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Lauenburg Ratzeburger haben Angst vor pöbelndem Stalker
Lokales Lauenburg Ratzeburger haben Angst vor pöbelndem Stalker
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14:24 14.08.2016
Quelle: fotolia
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Ratzeburg

„Wir fühlen uns von den Behörden im Stich gelassen.“

„Das Verhalten ist nervig, aber nicht gefährlich.“Karsten Steffen, Kreis-Sprecher

Es ist eine kleine Runde, vier Bewohner einer Reihenhaussiedlung in Ratzeburg und ein Mitarbeiter vom Weißen Ring, der Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, die erzählt. Es handelt sich um einen Mann Anfang 60, Frührentner „seit gefühlt 20 Jahren“, so die unmittelbare Nachbarin Gertrud S. (richtige Namen der Personen der Red. bekannt). „Ich bin seine Lieblingsfeindin“, erklärt sie mit von Tränen gerötetem Gesicht. Schon immer habe L. „zu allen Sachen eine grundsätzlich gegenteilige Einstellung“ gehabt und dies auch stets laut und provokativ geäußert. Von Pöbeleien, Beleidigungen, Verleumdungen, Aggressionen bis hin zu tätlicher Gewalt berichten die drei Frauen und ein Mann. Heike A. erzählt: „Ich habe letztens bei einem Telefongespräch mit einem Beamten zufällig mitbekommen, dass die Polizei schon an die 30 Vorgänge und Strafanzeigen über L. hat.“ Kathrin Bertelsen, Sprecherin der Ratzeburger Polizeidirektion, bestätigt dies: „Es liegen der Polizei über zwanzig Anzeigen und Berichte in diesem Jahr vor.“

Anfang Juni sei L.’s Mutter gestorben, erzählt Hartmut K.: „Seitdem ist es extrem schlimm geworden“. Bewohner der Straße, die L. kennen, auch die meisten Kinder und Jugendlichen, die auf ihrem Schulweg an dem Haus vorbei müssen, wechseln freiwillig die Straßenseite, um L. nicht zu nahe zu kommen. In vielen Geschäften wie einem Supermarkt, dem Baumarkt oder einem Tierfutterhandel habe er mittlerweile Hausverbot. Auch im Rathaus sowie in der Kreisverwaltung, sagt Hartmut K.

Bürgermeister Rainer Voß lehnt dazu eine Stellungnahme ab. Aber Karsten Steffen, Sprecher der Kreisverwaltung, bestätigt das Hausverbot: „Ein Befristetes auf zwei Jahre, und das auch nur für die Barlachstraße 2, nicht Barlachstraße 4“. In der Hausnummer 2 residiert die Hauptverwaltung, in Nr. 4 der Gesundheits- sowie der sozialpsychiatrische Dienst.

Für Steffen ist das Verhalten L.’s nur „nervend, aber nicht gefährlich“. Das sehen Gertrud S. oder das Ehepaar K., die alle Drei wegen der immerwährenden Ausfälle ihres Nachbarn schon seit geraumer Zeit in psychologischer Behandlung sind, anders. Sie haben „große Angst, dass L. irgendwann wirklich etwas tut“, sprich aggressiv handelt. Offensichtlich mehren sich auch die tätlichen Vorfälle: Eine alte Dame habe L. beim Discounter ins Regal geschubst, Gertrud S. habe er jüngst die Hand weggeschlagen und ihr angedroht, sie „zu Matsch“ zu hauen. Auch sei er mit dem Auto auf Leute zugefahren und habe erst im letzten Moment abgebremst. „Danach ist er dann von Polizei und Sanitätern abgeführt und in die psychiatrische Abteilung im Krankenhaus Geesthacht eingewiesen worden“, erzählt S.. Zuvor aber habe er noch gebrüllt, er werde sich rächen.

„Wir wissen ja, dass er krank ist. Aber das heißt doch nicht, dass wir uns seine Pöbeleien, sein Stalking gefallen lassen müssen. Und wenn man von den jüngsten Terrorattacken in Süddeutschland liest und hört, wo immer wieder von psychischen Problemen der Täter gesprochen wird, dann macht man sich Gedanken und stellt Verbindungen zu dem eigenen Fall her“, sagt K.. Hier aber stießen die Anfragen und Hilferufe der Nachbarn bei den Behörden – auch der Polizei – auf Zurückhaltung. „Da sprechen die Chefs in Stadt- und Kreisverwaltung ein Hausverbot aus und gehen heim und grillen in ihrem Garten.

Wir aber haben diesen Menschen tagtäglich an der Backe, er beobachtet und filmt uns sogar“, behaupten die Nachbarn.

„Selbstverständlich können wir die Ängste der Nachbarschaft nachvollziehen“, sagt Polizeisprecherin Bertelsen. „Was die Beschwerden und Vorwürfe angeht, kann die Polizei nur dafür Verantwortung übernehmen, wofür sie den gesetzlichen Auftrag hat“, sprich Strafverfolgung. Bei der Gefahrenabwehr sei sie dagegen „nur im Rahmen der Eilzuständigkeit verantwortlich“. Sie rät den Nachbarn, „in akuten Fällen“ die Polizei über den Notruf 110 zu alarmieren.

Ansonsten sei der sozialpsychiatrische Dienst des Kreises zuständig, der im Rahmen seiner rechtlichen Möglichkeiten Maßnahmen zu treffen habe. „Ob eine Gefahr von L. für sich oder andere Personen ausgeht, kann nur der Amtsarzt beziehungsweise ein Richter entscheiden“. Steffen: „Der Amtsarzt hat festgestellt, dass L. ruhiger geworden ist, er wird ambulant behandelt.“ Maßnahmen wie eine langfristige stationäre Einweisung seien Freiheitsberaubung.

Begriff aus der Jägersprache

Bei der „Nachstellung“ handelt es sich um das willentliche und wiederholte (beharrliche) Verfolgen oder Belästigen einer Person, deren physische oder psychische Unversehrtheit dadurch unmittelbar oder langfristig bedroht und geschädigt werden kann.

Der Begriff Stalking entstand in den 80er Jahren in den USA. Er kommt vom englischen Wort „to stalk“, was heranpirschen oder auch anschleichen bedeutet. Ursprünglich in der Jägersprache verwendet, fand er bald Verwendung für ein neues Phänomen, das Verfolgen einer Person.

Die polizeiliche Definition von Stalking lautet: „Das beabsichtigte und wiederholte Verfolgen und Belästigen eines Menschen, so dass dessen Sicherheit bedroht und er schwerwiegend beeinträchtigt wird.“

Quellen: wikepedia/www.stalking-justiz.de/Polizeiliche Kriminalprävention der Länder

 Joachim Strunk

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