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Vom Flüchtling zum Ratzeburger Original

Ratzeburg Vom Flüchtling zum Ratzeburger Original

Vor 70 Jahren kam sie als Flüchtling hier an. Heute ist Margit Kindermann eine Ratzeburger Institution: Ihr Leben zeigt den langen Weg einer Integration.

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Margit Kindermann (82) an ihrer Lieblingsstelle in der Kreisstadt: am „Barlach-Blick“ hinter dem Rathaus am Großen Ratzeburger See. Im Hintergrund ist der Dom zu Ratzeburg zu erkennen.

Quelle: Joachim Strunk

Ratzeburg. Angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation, der Ankunft so vieler Fremder aus Syrien, Afghanistan, Irak, Iran oder Eritrea, ist vielen vor allem aus der jüngeren Generation gar nicht bewusst, dass Deutschland schon einmal von einer „Flüchtlingswelle“ — nicht überrollt, aber ordentlich — durchgeschüttelt wurde. Und damals waren die Zahlen der Neuankömmlinge um ein Vielfaches höher als heute. Der einzige Unterschied: Damals sprachen die Geflüchteten dieselbe Sprache wie die Einheimischen. Eine dieser einst Geflüchteten ist Margit Kindermann, in Ratzeburg und darüber hinaus bekannte Stadtführerin und Vertreterin der Vertriebenen.

Stadtrundgang

Heute Nachmittag hat Margit Kindermann etliche Freunde und Weggefährten, aber auch interessierte Gäste eingeladen zu einer ganz besonderen Stadtführung durch Ratzeburg.

Beginn ist um 14 Uhr, Treffpunkt am Ratzeburger Rathaus. Nach dem Rundgang durch die Stadt, bei dem sie viel Wissenswertes und interessante Geschichten zum Besten geben wird, ist ein Kaffeetrinken geplant.

„Meine Heimat ist Jägerndorf im Sudetenland, dem heutigen Tschechien. Aber zu Hause bin ich mittlerweile hier in Ratzeburg“, sagt die 82-Jährige. Heute jährt sich der Tag ihrer Ankunft in der lauenburgischen Kreisstadt zum 70. Mal. Anlass genug für sie, sich ihrer bewegten Vergangenheit und ihres Lebens in der neuen Vaterstadt zu erinnern und sich bei Ratzeburg und seinen Menschen zu bedanken.

Auch wenn Margit Kindermann eine deutsche Landsmännin ist, eine andere Hautfarbe oder Religion hat als die, die jetzt hierher gekommen sind oder kommen, ist sie doch auch ein Flüchtling. Geflüchtet wie jene vor Krieg, Vertreibung, Gewalt und Hass. An ihr können sich viele andere Flüchtlinge ein Beispiel nehmen. Denn Integration kann nicht nur gelingen, sondern man kann, wenn Wille und Wunsch vorhanden, auch das Miteinanderleben gestalten. So übernahm Margit Kindermann 1980 den Job einer Stadtführerin in Ratzeburg — „den ich jetzt in der 37. Saison erfülle und weiterhin, so lange mich meine Füße tragen“, sagt sie. 1982 wurde sie in die Stadtvertretung Ratzeburgs gewählt, wo sie bis 2007 tätig war und vor allem im Tourismus-Bereich viel bewegen konnte.

Ihr erster Schultag war ausgerechnet der 1. September 1939 — der Tag an dem Hitler Polen überfiel und an dem der 2. Weltkrieg ausbrach. Ihr Vater Josef Gottschalk, ein Schneidermeister, war im letzten Kriegsjahr in Lübeck in englische Gefangenschaft geraten. Als „Heilgehilfe“ (Sanitäter) arbeitete er im Lazarett (heutiges Amtsgericht) in Ratzeburg. Bald schon konnte er sich mit privater Kundschaft aus Seedorf, Zecher und Umgebung selbstständig machen und beschloss, in Ratzeburg zu bleiben. Über den Rotkreuz-Suchdienst machte er seine Frau und Töchter ausfindig, die er in den Norden holte. Am 10. Mai 1946 kam Margit Gottschalk nach einer längeren Odyssee mit Schwester und Mutter per Zug und Bus nach Ratzeburg. „Hier sah ich zum ersten Mal einen See!“, erzählt die Binnenländerin über ihren ersten bewegenden Eindruck. Damals erblickte sie den Küchensee.

In Ratzeburg konnte sie nach anderthalb Jahren Zwangspause wieder zur Schule gehen — zur Realschule, die sie mit 17 Jahren — nach der 9. Klasse — auf eigenen, aber gegen des Vaters Wunsch verließ. Sie erlernte seinen Beruf des Schneiders. Nach der Ausbildung verschlug es sie zu Verwandten nach Stuttgart, wo sie zwölf Jahre lang blieb und ihren Mann Ludwig Kindermann kennen und lieben lernte und ihn dort auch heiratete.

1965 kam sie mit Mann und drei Kindern zurück nach Ratzeburg. Der vierte Sohn kam in der lauenburgischen Kreisstadt zur Welt. Margit Kindermann war schon vor ihrem Fortzug und ihrer Namensänderung interessiert und wissbegierig: „Ich hatte gelernt, als Flüchtling muss man immer besser und ideenreicher als andere sein, um hier auch akzeptiert zu werden“, sagt sie.

1968 baute die junge Familie ihr erstes Haus. Ein Jahr später kam es zum Verbrüderungstreffen Ratzeburgs mit seinen Partnerstädten Châtillon, Esneux und Walcourt, an dem sich die Familie gern beteiligte und auch Gäste im eigenen Haus aufnahm. Diese Tradition behielten die Kindermanns über Jahrzehnte aufrecht und knüpften so zahlreiche Freundschaften, selbst bis nach Amerika zu dorthin ausgewanderten Deutschen. Ihren Sinn für Gastfreundschaft, Kultur und Begegnung nutzte sie, um in Ratzeburg die Einrichtung eines „Raums des Kurgastes“ anzuregen. „Bei gutem Wetter spazierte man durch die Stadt, aber wohin sollten die Touristen, wenn es regnete?“, fragte sie sich — und Vertreter der Stadtpolitik. Jene erkannten das schlummernde Potenzial der gebürtigen Sudetin und ermunterten sie, sich für öffentliche und politische Aufgaben zu engagieren.

Seit 20 Jahren mittlerweile ist sie auch Vorsitzende der schlesischen Landsmannschaft, die 1950 ihr Vater gegründet hatte, seit 15 Jahren Kreisvorsitzende des Bundes der Vertriebenen. Ihre vielfältigen Aufgaben erfüllt sie mit Freude und Genugtuung. Nach wie vor — so lang die Füße tragen . . .

Von Joachim Strunk

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