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Lauenburg Tödlicher Unfall: Facebook-Post statt qualifizierter Notruf
Lokales Lauenburg Tödlicher Unfall: Facebook-Post statt qualifizierter Notruf
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21:16 09.08.2018
Vielleicht hätte der junge Mann, der in diesem VW Polo verbrannte, gerettet werden können. Doch Hilfe kam erst verzögert an.  Quelle: Foto: Timo Jann / Video: mopics
Lauenburg

Vielleicht hätte das Leben des jungen Mannes gerettet werden können, wenn Autofahrer statt eines Facebook-Postings einen qualifizierten Notruf abgesetzt hätten: Das fragen sich am Einsatz beteiligte Retter. Laut LN-Recherchen ergibt sich folgender Zeitablauf: Der Unfall, bei dem der Polo des 18-Jährigen aus der Umgebung von Büchen aus ungeklärter Ursache auf die Gegenfahrbahn geriet, dort mit dem VW-Tiguan eines 79-jährigen Fahrlehrers zusammenstieß und in Flammen aufging (LN berichteten), hat sich am Mittwoch gegen 17.10 Uhr ereignet.

Polizeisprecherin Rena Bretsch berichtet auf LN-Nachfrage, dass der Notruf unter der Nummer „110“ bei der Polizei um 17.12 Uhr eingegangen ist. Außerdem gebe es zum jetzigen Zeitpunkt – anders als in den LN berichtet – keinen Hinweis darauf, dass der 18-Jährige überholt habe.

(Video: mopics)

Facebook-Post kurz nach Unfall

Bereits eine Minute später, um 17.13 Uhr, hat ein junger Mann aus Lauenburg in einer Facebook-Gruppe einen Post eingestellt, der auf den Unfall hinweist. Eine Landkarte mit der mit einem gelben Kringel markierten die Unfallstelle auf der Landesstraße 200. Dazu die Info „Unfall!! 2 Autos“.

Um 17.14 Uhr und 29 Sekunden ist dann laut Protokoll der Integrierten Regionalleitstelle Süd (IRLS) der Notruf von der Polizei zur Leitstelle durchgestellt worden. „Leider war kein Teilnehmer zu hören, sondern nur Geräusche“, berichtet Leitstellenleiter Carsten Horn. Die Verbindung zum Notrufteilnehmer habe zwar bestanden, aber über den Ort des Unfalls habe weiter Unklarheit bestanden. „Solche Einsätze sind auch für unsere Mitarbeiter hochbelastend“, sagt Horn. Sie wollen helfen, können aber nicht. Von dem Facebook-Post mit Lageplan hatte die Leitstelle keine Kenntnis.

Klicken Sie hier, um weitere Eindrücke von der Unfallstelle in einer Bildergalerie zu sehen.

Einsatzort lange nicht bekannt

In der Zwischenzeit stoppte ein Autofahrer an der etwa zwei Kilometer vom tatsächlichen Unfallort entfernt gelegenen Rettungswache in Basedow und informierte die anwesenden Retter über den Unfall. Als die Besatzung eines Rettungswagens um 17.23 Uhr am Unfallort eintraf, stand der bei dem Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Fahrschulwagen zerstörte VW Polo des 18-Jährigen bereits in Vollbrand.

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„Erst als um 17.23 Uhr der Rettungswagen da war, war uns der Einsatzort bekannt“, zitiert Leitstellenleiter Carsten Horn aus dem Einsatzprotokoll. Noch in der gleichen Minute wurde die Lauenburger Feuerwehr alarmiert. „Wir waren bereits fünf Minuten nach der Alarmierung an der außerhalb gelegenen Einsatzstelle, was eine wirklich gute Zeit ist, aber wir hatten aufgrund der Verzögerungen keine Chance mehr, etwas für den eingeklemmten Fahrer zu tun“, erklärte Lauenburgs Feuerwehrchef Lars Heuer.

Der junge Mann am Steuer starb. Ein Autofahrer, der auf die Unfallstelle zugekommen war, hatte keine Chance, den 18-Jährigen aus dem Wrack zu ziehen. Drei weitere Menschen wurden verletzt. Ein Feuerwehrseelsorger aus Ratzeburg betreute die Einsatzkräfte sowie Angehörige des Toten und des Fahrschülers, die am Unfallort erschienen.

Für Einsatzkräfte ein neues Phänomen

Das Phänomen, dass Ereignisse eher in sozialen Netzwerken bekannt gemacht werden, statt für Hilfe zu sorgen, ist für die Einsatzkräfte in der Region neu. „Man meint wohl, man werde seiner Verantwortung durch so ein Posting gerecht“, sagt Lauenburgs Polizeistationsleiter Ulf Clasen. Die Mitteilung bei Facebook hat der Lauenburger, der sie eingestellt hatte, noch am Abend gelöscht. Heuer: „Ich appelliere an alle, die auf einen Unglücksort zukommen, den Notruf abzusetzen. Da sollte man sich bitte nicht auf andere verlassen, das kann fatale Folgen haben. Und bitte mit einer genauen Ortsangabe. Wer sich unsicher ist, wo er gerade ist, der findet außerorts auf den Leitpfosten für gewöhnlich Hinweise zur Straße.“

Im Juni 2014 hatte es in Schwarzenbek ein ähnliches Verhalten von Passanten gegeben. Nach einem Blitzeinschlag in ein Doppelhaus am Paul-Gerhard-Ring machte das Unglück in den sozialen Netzwerken die Runde - die Feuerwehr forderte von denen, die die heiße Nachricht dort veröffentlichten, aber niemand an. Schließlich rief zehn Minuten nach dem ersten Hinweis im Internet der Bewohner um Hilfe, nachdem er den Brand im Dachstuhl bemerkt hatte.

Im Zusammenhang mit dem Facebook-Post zum Unfall prüft die Polizei jetzt, Ermittlungen wegen unterlassener Hilfeleistung aufzunehmen.

Timo Jann/Hanno Hannes

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