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Lauenburg Versöhnliches Gedenken in Mölln
Lokales Lauenburg Versöhnliches Gedenken in Mölln
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23:05 24.11.2017
Faruk Arslan (links) und seinem Sohn Ibrahim ist die Trauer anzusehen. Der Vater verlor die Mutter und eine Tochter. Der Sohn verlor seine Schwester und seine Großmutter in den Flammen.
Mölln

„Ich wollte den drückenden Bann des Schweigens durchbrechen“, sagte Ibrahim Arslan in seiner Rede vor etwa 300 Menschen im Hotel Quellenhof. Mehrere Jahre hatte er sich nicht am offiziellen Gedenken der Stadt beteiligt. Er überlebte die Flammen nur, weil seine Oma Bahide Arslan den damals Siebenjährigen in nassen Stoff wickelte. Erstmals sprach er danach in Mölln 2010 – 18 Jahre nach den „rassistischen Anschlägen“. „Das war für mich eine große Erleichterung. Ich musste mich vorher jeden Tag bemühen, die Ängste, die ich in mir trug, zu artikulieren“, so Arslan.

Trauer – Anteilnahme – kein Streit: Obwohl die Teilnehmer der Abschlussveranstaltung anlässlich des 25. Jahrestages der Möllner Anschläge nicht unterschiedlicher hätten sein können, hielten sich Vorwürfe in Grenzen. Vielmehr sah man am Ende in gelöste, ergriffene und einige seelige Gesichter.

Doch er schlug auch die schärfsten Töne an. Er habe nicht mehr tatenlos zusehen können, wie fremde Menschen die Geschichte seiner Familie über deren Kopf hinweg erzählten. Er teile die Menschen, die ihr Mitgefühl zeigten, in zwei Kategorien ein: Diejenigen, die nur „Lippen-Solidarität“ zeigten und diejenigen, die Solidarität von Herzen zeigten. Der junge Mann gehört zur Initiative „Reclaim and Remember“, die die „Möllner Rede im Exil“ organisiert. Zu den Anhängern gehören Antifa-Mitglieder. Möllns Bürgermeister Jan Wiegels sieht das anders: Nach den Anschlägen habe es viele Zeichen für Toleranz und Verständigung gegeben.

Faruk Arslans Rede klang weniger vorwurfsvoll. Der Vater, der beim Anschlag seine Mutter verlor, wirft der Politik vor, nicht genug gegen fremdenfeindliche Übergriffe in Deutschland zu tun. Doch sein Ton war nicht vorwurfsvoll. Hier sprach der Familienmensch. Er lobte die Stärke seiner Ehefrau, seines Sohnes, der sich nicht in seinem Leid verstecke, sondern umherreise, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Und er wollte erstmals etwas über seine Mutter erzählen. „Bahide Arslan war eine starke Frau.“ Sie habe ihre ärmlichen Lebensbedingungen in der Türkei nicht mehr ausgehalten und sei deshalb nach Deutschland gekommen, um mit Fleiß etwas aufzubauen.

Die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özuguz, sagte, menschenverachtenden Aussagen werde heute im Vergleich zu 1992 öffentlich widersprochen. So geschehen, als der AfD-Vorsitzende dazu aufgerufen habe, sie „nach Anatolien“ zu entsorgen. Dabei gehe es darum, die Degradierung von Eingebürgerten salonfähig zu machen. „Ich nenne das verbale Brandstiftung.“ Das sei eine Schande für Deutschland. Schleswig-Holsteins Innenstaatssekretär Torsten Geerdts sagte, Deutschland stehe für Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und Offenheit. Der Vorsitzende der Menschenrechtskommission der türkischen Nationalversammlung, Mustafa Yeneroglu, unterstellte deutschen Ermittlungsbehörden, ungeklärte Morde nicht auf mögliche rassistische Hintergründe zu prüfen.

Vor 25 Jahren erschütterten die Brandanschläge von Mölln weltweit die Menschen. Zum Jahrestag haben sich Politiker aus Berlin, Kiel und Ankara angesagt.

Von Florian Grombein

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