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Lauenburg Nach Tante Emma kam der Bürgermeister
Lokales Lauenburg Nach Tante Emma kam der Bürgermeister
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20:34 07.04.2017
Im Saal des Gemeindezentrums finden verschiedene Sitzungen und Veranstaltungen statt. Hier tagt auch die Gemeindevertretung. Quelle: Fotos: Norbert Dreessen

Bevor die kleine Gemeinde ab 1900 ihren baulichen Charakter grundlegend änderte und hier eine Menge reicher Hamburger gleich hinter der Stadtgrenze repräsentative Villen errichteten, war Wohltorf ein reines Bauerndorf. An jene längst vergangene Zeit erinnern nicht mehr viele Bauten im Ort. Das Thies'sche Haus an der Alten Allee gehört aber auf jeden Fall dazu.

Aus dem Anbauernhaus mit kleinem Laden wurde ein Gemeindezentrum.

Das auf den ersten Blick eher unscheinbare Backsteingebäude ist das älteste Haus in der Gemeinde. 1866/1867 wurde es am Dorfteich errichtet. Erbauer war Jochen Adolph Thies, der laut Dorfchronik gleich drei Berufe hatte: „Bahnwärter, Höker und Anbauer“. Ein Anbauer war jemand, der neu in einen Ort kam, hier in bescheidenem Maße Landwirtschaft betrieb, aber keine eigenen Ländereien besaß. Zum Lebensunterhalt brauchte er immer noch einen anderen Beruf, manchmal sogar zwei.

Anbauer Thies und seine Familie nutzten die Hälfte des elf Meter breiten und 15 Meter langen Hauses für Wohnzwecke, der Rest diente dem Vieh – und als kleines Geschäft, das man sich als typischen Tante-Emma-Laden aus der guten alten Zeit vorstellen muss. Der Verkaufsraum im Erdgeschoss, zentraler Raum des Hauses, wurde jedenfalls mehr als 100 Jahre lang als Laden genutzt. Moderne Technik hielt hier nie Einzug: Eine Registrierkasse gab es bis zum Schluss nicht, zusammengerechnet wurde handschriftlich mit Block und Bleistift. „Viele ältere Wohltorfer erinnern sich noch, dass sie hier als Kinder ihre Bonsche gekauft haben“, erzählt Bürgermeister Gerald Dürlich. Manchmal musste man die Süßigkeiten auch gar nicht kaufen: Wenn die Eltern ihre Einkäufe erledigten und Kinder dabei hatten, steckten die letzten Ladenbesitzer, die Schwestern Ida und Frieda Thies, ihnen schon mal ein paar Bonbons zu. Die beiden Frauen, im Dorf als „Tante Ida“ und „Tante Frieda“ bestens bekannt, erfreuten sich schon deshalb großer Beliebtheit.

1987 vermachten die beiden Frauen ihr Haus der Gemeinde Wohltorf, die zunächst nicht recht wusste, was sie daraus machen sollte. „Unsere Kommunalpolitiker haben sich sehr schwergetan“, erinnert sich der Bürgermeister. Nach längerer Diskussion wurde das zum Teil schon etwas morsche Gebäude dann in den Jahren 1991 bis 1993 instandgesetzt und zu einem Gemeindezentrum umgebaut. Ein Anbau, der architektonisch ohnehin wie ein Fremdkörper wirkte, wurde abgerissen, das Thies’sche Haus wirkte jetzt wieder harmonischer.

Heute ist das Haus ein fester Bestandteil des Dorflebens. Es gibt ein Bürgermeister-Büro, das zweimal in der Woche geöffnet ist, ein Büro für eine Sekretärin und im ehemaligen Stall einen großen Raum für Versammlungen aller Art. Das Spektrum reicht dabei von Seniorengymnastik der Volkshochschule bis zu Ausschusssitzungen der Ortspolitiker.

Im Obergeschoss wurde Platz für die beliebte Gemeindebücherei geschaffen, auch der Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes bekam einen größeren Raum für Treffen und Veranstaltungen. „Ich glaube, hier ist eine richtig gute Mischung gelungen“, findet Bürgermeister Dürlich. Und mitten im Haus existiert nach wie vor der alte Tante-Emma-Laden mit seiner herrlich nostalgischen Einrichtung.

Verkauft wird hier nichts mehr; in den Regalen lagern Akten, aber als Reminiszenz an vergangene Zeiten taugt dieser Raum besser als manches Museum.

Wände lassen in die Geschichte blicken

Die Wände des Thies’schen Hauses in Wohltorf zeigen, dass sich bei Bauernhäusern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einiges grundlegend änderte: Die Fachwerkbauweise ist aus dem äußeren Erscheinungsbild völlig verschwunden, von den tragenden Konstruktionen sind nur noch die Innenwände, die Decken und der Dachstuhl aus Nadelholz hergestellt. Als modern galten damals auch das relativ flach geneigte, mit rechteckigen Schieferplatten eingedeckte Dach und der ums ganze Haus verlaufende, als Zierde angebrachte „Sägezahnfries“ aus Ziegelsteinen.

Norbert Dreessen

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