Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lauenburg Mutter im Wahn erstochen: „Stimmen befahlen mir zu töten“
Lokales Lauenburg Mutter im Wahn erstochen: „Stimmen befahlen mir zu töten“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:53 26.06.2013
Von Timo Jann
In diesem Haus in Geesthacht (Bild links) geschah am Morgen des 2. Januar die Bluttat. Der Angeklagte war wegen auffälligen Verhaltens in die Psychiatrie gebracht, doch kurz danach wieder entlassen worden. Vorsitzender des Prozesses vor dem Lübecker Landgericht ist Christian Singelmann. Quelle: Fotos: tja
Geesthacht

Wegen Totschlags an seiner Mutter muss sich seit gestern Babak M. vor dem Lübecker Landgericht verantworten. Am 2. Januar hatte der 31-Jährige in einem Mehrfamilienhaus am Rothenburgsorter Weg in Geesthacht offenbar in einem Wahnzustand seine Mutter auf bestialische Weise getötet. Er stach laut Staatsanwaltschaft „im Zustand der Schuldunfähigkeit“ mindestens 60 Mal auf seine Mutter ein. Dabei durchstieß er 16 Mal das Herz, stach ihr später in Augen, Nase und Mund und skalpierte sie abschließend. Polizisten, die ihn nach dem Notruf von Nachbarn im Treppenhaus widerstandslos festnahmen, bat er, sie mögen bitte nicht in die Wohnung gehen und seine Mutter ausbluten lassen.

Ziel des Prozesses, in dessen Verlauf in den kommenden Wochen 13 Zeugen gehört werden sollen, ist die Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik.

Babak M. wurde in Teheran geboren, der Vater Journalist, die Mutter Lehrerin. Als er noch ein Kind war, flüchteten seine Eltern mit ihm und seinem jüngeren Bruder nach Deutschland. Zunächst fanden sie in Bad Reichenhall (Bayern) Zuflucht, dann zogen sie in den Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg. Hier, so die Idee seiner Eltern, sollte er leichter als in Bayern Abitur machen können. Doch die Eltern trennten sich, Babak M. nahm im Alter von 14 Jahren erstmals Drogen, wurde dann wegen anhaltender Streitereien mit seiner Mutter psychologisch behandelt und zog mit 16 Jahren vorübergehend in eine freie Jugendeinrichtung. All das half ihm nicht. Er verließ die Schule ohne Abschluss.

Ärztin ließ Patienten wieder nach Hause gehen

Den wohl folgenschwersten Fehler machte schließlich eine Ärztin des Geesthachter Johanniter-Krankenhauses. In der Nacht vor der Tat hatten Polizisten den 31-Jährigen in die Psychiatrie der Klinik gebracht. Passanten hatten die Polizei gerufen, weil Babak M. sie um Rat gebeten hatte: Er konnte nicht mehr Realität und Wahn unterscheiden. Er hatte Stimmen gehört, die ihm befohlen hätten, seine Mutter zu töten, erklärte er gestern. Das, so der Angeklagte zu Prozessbeginn, habe er auch im Krankenhaus der Ärztin erzählt. Doch als er in der Klinik morgens darum bat, ein paar Sachen bei seiner Mutter abholen zu dürfen, wurde niemand stutzig. Man ließ ihn gehen. Sogar eine Wegbeschreibung vom Krankenhaus zum Rothenburgsorter Weg bekam er mit. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Gegen die Ärztin wird bereits wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Ob es tatsächlich einen Prozess gegen sie wegen eines strafrechtlichen Vergehens geben wird, ist unklar. Vorerst sitzt Babak M. voller Reue auf der Anklagebank und schildert seine Tat.

