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Lauenburg Racesburg Wylag: Willkommen in der Vergangenheit
Lokales Lauenburg Racesburg Wylag: Willkommen in der Vergangenheit
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14:08 30.07.2018
Der 30-jährige-Krieg von 1618 bis 1648 steht beim Wylag diesmal im Vordergrund. Söldner, wie diese Garde, zogen durch die zahllosen Ländereien. Quelle: Agentur 54°
Ratzeburg

Fast alle tragen lange Leinentunika, laufen barfuß. Einfache Lederbeutel schmücken verzierte Gürtel. Kein Make Up ist zu sehen und keine Duschen, dafür lange Haare und lange Bärte. Seit gestern wird getauscht, gerauft. Die Stammeszelte stehen: Das Leben im Racesburg Wylag beginnt.

Mit einem lauten Klatscher verpufft das Mehl auf der Oberfläche des Ratzeburger Sees. Das Lagergeschütz wackelt und quietscht beängstigend. Es dauert, bis das wuchtige Pendel ausschwenkt. Das Lager ist dafür abgesperrt. Das Modell der hölzernen Schleuder ist nur neun Meter hoch: „30 Meter und höher“ dürfte es im Mittelalter gewesen sein. Es war das präziseste Wurfgeschoss seiner Zeit, mit enormer Reichweite. Zur Vorführung dient ein Kilo Mehl, schließlich soll nichts passieren. 250 bis 300 Kilo schwere Steine waren vor 500 Jahren als Munition immer noch das geringere Übel.

„Verwendet wurde alles, was Schaden verursacht hat.“ Björn Bachstein (41), Marschall bei den Rittern der Normannen, steht vor einer Traube von Besuchern. Mit röhrender Stimme erklärt er die Mechanik der sogenannten Blide, und was mit ihr in Sekundenschnelle, durch justierte Schlingenlänge, Gegengewicht oder Abwurfwinkel ins Ziel steuerte. Fässer mit Ätzkalk zum Beispiel. „Es musste bedacht werden, dass man noch plündern wollte, was man belagerte“, betont er. So dienten Bienenkörbe als Munition, Pestleichen oder gar der Kapitulationsbote. „Wir sprechen von biologischer Kriegsführung“, sagt Bachstein. Im Mittelalter leben möchte man da nicht.

240 Teilnehmer tun es dennoch, sie leben im 23. Racesburg Wylag für neun Tage das Leben von einst, gründen dafür jährlich ein Dorf. Kinder merken schnell, dass das Handy nach einem Tag ohne Strom ist. Gusseiserne Bottiche stehen auf Feuerstellen, getrunken wird aus Tontöpfen, geschlafen auf Schafsfellen. Geburten, Hochzeiten und Scheidungen wurden hier schon gefeiert.

Start als Wikingerlager

Gestartet war alles als Wikingerlager, kurz Wylag. Racesburg, der slawische Name Ratzeburgs, wurde ergänzt. Über die Jahre ist es ein Lager der Völker und Stämme fast aller Erdteile geworden, ein historisches Spektakel von der Antike bis ins 17. Jahrhundert – das es so nie gegeben hat. Hunnen treffen auf Vandalen, Wikinger auf Söldner, Adlige auf Römer und Ritter, Knechte auf Sklaven. „Es ist herrlich, wie diese Menschen die Vergangenheit darstellen. Nicht so materiell. Zumindest ganz anders, als heute“, sagt Besucher Lance Brauer (49) aus Breitenfelde.

Darsteller müssen sich beim Verein vorstellen, und es werden jedes Jahr mehr Bewerber. Hunderte werden abgelehnt – viel mehr, als Teilnehmer kommen. Möchte eine Gruppe die Zeit von 1200 bis 1400 nachstellen, ist das ein sicheres Totschlagargument. „Wenn man es richtig machen möchte, beschränkt man sich auf wenige Jahre“, sagt Tim Schneider (45), Geschäftsführer des Vereins Racesburg Wylag. „Wir nehmen jeden Wikinger. Aber ein Wikinger mit Ritterhelm passt eben nicht.“

Buntes Teilnehmerfeld

Unter den Geschichtsliebhabern sind normale Leute, Angestellte oder Lehrer, Verfassungsschützer oder Polizisten, Feuerwehrleute, Handwerker. In der Regel hat jeder mehr als einen Charakter. „Es wird das Gleiche erreicht wie heute, nur mit einfachen Tricks und Mitteln“, erklärt Schneider. Handel sei nichts anderes als Internetgeschäft. Kinder lernen Feuer zu machen, kochen, nähen. Morgens haben sie Latein, lernen Bücher zu nutzen. Zuweilen auch, hart im Nehmen zu sein: Einmal am Tag ist Marktgericht. Für Besucher sieht es gespielt aus, doch aus Schauspiel wird durchaus Ernst. Wenn eine Tavernenrechnung nicht klar beglichen wurde, zum Beispiel.

