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Schüler erleichtern Behinderten den Job

Mölln Schüler erleichtern Behinderten den Job

Mit Videos in einfacher Sprache wollen Möllner Gymnasiasten Menschen mit Handicap Mensa-Arbeit erklären. Sie drehen Lehrvideos für Menschen mit Behinderung, die bei ihnen in der Schulmensa arbeiten – in Eigenregie.

Sie drehen Lehrvideos für Menschen mit Behinderung (v. li.): Mher Kandratyan , Stella Otte, Christoph Soltau, Niklas Gaidetzka und Lennard Schröder (alle 19).

Mölln. Während andere die freie Zeit nach den Abiklausuren nutzen, um sich zu erholen, treffen sich sechs Möllner Schüler im Café oder der Mensa, um ihre Freizeit in ihr Herzensprojekt zu stecken: „Ability“ heißt es. Sie drehen Lehrvideos für Menschen mit Behinderung, die bei ihnen in der Schulmensa arbeiten – in Eigenregie. Zurzeit arbeiten sie an ihrem Pilotfilm. „Ability“ zeigt, wie praktisch Integration funktionieren kann.

LN-Bild

Mit Videos in einfacher Sprache wollen Möllner Gymnasiasten Menschen mit Handicap Mensa-Arbeit erklären.

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Philip Schülermann über „Ability“, ein Projekt,

in dem Möllner Gymnasiasten zeigen, dass sie nicht nur für die Schule, sondern auch

fürs Leben gelernt haben.

„Wir setzen auf das Visuelle und den Nachahmungseffekt.“ Niklas Gaidetzka (19)

An diesem warmen Tag sitzten die Jugendlichen bei Kaffee draußen in der Sonne. Auf dem Tisch stehen Laptop, eine Kamera und einige Zettel. Das Team um Christoph Soltau und Niklas Gaidetzka (beide 19) diskutiert die nächsten Arbeitschritte. Bis ihr Pilotfilm fertig ist, wartet noch viel Arbeit auf sie. Dafür opfern die Sechs ihre Freizeit, statt sich vom Prüfungsstress zu erholen.

Ihre Idee ist eigentlich ganz simpel und gleichermaßen weit mehr als ein Stein des Anstoßes: Sie drehen Lehrvideos, Tutorials, in denen sie Menschen mit Behinderung die Arbeit in einer Küche erklären wollen. Das Besondere sei die sogenannte leichte Sprache. „Kurze Sätze und wir vermeiden Fremdwörter“, sagt Christoph Soltau. „Wir können die Themen außerdem nach den Gegebenheiten vor Ort ausrichten“, sagt Nils Wöbke vom Lebenshilfewerk Mölln-Hagenow, das das Projekt unterstützt. Und die Hauptrollen in den Tutorials spielen die Küchenmitarbeiter selbst. Sie haben geistige Behinderungen. Die Erklärungen sollen speziell auf sie und die Arbeit in der Mensaküche zugeschnitten sein.

„Die Videos sollen den Einstieg in den Arbeitsalltag erleichtern“, sagt Niklas Gaidetzka. Dazu hat das „Ability“-Team verschiedene Szenen inszeniert – zum Beispiel das Schneiden einer Tomate in Nahaufnahme, oder inwiefern das Arbeiten in einer Küche Teamwork ist. Alle Szenen drehen sie mit viel Liebe zum Detail und äußerst professionell: Von wo filmen, dass der Vorgang gut zu sehen sei, und wie müsse die Szene ausgeleuchtet werden, nennt Lennard Schröder (19). Jede Szene wurde mit mehreren Kameras aus verschiedenen Perspektiven gefilmt. Wie man Videos drehe und schneide „stand im Lehrplan“ des Marion-Dönhoff-Gymnasiums, erzählt Stella Otte (19). Aber einiges sei auch „Learning by doing“ gewesen, sagt Lennard Schröder. Niklas Gaidetzka: „Wir setzen auf das Visuelle und den Nachahmungseffekt.“

