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Lauenburg Wenn Bilder Klang werden: Irrer Cellosound aus Ratzeburg
Lokales Lauenburg Wenn Bilder Klang werden: Irrer Cellosound aus Ratzeburg
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14:01 20.02.2016
Kunst wird zu Klang: Cellist Peter Köhler (54) aus Ratzeburg improvisiert zum Bild „Federleicht“ der Künstlerin Antje Ladiges-Specht (63).
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Ratzeburg

Die langgezogenen Töne klingen so klagend wie gewohnt durch den Raum. Doch wenn Peter Köhler mit dem Bogen über die Saiten seines Cellos streicht, mischen sich unter die sauber intonierten Melodien, die Flageolett- und Vibratotöne auch ungewohnte Klangfarben. Der Ratzeburger drückt ein Pedal und plötzlich brechen die Töne und klingen wild und verzerrt wie eine elektrische Gitarre.

Und auch sein Instrument hat abgesehen von den vier Saiten kaum Ähnlichkeit mit einem Cello, wie es seit dem 16. Jahrhundert gespielt wird. Der Klangkörper fehlt. Der 54-Jährige erschafft mit seinem schwarzen E-Cello, diversen Effektgeräten und einer so genannten Loopstation als Ein-Mann-Band Klangräume und Rhythmen, die vor Innovation nur so strotzen. Sein ausgefallenes Spiel hat ihm bereits Auftritte bei den hochkarätig besetzten Festivals „JazzBaltica“ und „FolkBaltica“ beschert.

Der hauptberufliche Psychotherapeut kam durch den Ausnahme-Cellisten Wolfram Huschke auf die Idee, das klassische Cello um ein E-Cello zu erweitern. „Wow, das ist genau mein Ding“, dachte Köhler, als er Huschke zum ersten Mal hörte. Dafür nahm er sogar Unterricht bei dem bekannten Musiker. Und Köhler wird nicht müde, selbst musikalisches Neuland zu entdecken. Sein neuestes Projekt: Er improvisiert zu Malereien der Künstlerin Antje Ladiges-Specht aus Klein Zecher. Am heutigen Sonnabend ist eine Kostprobe von dieser ungewöhnlichen Performance bei einem Konzert in der Domäne Fredeburg zu erleben.

„Es hat mich schon immer gereizt, mit meinem Cello nicht nur Klänge sondern auch Farben zu erzeugen. Es ist sehr reizvoll, die Farben und Strukturen des Instruments zu den Farben und Strukturen des Kunstwerkes auszuloten und dabei in Kommunikation zu treten.“ So kam es, dass er er eines Tages bei einer Bilderausstellung begann, die Atmosphäre einiger Kunstwerke akustisch wieder zu geben. „Das kam sehr gut an“, berichtet er. Zusammen mit der befreundeten Künstlerin Antje Ladiges-Specht baute er diese Art der Darbietung dann weiter aus. In deren Galerie in Klein Zecher gelang die Verschmelzung von Malerei und Musik Anhand von Zen-Malerei. An diesem Vormittag ist es das Bild „Federleicht“ zu dem Köhler mit der ganzen Klangvielfalt seiner Ausrüstung improvisiert. „Ich mische Acryl und Naturfarben und habe sie in diesem Bild auf das Gewebe hinter einer Korkeiche aufgebracht“, berichtet Ladiges-Specht. Und der Betrachter kann die Struktur eines Baumes, der in Blattgold sowie in Gelb- und Brauntönen gefärbt ist, nicht verleugnen. So arbeitet sich auch Köhler mit seinen Klängen in die Höhe des Stammes und klopft gleichsam auf das Holz seines Instrumentes.

Fernöstliche Tonleitern, die an asiatische Saiteninstrumente erinnern. „Die Zen-Malerei erdet mich und führt mich auf den richtigen Weg der Meditation“, erklärt die Künstlerin — meditative Malerei.

Auch Köhler scheint die Welt um sich herum beim Spielen zu vergessen.

Das E-Cello des 54-Jährigen ist dabei an einen Verstärker angeschlossen. Der Grundklang entspricht einem originalen Cello. Doch Köhler kann diese Töne durch Zugabe von Hall, Verzerrung oder etwa einen Chorus-Effekt beleben — nahezu die gesamte Palette der gängigen Studiotechnik steht ihm live zur Verfügung. Über sehr hochwertige Tonabnehmer kann der Ratzeburger sogar einen Synthesizer über Zupfen und Streichen bedienen. „Ich nehme im Konzert Töne auf und spiele dazu“, erklärt er.

Das akustische Cello bedient Köhler auch anders, als der Zuhörer es von den Instrumentalisten seiner Zunft gewohnt ist — weil er vor seiner Leidenschaft für das Streichinstrument auch Gitarre spielte. „Ich arbeite mit Gitarrentechniken und nutze den Klangkörper des Cellos aus“, erklärt der Musiker. Das Zupfen von Akkorden oder Melodien mit beiden Händen am Griffbrett des Cellos ist ein seltsamer Anblick.Vor allem, wenn Köhler zwischendurch mit einem Ring an seinem Finger auf dem Korpus dazu klopft und perkussive Klänge erzeugt. Wer die Augen schließt, glaubt dann eine Gitarre zu hören, die Blues und Funk spielt. Nur, dass es auf dem Cello interessanter als gewohnt klingt.

Wer die Performance „Der Weg im Zen“ der beiden Künstler erleben möchte, sollte heute Abend um 20 Uhr in den „Alten Pferdestall“ in der Domäne Fredeburg kommen.

Kulturarbeit

Antje Ladiges-Specht (63) und Peter Köhler (54) sitzen im Kunstbeirat der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Köhler ist außerdem ein Vorstandsmitglied im Verein „Jazz in Ratzeburg“, der seit vielen Jahren große Jazzmusiker aus der ganzen Welt in die Inselstadt holt.

Bei der „JazzBaltica“ hat Köhler bereits 2009 gespielt. Zusammen mit dem Möllner Gitarristen Jörg Geschke ist er 2011 auch auf der „ Folk Baltica“ aufgetreten. Köhlers Duo heißt „So Basic“.

Florian Grombein

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