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Lauenburg Segelflugzeug von 1938 besteht Flugtest
Lokales Lauenburg Segelflugzeug von 1938 besteht Flugtest
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23:32 22.05.2014
Grambek

Vor dem Flug zeigt sich Alexander Willberg zuversichtlich: „Ich mache mir keine großen Sorgen. Ich bin schließlich schon viele Male geflogen“, sagt er in das dunkelblaue Mikrophon.

Umringt von Kamerateams und Journalisten steigt der Geschäftsführer der BQG-Personalentwicklung in das beige Segelflugzeug und schnallt sich fest. Zur Sicherheit hat er sich einen Fallschirm umgelegt. Falls er abstürzt. „Aber das wird ganz sicher nicht passieren“, sagt der erfahrene Pilot selbstbewusst. Mit ratterndem Motor startet nun das Schleppflugzeug und beschleunigt auf der Grambeker Heide. Die Schleppleine spannt sich und reißt das Segelflugzeug mit. Die beiden Flugmaschinen rasen über das abgefahrene Gras und heben ab.

Alexander Willberg wagt den ersten Flug mit der neu zusammengeflickten GÖ-4. Bei so einem alten Segelflieger könne er nicht vorhersehen, wie es in der Luft reagiere, erklärt Willberg. Das Segelflugzeug stammt aus dem Jahre 1938. Durch einen Unfall wurde es 2006 in seine Einzelteile zerlegt. Die Schüler der Ratzeburger Produktionsschule „JuBi“ haben die ramponierte GÖ-4 grundüberholt.

Es ist das älteste Segelflugzeug, das je in der „JuBi“ Produktionsschule restauriert wurde. Wird bei dem ersten Flugversuch alles gut gehen?

Die beiden Flugzeuge gleiten über dem wolkenlosen Himmel. Es ist ein heißer Tag und die Sonne knallt auf die versammelte Menge der Schaulustigen. Die Köpfe in den Nacken gelegt, beobachten sie fasziniert den Jungfernflug. Der Start des Segelfliegers war etwas wacklig, aber in der Luft scheint alles gut zu gehen. Weit weg vom Getümmel dreht das Segelflugzeug anmutig Schleifen. Die GÖ-4 fliegt in einem Winkel von 40 Grad mit 80 km/h über das Herzogtum Lauenburg.

Mit einem Rumpeln landet das historische Segelflugzeug wieder auf der Erde. Ungefähr 15 Minuten schwebte es in der Luft — ganz ohne Schwierigkeiten. „Oh, es war so schön. Ich habe mich wie in einem fliegenden Museum gefühlt“, sagt ein völlig entzückter Willberg.

Aber auch die Schüler der „JuBi“ haben allen Grund, stolz auf sich zu sein: „Ich bin froh, dass mein Chef heil wieder runtergekommen ist“, freut sich Pascal Volz über den erfolgreichen Flug. Der 18-Jährige gehört zu den Schülern, die das Segelflugzeug mit ihren eigenen Händen wieder auf Vordermann gebracht haben. „Wir haben das Flugzeug in Einzelteilen bekommen und mussten es wieder zusammensetzen. Ein Großteil war nur noch Schrott“, erklärt der Bastler. Die größte Herausforderung sei das Bespannen der Flügel gewesen. Vor dem ersten Flug war Pascal Volz etwas nervös: „Ich habe schließlich mit daran gearbeitet. Ob es wirklich fliegt, lag also auch in meiner Verantwortung. Aber als sie dann in der Luft war, habe ich eine Mischung aus Erleichterung und stolz gefühlt“, sagt er und lächelt glücklich. „Das war ein sehr gutes Gefühl zu sehen, wie es fliegt“, sagt Cosmin Giambaso (20).

Die Produktionsschule „JuBi“ unterstützt Jugendliche, die Probleme haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Sie kommen oft aus sozial schwachen Familien, viele von ihnen haben keinen Schulabschluss, geschweige denn einen Ausbildungsplatz. Die jungen Menschen können bei der „Jubi“ ihren Hauptschulabschluss nachholen und werden psychologisch betreut.

In den Produktionsstätten arbeiten sie in den Bereichen Metall, Hauswirtschaft, Küche, Verwaltung oder Holz/Segelflug. Die Restauration von Segelfliegern ist die größte Produktionsstätte, zehn Flugzeuge wurden dort bereits repariert. „Über die Arbeit bekommen die Schüler wieder Vertrauen in sich selbst, um später ins Berufsleben zu kommen“, erklärt Werkstattleiter Jochen Gräbel. Das Team der „JuBi“ betreut etwa 30 Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren. Die GÖ-4 verlässt nach ihrem erfolgreich bestandenen Flugtest den Kreis wieder, um durch ganz Deutschland zu touren. Sie soll Vereinen den historischen Segelflug präsentieren.

Mit einem Segelflugzeug nach dem Baumuster GÖ-4 haben zwei Piloten 1939 übrigens den Dauerweltrekord unter Segelflugzeugen aufgestellt: Die beiden blieben 49 Stunden und 45 Minuten in der Luft. Auch wenn die von den Schülern reparierte GÖ-4 nur 15 Minuten in der Luft flog, war es trotzdem ein besonders Erlebnis für alle Beteiligten. „Ich bin stolz wie Bolle, damit geflogen zu sein.“, freut sich Alexander Willberg.

• Ein Video zum Artikel finden Sie auf www.ln-online.de

Die GÖ-4 aus Ratzeburg

1938wurde das Segelflugzeug Bauweise GÖ-4 gebaut.
2006 zerlegte ein Pilot das Segelflugzeug durch eine Bruchlandung in seine Einzelteile.

2012 haben die Jugendliche aus der Ratzeburger Produktionsstätte „JuBi“angefangen, den kaputten Flieger zu reparieren. Die Flügel mussten neu bespannt werden und auch der Rumpf war kaputt.

Alessandra Röder

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