„Die Parteien müssen eine Lösung finden“, sagt Schneider, der Sheriff im Wylag. Und das sollten sie. „Jeder hier weiß, dass meine Lösung die ungünstigere ist“, sagt er schmunzelnd. „Das macht er so gut“, lobt Lea Dömming (9), die gerade vorbeischaut. „Mir ist nicht hell im Kopf“, sagt sie leise. Schneider schickt sie zu Pestarzt Thomas Wilhelm. „Ich muss husten und röcheln, bin blaß und furchtbar schwach.“ Das Mädchen aus Freital bei Dresden hat die Beulenpest. Die Symptome spielt sie beim Pestumzug. „Manche liegen einfach nur herum und werden eingesammelt“, sagt sie. Es sei eine melancholische Stimmung, so Schneider.

Vor vielen Jahren hatte ein Teilnehmer tatsächlich starke Grippe. Müdigkeit und Kopfschmerzen plagten ihn über Wochen. Mehrere Ärzte später: Keine Besserung. Bis schließlich jemand nach dem Beruf fragte. Als Archäologe war er bei Köln dabei, einen Pestfriedhof auszugraben. „Das war dann der Moment, wo die Türen des Ärztezimmers zufielen“, sagt Schneider. Der Mann hatte die Lungenpest.

Dreißigjähriger Krieg im Fokus

So friedlich das Alltagsleben auf der Schlosswiese auf den ersten Blick wirkt, mit seinen Färberinnen, Steinschleifern, Pfeilbauern und Legendenerzählern: Je mehr Besucher fragen, desto mehr lernen sie – eben auch über Gräueltaten und das Sterben. „In der Regel schnitt man das Körperteil ab, das betroffen war“, sagt Börge Jacobsen (27) aus Ratzeburg. Er gehört der Burgundergarde der Michaeliter, ein moderner Ritterorden, an. Er trägt eine blutverschmierte Schürze; Amputiermesser und Knochensäge immer bei sich.

Als Feldscher versorgte er die Halbtoten in der bis dahin grauenvollsten Zeit deutscher Geschichte: Dem 30-jährigen Krieg, der im 17. Jahrhundert Millionen Tote forderte. Diese Zeit steht im Wylag diesmal im Vordergrund. Die Söldner bewachen den Eingang, schlichten Streit zwischen Eheleuten und achten darauf, dass der Wirt keine Getränke panscht. „Damals war es auch egal, ob man katholisch oder protestantisch war“, sagt er. „Für Geld tun wir alles.“

Besucher sind begeistert

Stunden können Gespräche mit Darstellern dauern, während Kinder das Lager plündern, Modenschauen oder Freikämpfe stattfinden. Zum Beispiel, dass man aus Mänteln Zelte baute, dass Wikinger nicht aus Hörnern tranken, dass das heiße Wetter für das Mittelalter gar nicht untypisch ist – und bis zum 5. August laut Schneider „für wenigstens über 15 000 Besucher“ sorgen dürfte. Sara Schumacher (58) aus Blunk bei Bad Segeberg wollte kaum glauben, wie lange Wikinger auf Plünderfahrt gingen. „Bis zu anderthalb Jahre“, lernte sie auf dem Handelsschiff. Salze, Bernstein, Fisch und Feuersteine wurden transportiert.

„Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Teilnehmer auf die Geschichte einlassen“, sagt Jörg Steffen (49) aus Mölln, der seiner Tochter Sarah (8) das Lager zeigt. Und während zwischendurch Römer und Wikinger in der Taverne gemeinsam Met trinken, schwebt langsam eine kleine Drohne in die Höhe. Ganz leise surrt sie übers Gelände. Geschäftsführer Tim Schneider lacht: „Die Teilnehmer wissen immer noch, dass wir im Hier und Jetzt leben. Ich würde mir ernsthaft Sorgen machen, wenn das anders wäre.“

Von Irene Burow

Nachgefragt

Stefanie Samida lehrt an der Heidelberg School of Education und ist dort Nachwuchsgruppenleiterin im Cluster Kulturelles Erbe. Die Kulturwissenschaftlerin hat Archäologie studiert und sich im Fach Populäre Kulturen habilitiert.

Woher kommt der Boom bei der lebendigen Geschichtsdarstellung?

