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Lauenburg Schlamperei? Nazi-Prozess vertagt
Lokales Lauenburg Schlamperei? Nazi-Prozess vertagt
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21:00 11.01.2017

Schlangestehen gestern Vormittag im nasskalten Regen vor dem Amtsgericht Ratzeburg. Eingelassen wurde nur einzeln. Alle Metallgegenstände waren aus den Taschen zu entfernen, Handtaschen und ähnliches wurden inspiziert. Polizeipräsenz im Flur. Grund für die ungewöhnlichen Sicherheitsmaßnahmen war der Prozess gegen Simon H., gegen den die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt.

Volksverhetzung – laut Strafgesetzbuch (7. Abschnitt, Straftaten gegen die öffentliche Ordnung, Definition: dejure.org, siehe unten) ein ernstzunehmender Vorwurf, der bei Verurteilung mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet werden kann. Entsprechend angriffslustig präsentierte sich der Verteidiger, entsprechend wenig milde zeigte sich der Vertreter der Staatsanwaltschaft.

Den Kopf bedeckt, so dass auch das Gesicht nicht zu erkennen war: So betrat Simon André H. gestern den Verhandlungssaal von Richter Martin Mrozek. 23 ist H. Gelernter Tischler, nicht verheiratet aber Vater eines Kindes. Und er wohnt bei seiner Mutter. Das ist nicht uninteressant, denn auf dem Grundstück seiner Mutter hat der überzeugte NPD-Mann am 17. Oktober 2015 eine Party gefeiert. Soweit, so harmlos – hätte die Gesellschaft sich nicht mit laut abgespielter Musik unter anderem der Band Landser amüsiert. Als nun Texte wie „In Buchenwald, in Buchenwald, da machen wir die Juden kalt“ von Familie H. bis zu den Nachbarn im beschaulichen Labenz schallten, war es um die seelische und Nacht-Ruhe der Nachbarn geschehen: Sie riefen die Polizei.

Erinnere sich mal einer exakt an Geschehnisse, die sich vor 15 Monaten zugetragen haben. Zwar schlug sich der erste Zeuge wacker, doch Rechtsanwalt Philipp Marquort setzte dem Polizeibeamten arg zu. Immer wieder fragte der Verteidiger süffisant nach, versuchte, Schwachstellen in Gedächtnis und Aussagen des Beamten zu finden.

Damit war er dann beim zweiten Zeugen erfolgreich. Im Mittelpunkt des Interesses stand nämlich immer wieder der iPod, von dem die braunen Töne in die Nacht schallten. Und der angeblich niemandem gehörte. Als nun gestern ein vorgeladener Lübecker Kripobeamter erklärte, einem Kollegen aus der IT sei es gelungen, den Besitzer des iPods „indirekt über das technische Protokoll des Gerätes zu ermitteln“, herrschte Erstaunen: In den Akten fand sich keine Spur dieses Protokolls. Wasser auf den Mühlen der Verteidigung: Marquort forderte die Aussetzung der Hauptverhandlung, der Richter Martin Mrozek stattgab. Im Interesse der Fairness, wie er sagte: „Die Akte soll vervollständigt werden. Ein neuer Termin wird von Amts wegen bekanntgegeben.“ln

LN

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