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Terroranschläge in Brüssel: „Möchte um all diese Menschen weinen“

Ratzeburg Terroranschläge in Brüssel: „Möchte um all diese Menschen weinen“

Der Kastorfer Moritz Thörner (27) hat die Terroranschläge in Brüssel erlebt und schildert seine Gefühle.

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Moritz Thörner hat die Anschläge von Brüssel miterlebt.

Quelle: hfr

Ratzeburg. Der Kastorfer Moritz Thörner (27) hat die Explosionen an der Metro-Station Maelbeek in Zentral-Brüssel miterlebt. Sichtlich erschüttert schildert er in den LN, wie er die Konfusion rund um die Terroranschläge in Europas Hauptstadt erlebt hat und was er darüber denkt:

„Ich bin im Kreis Herzogtum Lauenburg aufgewachsen, im kleinen Dorf Kastorf. In Ratzeburg bin ich zur Schule gegangen. Ich liebe die weite Seenlandschaft und das saftige Grün der weiten Felder.

Nachdem ich mein erstes Jura-Examen gemacht habe, bin ich derzeit für ein Jahr Student am College of Europe in Belgien, eine Universität in Brügge, die für den Dienst an den europäischen Institutionen vorbereitet.

Diesen Morgen bin ich für ein Gespräch in einer Kanzlei nach Brüssel gefahren. Um 9 Uhr steige ich am Hauptbahnhof aus, um die Metro zu suchen, die Linie 1, Richtung Place Schuman, das Herz des Europaviertels. Eine Durchsage macht auf unterbrochene Bahnverbindungen zum Flughafen aufmerksam wegen des Einsatzes von Sicherheitskräften. Ich gehe noch in einen Laden, um mir Kaffee zu holen.

Plötzlich setzen sich die Soldaten, die ohnehin seit Monaten das Bild der belgischen Kapitale prägen, in Bewegung und sammeln sich. Der Zugang zur Metro wird gesperrt. Nachdem die Ordnungskräfte den Strom der Pendler erst freundlich zurückweisen, überschlägt sich die Stimme eines Ordners. Der Bahnhof soll möglicherweise geräumt werden. Meine Verbindung, die ich rausgesucht habe, um um 9.12 Uhr am Schuman-Platz zu sein, habe ich eh verpasst. Ich weiß nicht, was los ist und setze mich in einen der letzten Busse, der vorerst verkehren würde.

Von allen Seiten heulen nun Sirenen. Dutzende Fahrzeuge von Polizei und Rettungskräften rasen am Bus vorbei. Ich steige aus und laufe mit hunderten Menschen und unangenehmer Gänsehaut zu Fuß. Das Mobilfunknetz bricht zusammen. In der Kanzlei angekommen bin ich in Sicherheit. 300 Meter von der Metrostation Maelbeek. Erst dann höre ich, was passiert ist — eine Station vorm Schuman-Platz. Über Bildschirme von Fernsehern wird berichtet, was Menschen zwei Straßen weiter an unfassbarem Leid widerfahren ist.

Nachdem ich am Nachmittag die Kanzlei wieder verlassen und glücklicherweise eine Mitfahrgelegenheit finden konnte, kommen wir auf dem Rückweg am Gefängnis in Brügge vorbei, in dem nun seit drei Tagen Salah Abdeslahm auf die Vollstreckung des gegen ihn vorliegenden europäischen Haftbefehls wartet. Polizeiwagen stehen vor den Mauern.

Ich bin jetzt zurück. Mindestens 30 Menschen sind heute gestorben. Ich möchte um all diese Menschen weinen. Sie wurden getötet von kaltblütigem Hass und absolut widerlichen Terroristen. Hunderte Menschen wurden verletzt — als Ziel von blindem, willkürlichen und schwarzen Fanatismus. Ein dicker, schwerer Kloß liegt in meinem Hals.

Am Abend noch habe ich Vorlesung hier am College of Europe — Europarecht. Ich studiere hier zusammen mit 350 Menschen aus 53 verschiedenen Ländern. Eine unglaubliche Wärme und Solidarität mit unseren französischen Mitstudierenden hat die Tage nach dem 13. November aufgehellt. Ich bin froh, hier sein zu dürfen, an einem Ort, an dem man spürt, dass radikalisierte Irrlichter — auch mit dem nun folgenden wiederkehrenden Ruf nach mehr Überwachung und verstärkten Sicherheitsmaßnahmen — unserer offenen europäischen Gesellschaft nichts anhaben können. Es steht zu befürchten, dass Anschläge und Attentate in Europa vorerst nicht abbrechen werden. Sie erschüttern ein Europa, das einmal mehr in tiefem Schmerz verbunden ist. Aber die europäische Gesellschaft, ihre Grundwerte von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit werden dadurch niemals in Frage gestellt. Und diese Liebe zur Freiheit müssen wir alle mit ganzer Leidenschaft laut in die Welt rufen.

Als ich damals in der Unterstufe auf der LG Ratzeburg gewesen bin, kam mein Lehrer am 12. September 2001 in den Klassenraum mit einem Stapel weißem Papier und sagte, dass wir heute Kondolenzschreiben an die amerikanische Botschaft verfassen würden. Auch knapp 15 Jahre später werde ich wieder zu einem weißen Papier greifen.“

Ratzeburg flaggt Halbmast

Die Kreisstadt ist gleich mit zwei belgischen Städten verbrüdert: Walcourt und Esneux-sur-Ourthe. Entsprechend groß ist die Trauer über die Anschläge.

Bürgermeister Rainer Voß in einer Mail an die Freunde: „Mit Entsetzen haben wir auf die schrecklichen Ereignisse in Brüssel reagiert. Ich möchte Ihnen versichern, dass die Ratzeburger in Gedanken bei Ihnen sind und diese feigen Attentate scharf verurteilen. Wir fühlen mit den Belgiern, die Angehörige verloren haben.“

LN

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