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NS-Zeitzeuge in Sandesneben erzählt vom Leid der Waisen

Sandesneben NS-Zeitzeuge in Sandesneben erzählt vom Leid der Waisen

GGS-Schüler tief beeindruckt von den Schilderungen Tsewi Herschels.

Sandesneben. „Es ist schon sehr berührend und emotional, wenn jemand von einer Zeit erzählt, die er selbst miterlebt hat, wenn man merkt, dass das alles auch wirklich so war“, sagen Michelle Matz und Justin Stieber, Schüler der 10. Klasse der Grund- und Gemeinschaftsschule Sandesneben (GGS). Damit meinen sie den Vortrag von Tsewi Joseef Herschel, der als Baby 1943 von seinen Eltern im Amsterdamer jüdischen Ghetto an eine befreundete holländische Familie „weitergegeben“ wurde. Womit ihm das Schicksal seiner Eltern, der Vergasungstod im polnischen Konzentrationslager Sobibor vier Monate später, erspart blieb.

„Wir haben uns in den letzten Monaten intensiv mit der Geschichte, der Wirtschaft und der Politik in der Zeit während des Dritten Reiches auseinandergesetzt“, erzählt Klaas Dahncker (16), ebenfalls Zehntklässler der GGS. Insofern passte dieser Vortrag des Zeitzeugen Herschel, am 29. Dezember 1942 in Zwolle geboren, hervorragend in die Unterrichtsthematik von Geschichtslehrer Andreas Kämper. Der Kontakt zu Herschel war entstanden über den Verein Yad Ruth aus Hamburg (www.yadruth.de), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Zeitzeugen von damals an Schulen und die Öffentlichkeit zu vermitteln, um jenes Wissen lebendig zu halten, so die Vereinsvorsitzende Gabriele Hannemann, die am gestrigen Vortrag in Sandesneben ebenfalls teilnahm.

Angesichts der aktuellen Diskussion um Wahrhaftigkeit, Wirklichkeit und Fakten – Fake-News und dem Vorwurf der „Lügenpresse“ an die Medien zeigten sich die Sandesnebener Schülerinnen und Schüler auf Höhe der Zeit, der politischen Diskussion und einer moralischen Kompetenz, die Schulleiter Andreas Korte nach der Veranstaltung zu einem Dank nicht nur an den Vortragenden Herschel, sondern vor allem zu einem großen Lob an seine Schüler leiten ließ: „Ich bin froh und stolz, wie Sie gefesselt und gedanklich dem Vortrag gefolgt sind und anschließend ihre konkreten Fragen gestellt haben“.

Herschel hatte von seiner Lebensgeschichte erzählt, vor allem aber von der Vision seines Vaters. Der hatte kurz nach der Geburt des Sohnes einen „Lebenskalender“ für Tsewi gezeichnet – in Form einer Comic-Heft-Seite mit vielen verschiedenen kleinen Bildchen aus den noch folgenden Jahren, den zu erwartenden Ereignissen in der Zukunft seines Kindes und seiner Familie. Tsewi, dem erst viel später dieses „Vermächtnis“ bekannt wurde, sah die Hoffnungen und Visionen seines leiblichen Vaters Nico, den er genauso wenig wie seine Mutter Malchen bewusst kennen gelernt hatte, am Ende sehr nah und real erfüllt.

Seine Eltern starben im Juli 1943 nach der Deportation aus Holland in den Gaskammern von Sobibor (Polen). Tsewi selbst war von einer befreundeten Familie aus dem Ghetto in Amsterdam geschmuggelt und kurze Zeit später an eine zweite freundlich gesinnte holländische Familie weiter gegeben worden. „Das sind meine Eltern, sie haben mich wie ihr eigenes Kind versorgt“, erzählt Herschel den 15- bis 17-Jährigen, die über die gesamten 90 Minuten gebannt zuhören, die Zeit vergeht wie im Fluge.

Doch das Leid des Kindes Tsewi oder so vieler anderer „versteckter Kinder“ war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zu Ende. Tsewi wurde danach aus „seiner“ neuen Familie von der jüdischen Großmutter herausgerissen, in eine für ihn fremde, ausländische Welt geholt, er musste fremde Bräuche, Gebete in ausländischer, hebräischer Sprache lernen. Und das als Kind von acht Jahren. Erst als Teenager beschäftigte sich der Junge mit seiner realen Vergangenheit, die von der verängstigten Großmutter lange auch totgeschwiegen wurde.

Tsewi Herschels Tochter Natalie erzählte den Sandesnebener Schülern anschließend, was es heißt, wenn während der NS-Zeit nicht nur sechs Millionen Juden, sondern darunter auch 1,5 Millionen Kinder getötet wurden: „Das bedeutet, dass man die Zukunft eines Volkes und damit das Volk selbst vernichten wollte.“ Es sei für sie unendlich schwer gewesen, in der Schule mitzuerleben, wenn Freunde und Mitschüler ihre Geburtstage mit der Verwandtschaft feierten. „Wir haben so etwas nicht: keine Großeltern, keine Onkel und Tanten, keine Cousins oder Cousinen“. Dies sollten sich viele einmal bewusst machen, appellierten Tochter und Vater Herschel an die Schüler, die nach dem Vortrag etwas länger brauchten, bis sie zum Dank applaudieren konnten.

Joachim Strunk

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