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Neuanfang im Lauenburgischen: Syrische Flüchtlinge hoffen hier auf eine Zukunft ohne Gewalt

Schiphorst Neuanfang im Lauenburgischen: Syrische Flüchtlinge hoffen hier auf eine Zukunft ohne Gewalt

Die Arbeit auf dem Reiterhof mit ihrer Patin Martina Sell ist für die Syrer wie ein Anti- Depressiva. Nach der Gewalt in ihrer Heimat erscheint ihnen die Dorfidylle unwirklich.

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Der regelmäßige Gang durch die Dorfidylle: (von vorne) Amer Lazkane (33), Mataz Saad (43)und Waseem Mando Dakak (23) führen die Pferde durch Schiphorst zur Koppel. Sie helfen dort dreimal die Woche auf dem Reiterhof. Bei der Arbeit können sie abschalten.

Quelle: Fotos: Röder

Schiphorst. Gleich nachdem die fünf Syrier den Stall in Schiphorst betreten haben, läuft jeder zu seinem Lieblingspferd. Sie begrüßen das Tier mit einem kurzen Tätscheln und legen mit einer automatischen Bewegung das Halfter an. Im Entenmarsch führen die Männer die Pferde durch das Dorf. Die Gruppe läuft vorbei an roten Backsteinhäusern und einem kleinen Tümpel mit gepflegter Grünfläche. Es ist still. Hinter ihnen wird das ländliche Panorama aus weiten Feldern sichtbar.

Diese Ponyhof-Atmosphäre erscheint den Flüchtlingen fast unwirklich. Die Bilder vom Bürgerkrieg in ihrer Heimat haben sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Doch auf Martina Sells Hof können sie entspannen. Seit Ende Januar helfen Amer Lazkane , Rokhasch Baker, Mataz Saad und Wasee Mando Dakak bei der Pflege der Pferde. Dreimal die Woche kommen die Syrer nach Schiphorst. Dann bringen sie die Tiere auf die Weide und misten den Stall aus.

Abends nehmen sie Unterricht bei Reitlehrerin Martina Sell. „Ich brauche bei den Stallarbeiten überhaupt nichts mehr zu sagen. Die machen alles von selbst“, erzählt sie begeistert. So viel Freundlichkeit und Höflichkeit sei ihr selten untergekommen. „Manchmal ist mir das fast unangenehm.“ Dabei hatte die alleinlebende Frau zunächst Bedenken, als sie sich Ende Januar dazu entschied, ganz alleine mit den fünf Männern aus Syrien zusammenzuarbeiten.

Heute wirken die Fünf wie eine Familie. Nach getaner Arbeit sitzt die Gruppe auf Holzbänken in einem kleinen Raum neben dem Stall noch bei einem Tee zusammen. Es wird viel gelacht. Immer wieder bringen die Männer einen kleinen Witz zwischendurch. Übersetzer Pierre Bayrakcioglu sorgt dann dafür, dass alle ihn verstehen. Mit leuchtenden Augen erzählen sie verschiedene Anekdoten. Sie gehen gemeinsam shoppen oder zum Optiker. Wenn Sell alleine mit den Männern durch Hamburg läuft, gucken die Leute schon mal. „Wir fallen auf“, sagt die 52-Jährige.

Eine Zeit lang habe sie sich Gedanken gemacht, ob die Flüchtlinge auch wirklich Lust haben, ihr zu helfen. Aus den Erzählungen der Männer wird klar, für sie hat die Arbeit auf dem Reiterhof eine große Bedeutung. Der 33-jährige Lazkane erklärt: „Wir kommen aus einem Bürgerkrieg, und plötzlich sind wir hier in diesem perfekten Leben. Es ist eine Art Anti-Depressiva für mich. Wenn ich nur zu Hause rumsitze, mache ich mir die ganze Zeit nur Gedanken. Um meine Familie und die Zukunft. Hier kann ich einfach mal abschalten.“ Mando Dakak (23) wirft ein: „Ich wusste am Anfang nicht, wie ich mit Pferden umgehen soll. Aber Tag für Tag entwickelt sich eine Beziehung.“ Auch die Bewegung tue ihnen gut.

Aber nicht nur für die fünf Männer sind die regelmäßigen Treffen wichtig. „Ich habe etwas gebraucht, was mich belebt“, sagt Sell. Deshalb wollte sie helfen. Jetzt wird die pensionierte Verwaltungsbeamtin regelmäßig zu Abendessen mit arabischer Küche eingeladen. „Und als meine Waschmaschine kaputt war, sind sie sofort gekommen und haben mir geholfen“, erzählt die Frau lachend.

Die Beziehung zwischen der Patin und den Flüchtlingen ist eng, das erkennt jeder Beobachter sofort. „Gerade jetzt finde ich es besonders wichtig zu zeigen, wie gut das miteinander gehen kann“, sagt Sell. Sie wolle nichts glorifizieren, aber die Menschen dazu anhalten zu differenzieren.

Doch diese Idylle wird getrübt von dem Schicksal der Flüchtlinge. Ihre Frauen, Kinder und Geschwister sind noch in Syrien. „Wir haben jeden Tag Angst, dass sie sterben“, sagt Saad. Und noch etwas spannt sie auf die Folter: „Neumünster“, sagt Lazkane. Die Flüchtlinge kamen im November drei Tage vor der Einführung des Schnellverfahrens an.

Nun müssen sie Monate auf eine Aufenthaltsgenehmigung warten. Dabei wollen sie bleiben, ihre Familien herholen, Deutsch lernen und sich integrieren. Lazkane: „Am Anfang hatten wir das Gefühl, dass diese Gesellschaft uns gar nicht akzeptieren kann, weil wir so verschieden sind. Doch die Menschen und vor allem Martina haben uns so offen aufgenommen. Das hat uns so viel Kraft gegeben“

„Wir sind wie eine kleine Familie. Selten habe ich so eine Höflichkeit und Freundlichkeit erlebt. Ich habe ein tieferes Verständnis für die andere Kultur bekommen .“
Martina Sell (52), Patin für fünf syrische Flüchtlinge

Alessandra Röder

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