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Lauenburg Vor 50 Jahren: Kalter Krieg auf der Elbe um die „Kugelbake“
Lokales Lauenburg Vor 50 Jahren: Kalter Krieg auf der Elbe um die „Kugelbake“
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20:19 22.10.2016

Vor 50 Jahren, am 18. Oktober 1966, wäre es beinahe zu einem 3. Weltkrieg gekommen: Das jedenfalls behauptete der damalige ranghöchste britische Offizier der Rheinarmee, General Mike Strickland. Gemeint ist der Zwischenfall auf der Elbe bei Gorleben mit der Konfrontation des Stader Vermessungsschiffes „Kugelbake“ und DDR-Booten. Hatte es bis dahin bereits kleine Reibereien zwischen Deutschland-Ost und -West gegeben, so war dieses ein ernster Zwischenfall, bei dem sich Truppen zu beiden Seiten der Elbe schussbereit gegenüberstanden.

Das Stader Vermessungsschiff „Kugelbake“ wollte im Oktober 1966 durch Vermessung die Fahrrinne der Elbe neu bestimmen. So auch auf der Strecke zwischen Lauenburg und Schnackenburg. Zuvor hatten die Behörden der damaligen DDR die Arbeiten stets „zur Kenntnis“ genommen. In jenem Jahr aber kam statt aus Magdeburg, als zuständiger Wasserbehörde, die Antwort aus Ost-Berlin . . .

Bereits im Jahr zuvor war es bei Auslotungsarbeiten durch das Vermessungsschiff zu Zwistigkeiten gekommen. Es wurden zehn Einschläge von DDR-Geschossen auf der „Kugelbake“ gezählt.

Unklarer Grenzverlauf

Ursache für die Grenzzwischenfälle war der unklare Grenzverlauf an der Elbe. Die DDR behauptete, die Mitte des Talweges sei nach internationaler Gepflogenheit die Grenze im Fluss zwischen zwei Staaten. Die Bundesrepublik war bis zuletzt der Ansicht, dass es sich hier nicht um zwei internationale Staaten handele und die Zonengrenze identisch sei mit der hannoverschen Landesgrenze – und die verlief am östlichen Flussufer. Großbritannien als Besatzungsmacht hat die Ansicht der BRD über den Grenzverlauf an der Elbe niemals gutgeheißen. Trotzdem haben sich nach dem Buch „Die hässliche Grenze“ von David Shears die britischen Truppen verpflichtet, die Westdeutschen bei den Arbeiten auf der Elbe zu unterstützen.

Ost-Berlin schaltet sich ein

Das war 1966 die Situation, als das Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg das Wasserstraßenamt Magdeburg über die geplante Vermessung unterrichtete. Aber diesmal war von einer Kenntnisnahme – wie sonst üblich – nicht die Rede. Das Verkehrsministerium in Ost-Berlin schrieb: „Wir geben Ihnen die Erlaubnis zum Vermessen.“ Nach Ansicht des Buchautor Shears hätte das Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg dies zurückweisen müssen, mit dem Hinweis, dass die DDR weder das Recht habe, Erlaubnis zu erteilen noch zu verweigern, da die Arbeiten in rein westdeutscher Verantwortung liegen würden.

Die Vermessungen begannen bei Lauenburg. Zwei Tage später schickte die DDR ihr Vermessungsschiff „Lenzen“ in den selben Flussabschnitt. Bei Schnackenburg wurde es vom westdeutschen Zoll gestoppt, weil die DDR kein Recht habe, unterhalb von Schnackenburg Flussarbeiten auszuführen. Daraufhin zogen die DDR-Behörden die „Erlaubnis“ für die Arbeiten der „Kugelbake“ zurück. Um dem Nachdruck zu verleihen, legten sich DDR-Patrouillenboote vor die „Kugelbake“, sobald sie versuchte, die Elbmitte zu überfahren. Aber Auslotungsarbeiten werden quer zur Flussrichtung von Buhnenkopf zum Buhnenkopf ausgeführt. In Erinnerung an die Schüsse im Vorjahr war es nicht verwunderlich, dass sich die zivile Besatzung des Bootes dem Drängen der Bundesregierung widersetzte, die Sperrlinie gewaltsam zu durchfahren.

Die britische Botschaft vertrat die Ansicht, dass man sich dem Exempel der DDR zu widersetzen habe, denn sie handle im klaren Bruch des Rechts, selbst dann, wenn man es lediglich als Gewohnheitsrecht betrachte. Schließlich sei es auch Gewohnheitsrecht geworden, dass die Boote der Nationalen Volksarmee (NVA) die Elbe bis Lauenburg (und nicht nur bis Schnackenburg) befahren dürfen. Das Auswärtige Amt in London wurde informiert.

Erster Gegenschritt: Protest der britischen Militärmission beim sowjetischen Hauptquartier in Potsdam. Der wurde zurückgewiesen, da dies eine reine DDR-Angelegenheit sei. Jetzt wollte die britische Militärmacht Stärke zeigen. Die „Kugelbake“ sollte ihre Vermessungsarbeit wieder aufnehmen.

Unterstützung bekamen die Briten von der Bundesregierung unter Kanzler Ludwig Erhard. Hinter den Elbdeichen waren sowohl britische auf der West- als auch russische Panzer auf der Ostseite der Elbe hinter den Deichen in Stellung gegangen. Bundesgrenzschutz-General Heinrich Müller hatte die Aufgabe erhalten, einen intelligenten Plan auszuarbeiten. Zunächst ersetzte er die streikende „Kugelbake“-Besatzung durch eigene Leute. In der Nacht brachten Tieflader Sturmboote zum Gorlebener Hafen.

Armada von Sturmbooten

Das Vermessungsschiff nahm am nächsten Tag die Arbeit wieder auf. Als die Absperrung durch DDR-Boote auch nach Aufforderung nicht aufgehoben wurde, fuhr die „Kugelbake“ in den Hafen zurück. Nun kam die Stunde des General Müller. Die in der Nacht herbeigeschaffte Armada von Sturmbooten stürmte den absperrenden DDR-Booten entgegen und erzeugte so einen gewaltigen Wasserschwall. Der enorme Wellenschlag trieb die DDR-Boote ins gegenüber liegende Buhnenfeld, und die „Kugelbake“ hatte freie Fahrt. Das russische Militär griff nicht ein. Die Gewehre blieben unbenutzt. Welche Folgen hätte ein absichtlich oder auch unabsichtlich abgegebener Schuss haben können?

Vieles spricht dafür, dass der Streit erfolgreicher durch Wasserstraßenexperten hätte behandelt werden können. Ironie des Schicksals: Ebenfalls am 18. Oktober1966 konferierten in Hitzacker die Strommeister von Ost und West.

Gustav Günther

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