 Jahre vorgenommen. Mal sehen, wie lange ich es durchhalte.

Und die Möllner. Sie kommen aus der Comedy-Welt, aber haben Sie je daran gedacht, dass Sie einmal vielleicht einen Lebensjob in Clownerie erlangen werden?

„Das hier verbindet alles, was ich bisher gemacht habe“

Ja doch, es ging schon irgendwie dahin. Ich habe schon früh mit dem Metier zu tun gehabt, wusste aber nie, wo das hinführt. Diese Stelle hier in Mölln verbindet alles, was ich bisher gemacht habe.

Wie notwendig ist ein Narr in der heutigen Welt, und gar als institutionalisierte Figur eines Ortes?

Ich hatte mir kaum vorstellen können, wie wichtig so eine Figur hier in Mölln ist. Ich habe jeden Tag Begegnungen mit Menschen, die mich zum Teil spontan umarmen. Natürlich ist die historische Figur ein ganz anderes Kaliber, der heutige Till ist ja lange nicht so fies, wie der Historische einst war.

Inwiefern fies?

Eulenspiegel ist ein Egoist durch und durch, der nur an sich denkt, jeden Tag ans Überleben, eine Schlafstätte sucht, um etwas zu essen kämpfen muss. Ein Nervbold, dem aber wegen seiner geschickten Art und Weise keiner was kann. Und das auf die heutige Zeit zu transferieren, ist wahnsinnig spannend für mich. Diese Möglichkeit, hinter einer solchen Till-Fassade den Mund aufzumachen und auf Ungereimtheiten öffentlich hinzuweisen, das bräuchten wir noch viel mehr und überall.

In Mölln gibt es ja eine lange Ahnengalerie der unterschiedlichen Till-Darsteller. Haben Sie sich mit ihnen beschäftigt?

Mit dem direkten Vorgänger, Mario Schäfer, habe ich mich ganz bewusst kaum beschäftigt. Ich hätte ihn wahnsinnig gerne kennengelernt. Ich glaub, wir wären gut miteinander klar gekommen. Mein Anliegen ist: Ich will nichts kopieren, in niemandes Fußstapfen treten. Ich nehme die Figur auf und erfülle sie mit meiner Persönlichkeit, nicht mehr und nicht weniger. Ich muss mein eigenes Ding machen. Vielleicht wäre es leichter gewesen, einen Vorgänger um Rat fragen zu können. Aber das geht eben nicht.

Wie sind die Leute hier in Mölln für Sie?

„Ich war noch nie so nervös wie am ersten Tag“

Von vornherein wurde ich unheimlich warmherzig und hilfsbereit empfangen. Privat und als Till Eulenspiegel. Ich hatte das Gefühl, ich könnte in die Menge springen und sie würden mich tragen. Aber ich war noch nie so nervös wie am ersten Tag im Till-Kostüm.

Eulenspiegel war ja im Grunde ein Anarchist. Und wenn man Sie jetzt privat erlebt, wirken Sie auch nicht gerade wie ein, sagen wir: konventioneller Normalo.

Ja, das ist einfach mein Ding. Ich bin auch privat ein Till, ein Schalk. Dieser Clown war schon mit fünf Jahren in mir, als ich das erste Mal Puppentheater gespielt habe. Ich war auch immer schon jemand, der gegen Ungerechtigkeit angegangen ist und sich für andere gerne eingesetzt hat. Und das passt eben zum Till, der ja ein augenzwinkernder Kritiker mit Herz war.

Ein Anarchist im Angestelltenverhältnis – wie geht das?

Natürlich gibt es da auch sicher Grenzen. Man spürt immer wieder, das sollte ich jetzt nicht machen. Aber ich glaube, ich habe einen wahnsinnig großen Freiraum. Ich muss wahrscheinlich noch lernen, diesen Freiraum weiter auszutesten. Aber ich möchte mir auch nicht meinen Mund verbieten lassen.

Sie wollen es sich also nicht in der Rolle eines launigen Grüßaugust der Stadt Mölln bequem machen?

Nein, überhaupt nicht.

Und wenn Sie merken, dass es doch in die Richtung geht, packen Sie Ihre Koffer?

Nein, weil es nicht in die Richtung geht. Das ist ganz klar so besprochen worden. Ich lasse mich nicht auf ein Mölln-Maskottchen reduzieren. Also, wenn etwa ein Autohaus mich für einen Anlass engagieren sollte, muss man davon ausgehen, dass ich die Dieselsoftware-Affäre zum Thema mache. Ein „Till“ nur zum Grüßen und Vorzeigen, den brauchen wir nicht, da könnte man jeden in das Kostüm stecken.

Haben Sie Vorbilder aus dem Bereich der Spaßmacherei?

Ganz klar, Charlie Chaplin. Dick und Doof sind auch weit vorne, hängen bei mir in der Küche an der Wand. Aber es gibt auch viele gute aktuelle Comedians für mich.

Wie reagierte Ihr persönliches Umfeld, als Sie erzählten, Sie würden der „Till Eulenspiegel“ in Mölln?

Sehr gut, mein Vater ist richtig stolz. Als ich nach drei abgebrochenen Studien, als er immer wieder gesagt hatte, ich solle „etwas Richtiges“ machen, die Clownsausbildung begann, sagte er: „Jetzt machst du endlich was Vernünftiges.“ Und so war auch allgemein die Rückmeldung auf meine Möllner Entscheidung.

Bitte ergänzen Sie: Ein guter Narr ist . . .

. . . isst alles außer Spinatnudeln. Nein – ist völlig frei in seinem Denken, lässt sich nicht in Normen pressen, schaut gerade aus und folgt dem Impuls, den er gerade hat.

Wenn keiner mehr über mich lacht . . .

. . . dann habe ich etwas falsch gemacht.

Die Menschen sollten . . .

. . . anfangen zu verstehen, dass das Leben wahnsinnig kurz ist und dass man alles aus der inneren Freude heraus macht zu leben.

Die Welt wäre besser wenn . . .

. . . wir einfach zurück zu mehr Menschlichkeit kommen würden. Jeder für sich seinen Egoismus bändigen und mehr Gemeinsamkeit herrschen würde, mehr Miteinander, nicht Gegeneinander.

Die Polarisierung der Meinungen dieser Zeit ist für mich . . .

. . . erschreckend. Nur noch erschreckend. Kleinste Gruppen stehen zu schnell im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Matthias Wiemer

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