Eigentlich wollten Christoph Soltau und Niklas Gaidetzka andere Erklärvideos machen. Zum Beispiel wollen sie erklären, wie man eine Waschmaschine bedient. Ein QR-Code auf der Waschmaschine sollte zu einem Tutorial führen. Daraus wurde nach Beratung mit dem Lebenshilfewerk die Idee zu „Ability“. Und dann ging alles ganz schnell. Sie bewarben sich um Fördergelder von „Think Big“, einem Programm des Mobilfunkanbieter „O2“ – und waren erfolgreich. Es unterstützt sozial-digitale Projekte. 5000 Euro haben sie bekommen, dazu verschiedene Coachings in Berlin. Acht Monate dauert die Förderung an. Und da hätten sie bemerkt, dass sie wirklich etwas bewirken könnten, berichtet das Team, das sich vor dem Projekt nur flüchtig kannte. „Als die Förderung kam, haben wir gemerkt, das schaffen wir zu zweit nicht mehr“, sagt Christoph Soltau. „Wir wollen erst mal gemeinnützig bleiben. Aber natürlich müssen wir auch unsere Kosten decken“, sagt Christoph Soltau. In naher Zukunft soll „Ability“ ein Verein werden. Dazu fehle noch ein siebter Mitstreiter. Interessenten gebe es bereits. Für die Abiturienten ist klar: Er müsse ins Team passen.

Zwar entscheiden die Macher von „Ability“ alles gemeinsam, aber die Aufgaben sind verteilt: Lennard Schröder und Christoph Soltau kümmern sich um konzeptionelle Aufgaben wie Drehpläne. Stella Otte macht Öffentlichkeitsarbeit und textet, Mher Kondratyan (19) programmiert unter anderem die Homepage und Niklas Gaidetzka ist für Designfragen zuständig. So bringen alle ihre Stärken mit ein. Mitten in den Vorbereitungen zum Abitur, in den Osterferien, haben die sechs Filmemacher nach intensiver Planung die Szenen für ihren Pilotfilm in der Mensa ihrer Schule gedreht. Nun müssen die Szenen zusammengeschnitten und vertont werden. Sie suchen derzeit einen Sprecher. Danach wird der Film geprüft – und zwar mit der Küchencrew zusammen.

Christoph Soltau, Niklas Gaidetzka, Mher Kondratyan, Stella Otte, Lennard Schröder und Polina Münter (18) erzählen voller Enthusiasmus von ihrem Projekt. Woher kommt so ein Engagement?

Das liege vor allem wohl daran, dass in ihrer Schulmensa Menschen mit Behinderung arbeiten und sie sie dort kennengelernt hätten. Und mit ihnen zusammen machen sie nun Filme. „Begegnungen schaffen“, nennt Nils Wöbke das. Wie das geht, zeigen die Schüler ganz praktisch.

Gelungenes Beispiel für Integration

Über Integration wird viel geredet. Gute und gut gemeinte Ideen gibt es ebenso viele. Aber selten gelingt es, sie wirklich praktisch umzusetzen. Meistens bleiben sie Theorie oder ein gut gemeinter Rat – und natürlich ein Selbstverständnis. Denn, dass Menschen, die durch eine Behinderung eingeschränkt sind, in das „normale“ gesellschaftliche Leben eingebunden werden sollen, darin sind sich – zum Glück – fast alle einig.

Wie aus einer Idee Wirklichkeit wird, das zeigen die sechs Schüler von „Ability“. Die Idee kam dadurch, dass sie in Kontakt mit Menschen mit Behinderung stehen, weil sie Teil ihres Schulalltags sind.

Dann drehen sie Filme – mit ihnen gemeinsam, damit sie sich noch besser in der „normalen“ Welt zurecht finden. Und die Mitarbeiter der Küche prüfen die Filme auch. Und wenn dann noch wie bei „Abiltiy“ alle Beteiligten von dem Projekt profitieren, dann zeigt sich, wie Integration Früchte tragen kann. Denn häufig scheint bei Integration ein Nachteil für die „Normalen“ mit zu schwingen.

Sechs junge Möllner zeigen, wie einfach es sein kann und wie selbstverständlich – oder eben „normal“.

 Philip Schülermann

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