Als er an diesem 2. Januar vor der Tür des Mehrfamilienhauses am Rothenburgsorter Weg 16 erscheint, lassen ihn Nachbarn ins zunächst verschlossene Treppenhaus. Im ersten Obergeschoss öffnet ihm schließlich nach mehrmaligem Klopfen gegen 8 Uhr seine Mutter. Sofort schlägt der 31-Jährige auf die 59 Jahre alte Manijeh F. ein. Mit bloßen Händen. Dann entschuldigt er sich und kommt scheinbar zur Ruhe. Bis gegen 10.30 Uhr. Da eskaliert die Situation. Manijeh F. stirbt nach einer unbeschreiblich brutalen Attacke ihres Sohnes.

„Seit ich mich in Hamburg auf den Weg nach Geesthacht gemacht hatte, war der Entschluss, es zu tun, da“, berichtete Babak M. gestern vor dem Lübecker Landgericht. Die I. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Christian Singelmann muss über seine Unterbringung in einer Psychiatrie entscheiden. „Ich hatte gemerkt, dass ich zu wenig Kraft hatte“, beschrieb der 31-Jährige gestern die erste Attacke mit seinen Händen auf seine Mutter. Die verzieh ihm, als er von ihr abließ. Fast eineinhalb Stunden hat er dann für sich alleine in einem Zimmer gesessen, immer wieder hörte er Stimmen, die ihm befahlen zu töten.

Schließlich schnappte er sich eine Holzlatte aus dem Kleiderschrank, ging zu seiner Mutter ins Nebenzimmer und schlug ihr damit immer wieder auf den Kopf. Bis die Latte zerbrach. Dann lief er in die Küche und holte sich eine große Haushaltsschere. Damit griff er seine Mutter erneut an. Selbst als ein Griff abbrach, stach er weiter auf die wehrlose Frau ein. Diesen dritten Angriff mit mindestens 60 Stichen überlebte sie nicht. Nachbarn hörten noch die Hilferufe der 59-Jährigen und forderten die Polizei an, doch als die Beamten am Rothenburgsorter Weg eintrafen, war Manijeh F. schon tot. Ohne Widerstand zu leisten, ließ sich der Sohn festnehmen, machte wirre Aussagen, wie eine Polizistin als Zeugin erklärte.

Seit dem 3. Januar wird Babak M. in der Psychiatrie in Neustadt behandelt. Er bekommt dort endlich die Hilfe, die er schon viel früher benötigt hätte. Doch der 31-Jährige fühlte sich über Jahre missverstanden. „Ich wollte schon lange nichts mehr mit meiner Familie zu tun haben, die waren mir gegenüber immer aggressiv“, erklärte M. dem Gericht. Doch seine Mutter habe ihn nicht in Frieden leben lassen. „Sie wollte die totale Kontrolle über mich“, sagte er. Kurz vor der Tat gab es ein klärendes Gespräch, das die frühere Schulpsychologin des jungen Mannes organisiert hatte. Die einzige Frau, die sich über Jahre um Babak M. kümmerte. Seine Freundin ließ erst ein Baby abtreiben, jetzt hat er einen einjährigen Sohn, den er aber nur einmal vor der Bluttat an seiner Mutter gesehen hat.

„Mir wird langsam klar, was ich getan habe, ich bin darüber unendlich traurig“, sagte der Angeklagte am Ende seiner Vernehmung. Der Prozess wird fortgesetzt.

Seit der Jugend in Behandlung
Mit 14 Jahren wurde Babak M. erstmals psychiatrisch behandelt. Vier Wochen lang in der Hamburger Uni-Klinik. Danach begann eine Spirale, in der es für ihn mal etwas bergauf, aber noch tiefer bergab ging.
Ärzte und Behörden hatten ihn im Fokus, doch wirkliche Hilfe erfuhr er nicht. Auch nicht von zwei beigeordneten Betreuern. Der sensibel wirkende 31-Jährige landete trotz Betreuung sogar obdachlos auf der Straße, lebte zuletzt, von der Situation überfordert, in einem Männerwohnheim.
Zur Ruhe kam er all die Jahre nicht. Das gelingt ihm erst jetzt in der Psychiatrie. Doch dort, berichtete er dem Gericht, schade ihm das gesellige Miteinander. Er sei jetzt in einer Trauerphase und benötige Ruhe.

Timo Jann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!