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Lauenburg „Wir sollten diese Stadt neu denken“
Lokales Lauenburg „Wir sollten diese Stadt neu denken“
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18:24 24.06.2017
Ratzeburgs Bürgermeister Rainer Voß ist in der zweiten Amtszeit Bürgermeister. Vergangene Woche beging er sein Zehn-Jahres-Amtsjubiläum. Quelle: Foto: Wiemer
Ratzeburg

Am Anfang stand ein harter Wahlkampf mit einem knappen, aber für ihn glücklichen Ausgang. Rainer Voß leitet seit einer Dekade die Geschicke der Kreisstadt als parteiloser Verwaltungschef, seit seiner Wiederwahl für eine zweite Amtszeit sogar ohne Gegenkandidaten. Zeit für kritische Rückschau und Ausblick.

Herr Voß, zehn Jahre – eine lange Zeit, bei der Männer in den viel zitierten „besten Jahren“ schon mal grau werden. Wie viele graue Haare hat Sie dieser Job als Verwaltungschef schon gekostet?

Rainer Voß: Ich glaube gar keine. Der Prozess des Grauwerdens hätte auch ohne diese Arbeit eingesetzt. Das lag garantiert nicht an der Stadt Ratzeburg.

Wir erinnern uns: 2007, ein Rechtsanwalt wollte wiedergewählt werden; der schneidige Bürgermeister einer Stadt an der Ostsee mit CDU-Ticket wähnte sich früh als Sieger; ein Netz-affiner Fahrradhändler hoffte auf seine Chance als Außenseiter; und ein Verwaltungsmann aus dem Amt Breitenfelde sprach einfach nur Klartext – und wurde gewählt. Setzen die Menschen im Zweifelsfall doch lieber auf das Bewährte?

Voß: Diese erste Kandidatur war eine sehr harte Arbeit. Dass ich auf die persönliche Ansprache gesetzt habe, hat wohl den Ausschlag gegeben. So war auch später die Rückmeldung. Ich war ja in Ratzeburg relativ unbekannt, obwohl ich hier schon gewohnt hatte. Die Zustimmung für mich für eine zweite Amtszeit mit 92 Prozent – ohne Gegenkandidaten – hat mich natürlich sehr gefreut.

Sie haben 184 Leute unter sich, die ihre Arbeit möglichst als Lebensstellung ansehen und denen möglicherweise egal ist, „wer unter ihnen Bürgermeister ist“. Haben Sie nach einem Jahrzehnt den Laden schon im Griff?

Voß (lacht): Also, erstmal ist ganz wichtig: Es geht in allen Bereichen nur mit den Kolleginnen und Kollegen. Und die machen eine ganz tolle Arbeit. Ohne diese Unterstützung ginge es überhaupt nicht, Bürgermeister zu sein. Und was das „Im-Griff-haben“ anbetrifft: Ich bin ziemlich sicher, dass die Verwaltungsleitung auch funktioniert.

Die Ratzeburger Verwaltung hat vor einiger Zeit durch einen überdurchschnittlich hohen Krankenstand von sich reden gemacht. Auch beim Kreis gibt es viele Dauerarbeitsunfähigkeiten. Macht Verwaltung mehr krank als andere Berufe?

Voß: Man muss sehen, dass kommunale Verwaltungen über viele Jahre Stellen einsparen mussten. Das hat seine Folgen. Wir haben es überall, und so auch in den Verwaltungen, mit Erkrankungen zu tun, die vermehrt auch im psychischen Bereich angesiedelt sind. Darauf muss richtig reagiert werden. Wir wollen mit einem Gesundheitsmanagement beginnen, das brauchen wir dringend. Über das Thema ist nicht immer sehr sachlich diskutiert worden, was ich sehr bedauert habe. Das hat uns allen nicht gut getan. Aber es ist so wie es ist. Besonders spektakulär ist unsere Situation im Rathaus gegenüber anderen aber nicht.

Unter welcher der zahllosen Verordnungen, Rahmenbedingungen, Restriktionen oder Herausforderungen leiden Sie am meisten?

Voß: Also, ich leide überhaupt nicht, nein.

Gut, drehen wir die Frage ins Positive: Was macht Ihnen davon am meisten Spaß?

Voß: Am meisten Spaß macht der Bereich der Selbstverwaltung, wo wir als Stadt gestalten und entwickeln können. Sehr am Herzen liegt mir die Umsetzung des Gestaltungsprozesses Südlicher Inselbereich. Aber da sind wir dann doch noch beim Leiden: Die teils langwierigen Abstimmungsprozesse, mit Innenministerium und anderen Institutionen, das macht mich manchmal ein bisschen ungeduldig.

Aber ich weiß als Verwaltungsfachmann natürlich, manches braucht Zeit.

In welchen Bereichen wünschten Sie sich als Bürgermeister mehr Spielraum, mehr Kompetenzen, mehr Durchsetzungskraft?

Voß: Mein Spielraum als Bürgermeister ist groß. Die Gestaltungsmöglichkeiten, Ideen aufzugreifen und der Kommunalpolitik vorzustellen, ist groß. Aber da hat sich bei mir in den zehn Jahren wirklich etwas verändert: Ich bin als Verwaltungsfachmann gekommen, aber jetzt deutlich mehr politisch Handelnder.

