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Lauenburg Willberg: „Integration hört nicht bei der Sprache auf“
Lokales Lauenburg Willberg: „Integration hört nicht bei der Sprache auf“
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20:19 26.01.2016
Mahboob Shah (27, Mitte) übersetzte für die Bundeswehr in Afghanistan und geriet ins Visier der Taliban. Die Behörden bescheinigen dem Afghanen nur eine geringe Bleibeperspektive und schließen ihn daher von Sprachkursen aus. Bei der BQG hat er nun einen Platz in einem kombinierten Sprach- und Qualifizierungsangebot bekommen — finanziert aus Spenden. Quelle: Fotos: Holger Marohn

Die Wohnungssuche für Tausende Flüchtlingen ist derzeit das Hauptproblem vieler Kommunen. Doch nach der Flüchtlingswelle mit den Herausforderung der Unterbringung kommt nun eine zweite Welle auf die Gemeinden zu: die Anerkennungswelle. Und das kann für die Gemeinden teuer werden. Denn mit der Bleibeberechtigung fallen die Flüchtlinge aus dem Zuständigkeitsbereich des Asylbewerberleistungsgesetzes in den der Sozialgesetzbücher. Für die Gemeinden bedeutet das: So lange die Betroffenen nicht selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können, also einen auskömmlichen Job haben, müssen die Gemeinden einen Teil der Kosten übernehmen.

Umso wichtiger ist die Qualifikation der Asylbewerber für den Arbeitsmarkt. Einen wichtigen Beitrag könnte da die kreiseigenen BQG Personalentwicklungsgesellschaft leisten. Doch die Leistungen der kreiseigenen Qualifizierungsgesellschaft, die vor einigen Jahren noch bis zu 1100 Menschen im Jahr betreute, wird weder von der Arbeitsagentur noch von den Gemeinden kaum abgefordert. So sind bei einer beruflichen Integrationsmaßnahme von 15 Plätzen zur Zeit elf frei.

„Die Integration hört nicht bei der Sprache auf“, sagt BQG-Geschäftsführer Alexander Willberg. „Wir müssen die Menschen auch qualifizieren und in Arbeit bringen“, so Willberg. Jeder Tag, der vergehe, sei unwiederbringlich verloren. In der Folge steige der Ärger auf Seiten der Flüchtlinge und Besorgnis in der Bevölkerung. So würden derzeit 15 bis 18 Monate vergehen, bis die Verfahren der Flüchtlinge bearbeitet seien. Erst dann würden sie auch bei der Agentur für Arbeit und damit der Jobvermittlung ankommen. „In diesen Monaten sehen die Bürger in den Gemeinden und Städten die offenbar beschäftigungslosen Flüchtlinge jeden Tag. Dabei würden die sich auch sehr gerne einbringen, enden aber im Zuständigkeitswirrwarr deutscher Behörden“, sagt Willberg.

Gleichzeitig würde kein Tag vergehen, an dem nicht Betriebe bei der BQG nach Flüchtlingen fragen. „Wir würden sie gerne vermitteln, wenn es welche bei uns gäbe“, so der für seine unkonventionellen Ideen bekannte Berufsqualifizierer. Hauptgrund ist wohl der, dass nach rechtlicher Zuständigkeit bisher kaum Flüchtlinge bei Jobcenter und Arbeitsagentur angekommen seien.

Besonders liegen Willberg aber auch die Flüchtlinge mit einer „geringen Bleibeperspektive“, wie es in der Amtssprache heißt, am Herzen. Allein fast 200 Menschen leben im Kreis, die nur eine Aufenthaltsgestattung haben, also mehr oder minder auf ihre Abschiebung warten. Behörden wie die Agentur für Arbeit würden die Menschen dann oft aus dem Blick verlieren.

Den Kommunen helfe dieser Status auch nicht, denn die Menschen seien vor Ort — und angesichts des Krieges in ihren Heimatländern werde sich daran auch so schnell nichts ändern. „Wir würden sie gerne mit Beschäftigungsangeboten auffangen“, sagt Willberg. Ähnlich wie bei Ein-Euro—Jobbern hätten die Gemeinden nur einen geringen Stundenlohn von gut einem Euro, Arbeitskleidung, Fahrtkosten und einen Anteil an den Betreuungskosten zu übernehmen, so Willberg. Selbst wenn auszuweisende Flüchtlinge in ihr Heimatland zurückkehren, würden sie die erworbenen Kompetenzen mitnehmen. Das sei auch Entwicklungshilfe und Bildung und nicht zuletzt der beste Schutz vor Radikalismus, sagt Alexander Willberg.

Die BQG
Die BQG Personalentwicklung wurde 1995 vom Kreis Herzogtum Lauenburg, allen Städten und den Ämtern im Kreis gegründet. Aufgabe ist die Durchführung und Unterstützung von Maßnahmen zur gesellschaftlichen und sozialen Integration von Langzeitarbeitslosen im Kreis.
50 Kunden des Jobcenters werden derzeit etwa von der BQG betreut, darunter viele Jungerwachsene. Ziel ist es, diese Personen in die Lage zu versetzen, die Sicherung ihrer Existenz aus eigener Kraft zu ermöglicht. Im Jahr 2004 betreute die BQG mehr als 1000 Menschen im Jahr.

Holger Marohn

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