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Vom Pastor zum Tafelkunden – Altersarmut kann jeden treffen

Lauenburg Vom Pastor zum Tafelkunden – Altersarmut kann jeden treffen

Bundesweit gibt es mehr als 900 Tafeln mit mehr als 60000 ehrenamtlichen Helfern – Im Kreis Herzogtum Lauenburg sind es vier Tafeln, die auf Spenden und Hilfe angewiesen sind.

Lauenburg. . Armut schändet nicht. Sagt der Volksmund. Ist wohl auch richtig – was nichts daran ändert, dass Armut, vorsichtig ausgedrückt, nicht schön ist. Die vielen Menschen im Kreis Herzogtum Lauenburg, die auf die Gaben angewiesen sind, die sie bei den vier Tafeln bekommen, erfahren das täglich am eigenem Leib. Nebahat Akin gehört dazu. Und Dr. Wichmann von Meding. Türkin die eine, mit schmaler Witwenrente, Mutter von sieben Kindern, 61 Jahre alt. Theologe im Ruhestand der andere, 78 Jahre alt, mit kaputtem Rücken – und mit ebenfalls sehr schmaler Rente.

Akin und von Meding: zwei altersarme Rentner. Und zwei von bundesweit bis zu 1,5 Millionen Bedürftiger, die von den mehr als 900 Tafeln mit mehr als 2100 Tafel-Läden und -Ausgabestellen in Deutschland regelmäßig unterstützt werden. 1,5 Millionen Menschen, eine stolze Zahl, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wer „Armut“ und „Alter“ und „Tafeln“ googelt, stößt im Nu auf die erstaunlichsten Einträge, Zahlen, Behauptungen und Vermutungen. Immer wieder dabei: „selbst schuld“. Wer arm ist: selbst schuld. Wer zur Tafel gehen muss: selbst schuld.

Von wegen. Nebahat Akin zum Beispiel hat sieben Kinder großgezogen. Kinder, die arbeiten, die ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten, Kinder, auf die eine Mutter mit Fug und Recht stolz sein darf.

Und sie hat jahrelang ihren schwerkranken Mann gepflegt. Unermüdlich, Tag und Nacht. Schon zu der Zeit hat sie Kontakt zur Lauenburger Tafel gefunden – über eine ihrer Töchter, die schon vor zehn Jahre für die Tafel gearbeitet hat. Ob sie nicht auch helfen wolle, hatte sie ihre Mutter gefragt, und ihre Mutter wollte. Selbstverständlich. „Ich helfe immer gern“, sagt sie.

Nach dem Tod ihres Mannes wurde es für Nebahat Akin finanziell sehr eng. Trotzdem ist sie all die Jahre treu und brav zwei Mal wöchentlich zur Tafel gegangen. Als Kundin, ja, das auch, aber eben auch als Mitarbeiterin. Sie sortiert die Waren, sie arbeitet in der Ausgabe, und wenn erforderlich übersetzt sie auch. Immer mit einem strahlenden Lächeln.

Es mache ihr sehr viel Freude, versichert sie in nicht ganz lupenreinem Deutsch – es mache Freude, zu helfen, mit den Kunden und den anderen Mitarbeitern Kontakt zu haben, und außerdem habe sie darüber endlich so gut Deutsch gelernt, dass sie sich problemlos verständigen kann. Für die Mitarbeiter der Lauenburger Tafel – und auch für einige der Kunden – ist sie „Mutter Akin“. Oft bringt sie selbstgebackene Leckereien mit. „Das schmeckt immer ganz wunderbar“, lobt Tafel-Vorstandsfrau Sabine Neumann, und „Mutter Akin“ strahlt. Wie immer.

Auch Dr. Wichmann von Meding ist einer, der gern lacht und lächelt. Mit gebeugtem Rücken meistert er die Strecke von der Altstadt zur Ausgabestelle am Moorring. Mit einem selbstgebauten Wagen, in dem er vor Jahren seinen alten Hund transportierte, und in dem er heute nach Hause schafft, was er für seinen Obolus von zwei Euro bei der Tafel bekommt. Ein Theologe im Ruhestand als Kunde der Tafel – da darf man schon ins Grübeln geraten. „Bei mir ist die Problematik eine andere“, sagt er 78-Jährige, „es ist ein Fall von deutscher Rechtsprechung.“ Sein Leben lang habe er gearbeitet, erklärt er.

Die Hälfte seines Berufslebens etwa als Pastor einer Kirchengemeinde, die andere Hälfte habe er an der Uni Kiel gelehrt. Bis er 65 Jahre alt wurde und sich, alt genug, und auch ein wenig müde, zur Ruhe setzen wollte. Mit seiner erarbeiteten Pension, die einen gesicherten Lebensabend garantieren sollte.

Aber wie heißt es so schön: Der Mensch macht Pläne und Gott lacht. Von Meding trat aus der Kirche aus, „sie vertritt nicht mehr das Christentum, an das ich glaube“ – schwupps, futsch war die Pension.

Selbst schuld? Wer sich so äußert, stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus. Und wo wir gerade beim Thema sind: „Die Armut an Gütern ist leicht zu beheben, bei der seelischen Armut ist das unmöglich.“ Das hat Michel Eyquem de Montaigne gesagt, der französische Humanist. Gelebt hat er übrigens von 1533 bis 1592 – und seine Erkenntnis ist bis heute aktuell.

Die Kunden der Tafeln im Herzogtum Lauenburg lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Im Kreis verhält es sich ähnlich, wie im gesamten Bundesgebiet. Auf der Homepage der Deutschen Tafel steht, dass sich die bis zu 1,5 Millionen bedürftigen Menschen zusammensetzen aus 23 Prozent Kindern und Jugendlichen und 24 Prozent Rentnern. Die restlichen 53 Prozent sind Erwachsene im erwerbsfähigen Alter, vor allem Arbeitslosengeld II- und Sozialgeld-Empfänger sowie Spätaussiedler und Migranten.

Fest steht: Wer zu den Tafeln geht, macht das nicht aus Jux. „Ich bin dankbar für die Lebensmittel, die ich hier bekommen. Ich bin denen dankbar, die diese Lebensmittel spenden, und vor allem bin ich den Menschen dankbar, die hier ehrenamtlich arbeiten, um Menschen wie mich zu versorgen.“ Von Meding sagt das, „Mutter Akin“ nickt nachdrücklich. Und sie sind den vielen LN-Lesern schon jetzt dankbar, die für die Tafeln im Herzogtum spenden werden.

Dorothea Baumm

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