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Lauenburg „Wenn wir Inklusion nicht fordern, passiert gar nichts“
Lokales Lauenburg „Wenn wir Inklusion nicht fordern, passiert gar nichts“
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20:20 01.07.2017
Hans-Joachim Grätsch hat seinen Chefsessel bei der Lebenshilfe Mölln/Hagenow geräumt. In seinen 42 Berufsjahren erlebte er manchen Wandel in der gesellschaftlichen Sicht auf die Arbeit mit Behinderten. Quelle: Foto: Wiemer

Nicht viele Funktionsträger haben einen so viel beachteten und warmen Abschied erhalten wie der langjährige Geschäftsführer des Lebenshilfewerks Mölln/Hagenow, Hans-Joachim Grätsch. Zu seinem Eintritt in den Ruhestand mit 66 Jahren sprachen die LN mit dem Möllner über den Wandel in der Behindertenarbeit und Dinge, die ihm über 42 Arbeitsjahre hinweg auch immer wieder zu schaffen gemacht haben.

Was machen Sie am ersten Tag nach ihrem Arbeitsleben?

Grätsch: Das ist ja ein Sonnabend . . .

Das gilt nicht . . .

Grätsch: Na gut. Am Montag und die Tage danach werde ich die letzten Reste des Büros aufräumen. Dass ich danach zu Hause sitze und gelangweilt aus dem Fenster schaue, passiert nicht – dafür haben andere schon gesorgt.

42 Jahre Arbeitsleben bedeutet für Sie auch 42 Jahre Dienst am Mitmenschen. Wie prägt einen das?

Grätsch: Nun komme ich aus einer großen Familie, wir waren acht Kinder, und unsere Eltern haben uns sozial geprägt, es gab ein sozialpolitisches Bewusstsein in unserem Haus. Vielleicht bin ich deshalb auch nach wie vor überzeugter Sozialdemokrat. Fast alle meiner Geschwister haben soziale Berufe gewählt. Seit 1984 bin ich Geschäftsführer und in einer solchen Verantwortung müssen viele Dinge berücksichtigt werden. Ich habe mich stets davon leiten lassen, die Belange eines jeden Einzelnen nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade habe wir in einem gemeinsamen Prozess für unser Unternehmen „LHW – Menschenpflichten“ formuliert. Dabei gibt es den zentralen Punkt, den Menschen Geborgenheit zu geben. Das hat mit Vertrauen, mit Schutz und Sicherheit zu tun. Mir war immer wichtig, dass man Vertrauen zu mir haben kann.

Es gab zwei Menschen, die mich aus dem Diakoniebereich sehr geprägt haben, Hans Valdorf (Aufsichtsratsvorsitzender des LHW 1978 - 2004) und Wilhelm Seehase (Geschäftsführer des Diakonischen Werkes 1965 - 1997). Die beiden Persönlichkeiten haben mir wichtiges Rüstzeug mitgegeben.

Ihr Tätigkeitsfeld ist für viele Mitmenschen vielleicht weit entfernt – Behinderten Menschen ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen. Welche Reaktionen haben Sie von außen auf Ihre Arbeit immer wieder erfahren?

Grätsch: Unterschiedliche. Ganz am Anfang kam es vor, dass uns vorgeworfen wurde, wir würden Menschen mit Behinderungen in den Werkstätten nicht ausreichend für die Leistungen bezahlen. Dann gab es immer die Skepsis, dass unsere Einrichtungen Arbeitsplätze vom allgemeinen Arbeitsmarkt wegnehmen würden. Ein fürchterlich dummer Spruch, der immer wieder kam, wenn es der Wirtschaft schlecht ging. Ja, und dann ist immer wieder auch etwas zu hören, was sich dann doch wie Anerkennung anhört. Eine tolle soziale Arbeit, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten und Hochachtung vor der Arbeitsleistung der Menschen mit Behinderungen in den Werkstätten.

Zur Frage der Integration von Behinderten im alltäglichen Leben gibt es einen prinzipiellen breiten gesellschaftlichen Konsens. Wann stößt das Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen auf Grenzen – Stichwort Inklusion?

Grätsch: Es gibt da kein klares Ja oder Nein. Tatsache ist, wer Inklusion will, muss sie auch finanziell und personell abfedern, wenn sie nicht scheitern soll. Wenn wir aber Inklusion nicht fordern, passiert gar nichts. Es geht dabei um eine Haltung, mit der reklamiert wird, dass Menschen, die anders sind, auch zur Gesellschaft gehören. Genauso wie unsere Werkstätten keine Sondereinrichtungen sein dürften. Da arbeiten Menschen mit Unterstützungsbedarf. Wenn wir das Zusammenführen von Menschen mit und ohne Behinderungen aufgeben, verlieren wir den Bezug zu diesen benachteiligten Menschen.

Wie barrierefrei ist eigentlich Mölln?

Grätsch: Im Kopf gehören behinderte Menschen wie selbstverständlich zum Stadtbild von Mölln. Im physikalischen Bereich sind wir noch nicht soweit, um von einer barrierefreien Stadt sprechen zu können. Aber wir sind auf dem Weg. Ist aber auch ein steiniger Weg, der leider zu sehr unter Kostengesichtspunkten diskutiert wird.

Was hat Sie im Laufe ihres Arbeitslebens enttäuscht?

Grätsch: Immer wieder dieses Denken, dass unsere Arbeit steuerfinanziert ist und dadurch ein immer wieder aufkommendes Misstrauen entsteht, das Geld werde nicht richtig verwendet.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Grätsch: Dass sich die Menschen mit Behinderungen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns wohlfühlen, zumindest die meisten. Dass wir mit Hagenow eine dauerhafte Verbindung zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein geschaffen haben, da bin ich schon stolz drauf. Heute sind wir wichtige Partner für die beiden Landkreise Herzogtum Lauenburg und Ludwigslust-Parchim.

Und hier in Mölln sind wir natürlich stolz auf die Projekte im neuen, im inklusiven Stadtteil „Robert-Koch-Park“.

Besonders stolz bin ich auch darauf, dass wir insbesondere durch unsere Begegnungsveranstaltungen den Menschen mit Behinderungen noch mehr Teilhabe ermöglicht haben und ein stärkeres Selbstbewusstsein haben geben können.

Welche Ratschläge hätten Sie für Ihre Nachfolgerin Ines Senftleben – falls sie Sie fragen sollte?

Grätsch: Authentisch sein. Man darf sich selber nicht verraten. Und man muss seine eigenen Spuren setzen. Von seinen Entscheidungen überzeugt sein. Das ist dann auch viel schöner. Und schließlich: immer verlässlich sein.

Zur Person

Hans-Joachim Grätsch wurde 1951 in Flensburg als eines von acht Geschwistern geboren. Er wohnt seit 2001 in Mölln, ist in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei Söhne und drei Enkelkinder.

Seine persönliche Leidenschaft gilt dem Fußballsport, den er bis vor wenigen Jahren als Torwart auch noch aktiv betrieben hat.

Seit 1975 beim Diakonischen Werk tätig, war Grätsch seit 1985 Geschäftsführer der Lebenshilfewerks in Mölln.

Interview: Matthias Wiemer

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