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Lauenburg Raum, der zum Frieden mahnt
Lokales Lauenburg Raum, der zum Frieden mahnt
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20:31 29.04.2016
Ein Blick in den schlichten Friedensraum, der im Jahr 2010 geschaffen wurde. Quelle: Fotos: Norbert Dreessen

Ein schlichtes Gebäude, ein schlichtes Zimmer, eine schlichte Botschaft — so könnte man kurz und knapp den Friedensraum der evangelischen Kirchengemeinde Schwarzenbek beschreiben. Er verdient allerdings eine gründlichere Betrachtung und Beschreibung — gerade wegen seiner so einfachen Botschaft. Die nämlich lautet: Der Krieg bringt unsägliches persönliches Leid über zahllose Familien.

In der Schwarzenbeker Auferstehungskirche gedenkt man auf besondere Weise gefallenen Soldaten, aber auch zivilen Opfern — Bereich war einst eine Abstellkammer.

Nach großen Kriegen, und davon gab es in Deutschland in den vergangenen Jahrhunderten ja leider mehr als genug, wurden in nahezu jedem Ort Gedenksteine oder -tafeln aufgestellt, in denen zum Beispiel „tapfere Helden“ für ihren „Einsatz für das Vaterland“ geehrt wurden. So findet man im Schwarzenbeker Friedensraum, der sich in der 1962 errichteten Auferstehungskirche an der Möllner Straße befindet, eine nach dem Ersten Weltkrieg geschaffene Ehrentafel mit den Namen der Gefallenen aus dieser kleinen Stadt. Darunter steht die Zeile „Die dankbare Kirchengemeinde Schwarzenbek“.

Heute sehe man den Einsatz der Soldaten damals sehr viel differenzierter, erklärt Pastorin Christiane Klinge: „Wir wissen, dass die meisten Männer, die damals in den Krieg zogen, Opfer einer menschenverachtenden Propaganda wurden. Die meisten Kriegerdenkmäler betonen Ehre, Kameradschaft und Vaterlandstreue, die wenigsten mahnen eindeutig genug zum Frieden.“

Irgendwann beschloss der Kirchenvorstand in Schwarzenbek dann, die erwähnte Gedenktafel, die lange im Turmraum der örtlichen Franziskus-Kirche hing, dort abzumontieren. „Der Turmraum sollte schließlich der inneren Sammlung vor dem Betreten der Kirche dienen“, so Pastorin Klinge. Das Kreuz vorn am Altar, so sah man es damals, berge eben alles Leid der Welt, auch das Leid der Kriege.

Die Erinnerungstafel landete daraufhin in einem Nebenraum der Auferstehungskirche. Dieses Zimmer diente aber zugleich als Abstellraum, und das empörte nun auch wieder viele Schwarzenbeker. Das gab den Anstoß, den Abstellraum würdig umzugestalten, was dann auch vor sechs Jahren geschah. Inzwischen ist dies ein Platz des Gedenkens und der Erinnerung, in der es eben nicht nur um Soldaten geht, sondern um andere Menschen, die im Krieg und in den Notzeiten danach gelitten haben.

Am eindrucksvollsten ist eine Tafel mit 48 Namen von Mädchen und Jungen, die alle im frühesten Kindesalter starben. Es sind Kinder von überwiegend polnischen Zwangsarbeiterinnen, die im Zweiten Weltkrieg in Schwarzenbeker Fabriken arbeiten mussten. Diese Frauen wurden schlecht versorgt und bekamen wenig zu essen, ihren Kinder wurde die Mangelernährung zum tödlichen Verhängnis. 2012 hat eine Konfirmandengruppe die Kriegsgräberlisten des Friedhofs durchforscht, aber auch alte, teils schon von Efeu überwucherte Grabsteine entdeckt. Die Konfirmanden listeten alle Kinder samt ihrem kurzen Lebenszeit auf. Ob es nun „Dymitro Mysok, 1 Monat 21 Tage“ oder „Rozanika Ezerniak, 3 Monate, 2 Tage“ ist, hier wird der Besucher mit Schicksalen konfrontiert, über deren Hintergrund viele Menschen nichts wissen oder vielleicht gar nicht wissen wollen.

Eindrucksvoll ist auch ein dickes Gedenkbuch, in dem Seite für Seite das kurze Leben von Soldaten aus Schwarzenbek erzählt wird, die im Zweiten Weltkrieg fielen.

Und dann sind da noch einige Grabsteine mit Namen, die fremd klingen. Sie erinnern an baltische Flüchtlinge, die in den Jahren 1944 und 1945 vor der stetig vorrückenden Roten Armee gen Westen flüchteten. Und so landeten einige von ihnen in Schwarzenbek. Hunger und Krankheiten sorgten dafür, dass einige ihre Flucht nur wenige Monate überlebten.

Die Auferstehungskirche ist sonnabends und sonntags von 9 bis 15 Uhr öffentlich zugänglich. Andere Termine können unter Telefon 04151/81947 abgesprochen werden.

Zwangsarbeiter

Zwangsarbeiter, an die man im Schwarzenbeker Friedensraum erinnert, stellen ein düsteres Kapitel in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs dar. Historiker gehen davon aus, dass zwischen 1939 und 1945 von deutschen Truppen mehr als sechs Millionen Zivilisten aus den besetzten Ländern Europas nach Deutschland deportiert wurden, um hier in der Rüstungsindustrie und in der Landwirtschaft eingesetzt zu werden.

In Schwarzenbek waren damals rund 2000 Zwangsarbeiter, größtenteils aus Osteuropa, in einem primitiven Barackenlager neben der Schrauben- und Rüstungsfabrik Bauer & Schaurte an der Grabauer Straße untergebracht. Deutlich weniger lebten in der Stockschen Ziegelei (Düsternhorst) und in der Gastwirtschaft Mennrich an der Hamburger Straße. Die Versorgung der Zwangsarbeiter mit Lebensmitteln war gerade noch ausreichend.

Von Norbert Dreessen

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