Mal ehrlich, Herr Voß: Ist das nicht ein bisschen lästig, immer die Politik am Hals zu haben, wo man doch alles alleine viel besser wüsste und könnte?

Voß (lacht): Nein, das ist nicht lästig und entspricht überhaupt nicht meinem Verständnis. Die Stadtvertretung ist ja das gewählte Organ, das entscheidet über die Entwicklung der Stadt. Und der Bürgermeister ist dazu da, diese Beschlüsse der Politik umzusetzen. Wir arbeiten kreativ zusammen.

Nennen Sie Ihre größte Enttäuschung und ihre größte Freude im Amt.

Voß: Enttäuschungen kommen immer dann bei mir auf, wenn ich den Eindruck habe, dass Kommunalpolitiker sich mit einem Thema nicht ausreichend beschäftigt haben. Da habe ich oft ganz abweichende Auffassungen von der Mehrheit der Vertretung.

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich oft ein bisschen näher dran bin am Geschehen. – Die besten Erlebnisse sind für mich immer, dieses dauerhafte ehrenamtliche bürgerschaftliche Engagement an seinen vielen verschiedenen Fronten zu erleben. Von Ruderregatten über Fechtturnieren bis hin zu Demonstrationen gegen Rechtsextremismus.

Es gab mindestens drei Dinge, die Sie in die Negativschlagzeilen gebracht haben: Ihre positive Haltung zu dem Standesbeamten, der aus seiner Überzeugung heraus ein lesbisches Paar nicht trauen wollte. Dann die diffusen Vorwürfe von Verwaltungsinsidern, Sie, Herr Voß, würden die Stadtverwaltung mit rigider Hand führen, Mitarbeiter persönlich unter Druck setzen. Und schließlich gab es noch den Krieg mit dem Eigentümer des Kapitänshauses an der Dauer-Brückenbaustelle.

Voß: Den ersten Punkt verstehe ich nicht so recht. Da habe ich mich sofort öffentlich geäußert, und wir haben diese Verpartnerung ja auch schnell und aktiv begleitet. Andererseits werde ich mich immer öffentlich vor meine Mitarbeiter stellen. Zu den dienstlich internen Dingen darf ich nie etwas sagen. Ich habe aber auch Zuschriften erhalten – wie zu so vielen Dingen – mit Kritik, ich hätte mich nicht hinter meinen Mitarbeiter gestellt. – Zu der angeblichen Unruhe in der Verwaltung: Mir sind solche Dinge nie gesagt worden. Ich bin davon überzeugt, dass das in keinem Fall so gewesen ist. In jedem Betrieb müssen Personalgespräche geführt werden. Die sind nicht immer angenehm, es gehört aber zur Leitung dazu. Und es ist meine Pflicht, Dinge zu korrigieren, die falsch laufen. Wenn sich dann jemand an die Öffentlichkeit wendet, ist das nicht in Ordnung. Aber wahrscheinlich auch nicht zu vermeiden. Und das wurde von vielen hier im Hause auch nicht goutiert. – Zum Kapitänshaus: Der bei Ihnen entstandene Eindruck hält der objektiven Betrachtung nicht stand. Bei dem Streit geht es um Schadensersatz für Beschädigungen am Haus. Das wird unterschiedlich gesehen.

Die noch offenen juristischen Fragen werden noch geklärt. Unterm Strich sehe ich keinen Punkt, wo die Stadt wegen ihres Verhaltens angreifbar wäre.

Was möchten Sie für Ratzeburg noch erreichen?

Voß: Ich möchte Begonnenes zu Ende bringen: Neugestaltung Südlicher Inselrand, neue Schwimmhalle Aqua Siwa, Bildungs- und Kulturzentrum Barlachschule, die Schlosswiese soll aufblühen und der Kurpark muss schöner werden. Ich möchte, dass wir versuchen, Ratzeburg neu zu denken und die Stadt deutlich touristischer als bisher aufzustellen. Ich habe ja schon kritisiert, dass wir keinen Etat für touristische Aktivitäten haben. Und ich möchte den Radverkehr voranbringen, da schlummert viel Potenzial. Wir sollten von der Vorstellung wegkommen, in dieser Stadt alles mit dem Auto machen zu müssen. Mir ist wichtig, dass die Ratzeburger noch mehr den Wert ihrer Stadt erkennen.

Könnten Sie sich noch etwas anderes vorstellen als diese Arbeit?

Voß: Wichtig ist mir die Familie – einen anderen Beruf, etwas Schöneres als Bürgermeister von Ratzeburg zu sein, kann ich mir nicht vorstellen.

Familienmensch – Naturfreund – heimatverbunden

Rainer Voß ist 1956 geboren und lernte das Verwaltungsmetier von der Pike auf. Vom Lehrling zum Bürgermeister: Seine Ausbildung trat er 1971 bei der Stadt Ratzeburg an. Nach Eintritt in die gehobene Laufbahn war er viele Jahre im Amt Breitenfelde tätig.

Familie: Voß ist verheiratet, hat zwei Kinder und freut sich sehr über sein erstes Enkelkind. Er ist viel und gern in der Natur unterwegs, fährt Rad und kommt „leider zu wenig zum Sport“, leistet sich aber immer wieder eine Lese-Auszeit.

Interview: Matthias Wiemer

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