Der ist in Deutschland seit der Jahrtausendwende zu beobachten und hat in den 2010er Jahren noch einmal stark zugenommen. In den USA wurden Living-History-Museums schon in den 30er, 40er Jahren gegründet. Das gab es in Deutschland auch, nur wurden die Freilichtmuseen von den Nationalsozialisten instrumentalisiert. Deshalb gab es nach 1945 einen Bruch; die Museen verzichteten auf Inszenierungen und beschränkten sich auf die Präsentation von Objekten. Jetzt ist diese Bewegung über den skandinavischen Raum wieder zu uns gekommen, aber sie könnte inzwischen ihren Zenit erreicht haben. Ich bin gespannt, wie es in den nächsten Jahren weitergeht.

Wobei man zwischen Living History und Reenactment unterscheiden muss.

Bei Living History geht es darum, den Alltag vergangener Zeiten zu inszenieren und wieder aufleben zu lassen. Beim Reenactment werden historische Ereignisse nachgestellt, Schlachten in aller Regel. Reenactment wäre dann also ein Bereich der Living History.

Aber Schlachten haben auch schon Griechen und Ägypter nachgestellt.

Allerdings. Das ist ein Phänomen mit Wurzeln bis in die Antike.

Was sind das für Leute, die so etwas betreiben?

Überwiegend junge Erwachsene, aber auch Menschen jenseits der 60. Wie groß die Bewegung ist, lässt sich schwer abschätzen, die Motive jedoch sind ganz unterschiedlich. Ich habe Kollegen, die in einer Living-History-Gruppe aktiv sind, aber man findet auch Optiker darunter, Lehrer – es geht quer durch die Gesellschaft. Die einen wollen ihr Wissen weitergeben, etwa im Museumskontext, dann gibt es Handwerker, die sich in die Geschichte ihres Gewerbes eingearbeitet haben. Manche sehen darin einen netten Zeitvertreib mit Kameradschaft und neuen Kontakten, andere wollen zurück zur Natur und sind froh, ein paar Tage das Handy ausschalten zu können. Wiederum andere haben Spaß daran, sich wie im Fasching zu verkleiden. Das ist eine große Bandbreite.

Hat das auch einen politischen Hintergrund?

Sicher gibt es auch eine rechtsextreme Szene in diesem Feld, aber meiner Einschätzung nach nicht dominant. Manchmal ist es eher eine Unbedarftheit, wenn man etwa Embleme aufgreift, ohne darüber nachzudenken. Die Swastika, das Hakenkreuzmuster also, findet sich zweifellos in der Ur- und Frühgeschichte, aber sie ist natürlich auch an den Nationalsozialismus gebunden. Es wäre jedenfalls falsch, alle Gruppen in einen Topf zu werfen. Die meisten haben wirklich ein enormes historisches Interesse, und zwar oft aus lokaler Verbundenheit heraus. In Baden-Württemberg etwa gibt es keine Wikinger-, wohl aber Alemannen- oder Kelten-Gruppen. Und sie haben oft eine unglaubliche Detailkenntnis.

Die Bewegung in eine esoterische Ecke zu rücken, wäre verkehrt?

Es gibt sicher auch Esoteriker darunter, aber die Bewegung ist sehr, sehr heterogen.

Wichtig ist jedoch offenbar allen, dass es authentisch zugeht.

Das spielt eine enorme Rolle, gerade für Gruppen, die neu anfangen. Authentizität ist eine Art Währung in der Szene. Je „ursprünglicher“ man sich der Vergangenheit nähert, desto „besser“ erscheint die Gruppe. Dabei ist vielen natürlich klar, dass sie nicht zurück in die Vergangenheit können und das Eintauchen in diese durch mangelnde Quellenlage erschwert wird. So liegen zum Beispiel für die Eisenzeit in Mitteleuropa, die Zeit der Germanen und Kelten, überwiegend nur materielle Zeugnisse vor. Mentalitäten, Gestik, Mimik oder wie gesprochen wurde – da muss man frei interpretieren. Da hört dann die Authentizität auf.

Und auch das Verständnis der Wissenschaft?

Anfangs hat die Wissenschaft das Phänomen skeptisch betrachtet, inzwischen ist sie offener geworden. Es gibt aber nach wie vor ein Spannungsverhältnis. Living Historians wissen eben wirklich sehr, sehr viel. Aber sie prägen oder erhärten auch geschichtliche Bilder, die sich wissenschaftlich nicht beweisen lassen. Das vom keltischen Druiden etwa im weißen Gewand und mit langen Haaren, das schon lange revidiert ist. Ingesamt herrscht Skepsis auf beiden Seiten, wobei wir im Rahmen eines Projekts daran gearbeitet haben, das aufzubrechen. Es wäre gut, die jeweils andere Seite ohne Vorbehalte zu hören.

Interview: P. Intelmann

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