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Sünden der Vergangenheit kommen hoch

Gudow Sünden der Vergangenheit kommen hoch

Hunderte Müllkippen gab es einst im Kreis Herzogtum Lauenburg. Vor allem Moore wie in Gudow waren beliebt – in den 80er Jahren wurden ganze Autos in einem See versenkt. Doch der Müll vergangener Jahrzehnte wird jetzt wieder an die Oberfläche gedrückt.

Das war wohl mal irgendein Auto: Was damals einfach im Moor entsorgt wurde, wäre heute als Oldtimer vielleicht viel Geld wert. Die durchgerosteten Reste werden allerdings voraussichtlich auch weiter im Wald liegenbleiben (rechts). Nicht nur Gras, sondern auch Bäume sind in Jahrzehnten über die Dorfmüllkippe gewachsen (links).

Quelle: Marohn

Gudow. Es war offenbar mal irgendeine Art von Auto. Von der Karosserie, die im Gudower Grasmoor am Rande eines Tümpels im Morast steckt, ist nur noch ein grünes Teil als Kotflügel zu identifizieren. Daneben liegen blaue Müllsäcke, jede Menge Glasflaschen, Plastikbecker, Zinkwannen und Bauschutt. Es ist der Müll vergangener Jahrzehnte, der nun wieder an die Oberfläche drückt oder von Wildschweinen, die im Morast nach hingeworfenen Maiskolben suchen, aufgewühlt wird.

LN-Bild

Es war offenbar mal irgendeine Art von Auto. Von der Karosserie, die im Gudower Grasmoor am Rande eines Tümpels im Morast steckt, ist nur noch ein grünes Teil als Kotflügel zu identifizieren.

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„Solche Müllplätze gab es hier drei oder vier“, erinnert sich Gudows Alt-Bürgermeister Jürgen Holst (SPD). Er erinnere sich noch gut, wie sich die Leute noch in den 80er Jahren am Stammtisch damit gebrüstet hätten, wie sie ganze Autos in einem See versenkt hätten. „Der war für seine große Tiefe bekannt und es gab Autos, die erst untergegangen sind, wenn noch zwei Findling aufs Dach gepackt worden waren“, sagt Holst. Und selbst in den 80er Jahren seien noch ganze Häuser nach ihrem Abriss einfach im Wald verschwunden. Was die Dorfkippen angeht: „Als damals der Segelhafen hier in Gudow ausgebaggert wurde, hat man den Boden einfach wie einen Mantel des Schweigens über den Müll gekippt“, erinnert sich Holst.

Doch nicht nur in Gudow war die unkonventionelle Müllentsorgung nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ üblich. „Jeder Ort hatte damals so eine Dorfkippe“, sagt Jan Szandrowski. Der Chemiker ist seit 15 Jahren beim Kreis Herzogtum Lauenburg für den Bodenschutz verantwortlich. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg ließ in den Dörfern jede Menge Müll entstehen. Und der musste irgendwohin. Rund 90 Prozent aller heute in Schleswig-Holstein bekannten Deponien sind wahrscheinlich nach 1945 angelegt worden, die meisten in den 50er Jahren.

Kieskuhlen und eben Tümpel seien damals besonders beliebt gewesen. Was heute als ökologisch besonders wertvoll eingeschätzt wird, sei damals einfach nur „Unland“, also landwirtschaftlich nicht nutzbar, gewesen, sagt Szandrowski. Etwa 300 dieser dörflichen Müllplätze seien beim Kreis als Altfunde kartiert.

Doch immer wieder würden welche — so wie jetzt mit der kleinen Müllkippe im Gudower Grasmoor — hinzukommen. Bis 1972 habe es lediglich örtlich als Polizeiverordnung eine so genannte Müllplatzverordnung gegeben. Erst Mitte 1972 sei dann erstmals ein bundesweites Abfallgesetz in Kraft getreten, das den jeweiligen Kreisen die Aufgabe der Abfallentsorgung übertragen habe. Im Lauenburgischen habe man sich daraufhin am Bau der Müllverbrennungsanlage Stapelfeld beteiligt. Für die Zeit bis zu deren Fertigstellung sind vier so genannte Übergangsdeponien entstanden — eine davon in Grambek. Um überhaupt ansatzweise einen Überblick über die Dorfkippen zu bekommen, seien damals die Altlasten bei den Gemeinden abgefragt worden. Doch dort war damals nicht nur das Umweltbewusstsein noch ein ganz anderes, oft fehlte auch der Überblick. So heißt es in einer Selbstauskunft von 1980 für den großen Müllplatz am Gudower Mühlenweg: „Eine Genehmigung, glaube ich, war nie eingeholt worden“.

Bodenschutzrechtlich seien diese Dorfmüllkippen oft unbedenklich — und abfallrechtlich ist aufgrund der damaligen Gesetzeslage auch niemand mehr zu belangen. „Wir haben etwa 30 Prozent dieser Dorfkippen untersucht und wissen, was dort wahrscheinlich immer entsorgt wurde“, sagt Szandrowski. Und so lange keine Gefahr für das Grundwasser bestehe, habe der Kreis auch keine Handhabe, eine Sanierung zu fordern. Neue Untersuchungen würden in der Regel nur veranlasst, wenn eine Deponie mit einem Bebauungsplan überplant werden soll. Damit nicht so etwas passiere, wie vor Jahren in Barsbüttel, wo ein ganzes Neubaugebiet wegen giftiger Gase aus einer angeblich nur mit Hausmüll und Bauschutt verfüllten Deponie wieder abgerissen werden musste. Das Land entschädigte die Bewohner damals mit 50 Millionen Mark.

Das Altlastenkataster

3598 Standorte im Kreis sind im Altlastenkataster des Kreises verzeichnet. 3143 davon sind vom Kreis bereits bearbeitet. Fünf sind als belastet (Altlast), 375 als altlastverdächtig und 2736 als unbelastet eingestuft. Die Eigentümer der Verdachtsflächen sind von Kreis informiert.

475 Verdachtsflächen sind noch unbearbeitet. Dazu zählen 287 Altstandorte, 48 Altablagerungen und 120 nicht bewertbare Fälle im Kreis Herzogtum Lauenburg.

Von Holger Marohn

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