Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lauenburg Wo der Himmel voller Minze hängt
Lokales Lauenburg Wo der Himmel voller Minze hängt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:51 15.09.2017
Freundliche Gastgeber: Naji Nassrallah und seine Frau Elke erwarben im Jahr 1992 den alten Bahnhof in Börnsen und machten daraus ein Restaurant, in dem es nur syrische Speisen gibt. Quelle: Dreessen

Zugegeben, der Kreis Herzogtum Lauenburg liegt ganz im Süden Schleswig-Holsteins, Börnsen wiederum liegt im Süden des Kreises – aber das Mittelmeer ist dennoch rund 1300 Kilometer weit weg. Wieso gibt es dann in Börnsen einen „Mittelmeerbahnhof“? Ganz einfach: Er gehört einem Mann, der am Mittelmeer aufwuchs und in diesem Gebäude kulinarisch und optisch die Erinnerung an seine Heimat bewahrt.

Zur Galerie
In einem sehr ansehnlichen Zustand präsentiert sich heute der ehemalige Bahnhof in Börnsen.

Naji Nassrallah, Jahrgang 1952, stammt aus Syrien, studierte dort in der Hafenstadt Latakia Physik und Mathematik, bevor er als 22-Jähriger nach Deutschland auswanderte, in Hamburg ein Nautik-Studium absolvierte und schließlich Kapitän wurde. Bis 1988 fuhr er auf allen Weltmeeren, dann wurde er an Land sesshaft und wechselte die Tätigkeit, indem er sein Hobby, das Kochen, zum Beruf machte.

Zusammen mit seiner deutschen Frau Elke übernahm er zunächst ein italienisches Lokal in Hamburg, doch Ende 1992 entdeckte das Ehepaar in der Zeitung eine Anzeige, in der der damals schon seit fast 40 Jahren stillgelegte Bahnhof in Börnsen zum Kauf angeboten wurde.

„Wir haben uns in dieses Haus verliebt“, erzählt Elke Nassrallah. „Obwohl es damals eine Bruchbude war“, fügt ihr Mann lächelnd hinzu. Zuletzt war das große Haus als Diskothek genutzt worden. „Wir mussten erst einmal dicke Schichten von Farbe und Nikotin von den Wänden kratzen“, erinnert sich Naji Nassrallah. Die Grundsubstanz des 1904 errichteten Fachwerkbaus, so das Ehepaar, sei allerdings noch sehr ordentlich gewesen.

Neun Monate Grundrenovierung waren nötig, dann konnte im August 1993 ein neues Restaurant in Börnsen eröffnet werden, das seitdem den schönen Namen „Najis Mittelmeerbahnhof“ trägt. Zubereitet werden ausschließlich syrische Spezialitäten. Das reicht von Taboule, einem würzigen Petersiliensalat, bis zu Ablama. Das sind mit Lammrückenfilet-Würfeln und Pininenkernen gefüllte Zucchini.

„Ich koche nur, was ich selbst gern esse“, sagt der Chef. Es gibt aber inzwischen genug andere Menschen, die gern essen, was er kocht, denn das Lokal im alten Bahnhof ist beliebt. „Wir haben größtenteils Stammgäste“, freut sich Elke Nassrallah. Die wissen die orientalischen Spezialitäten allemal zu schätzen. Für die östliche Mittelmeerregion typischen Gewürze und Kräuter gehören immer dazu – zum Beispiel Minze, die zum Trocknen an der Decke des Restaurants hängt und einen ganz besonderen Duft verströmt.

Ein Hauch von Orient oder schon etwas mehr als ein Hauch ist auch bei der Einrichtung und der Dekoration des Hauses zu erkennen. Naji Nassrallah, der zur gar nicht so kleinen christlichen Minderheit in Syrien zählte, fuhr bis 2011 jedes Jahr in sein Geburtsland, brachte immer ein paar typische Erinnerungsstücke mit und schmückte damit den „Mittelmeerbahnhof“. Seit Beginn des Bürgerkriegs hat er seine Heimat nicht mehr besucht, rechnet auch nicht mit einer baldigen Lösung des seiner Meinung nach „völlig verfahrenen Konflikts“. Was die Syrer durchleiden müssten, sei ganz, ganz schrecklich, erklärt er. Bei diesen Worten setzt der sonst so freundliche Wirt ein sehr ernstes Gesicht auf.

Im Bahnhof von Börnsen kann man essen, draußen auch: Der ehemalige Bahnsteig vor dem schmucken weißen Gebäude ist heute die Terrasse des Restaurants. Einen regelmäßigen Zugverkehr gibt es nicht mehr, die Schienen allerdings liegen noch – und wurden auch in den vergangenen Jahrzehnten immer mal für Transporte zum und vom nahegelegenen Kernkraftwerk Krümmel gebraucht.

Zugverkehr wurde 1953 eingestellt

Der Bahnhof Börnsen lag an der ehemaligen Bahnstrecke von Geesthacht nach Hamburg. Hier hielt 1953 letztmalig ein planmäßiger Personenzug. Börnsen war, von Geesthacht aus, der letzte Haltepunkt der Züge vor der Hamburger Stadtgrenze. Die Bahnverbindung zwischen den Hamburger Stadtteilen Bergedorf und Geesthacht, das ja noch bis 1937 ebenfalls zu Hamburg gehörte, wurde 1906 eröffnet. Die Züge hielten unterwegs an sechs Stationen.

Der Niedergang des Bahnhofs begann, als die Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn in den 20er Jahren Busse anschaffte und sich auf diese Weise selbst Konkurrenz machte. 1953 wurde der regelmäßige Zugverkehr auf der 14 Kilometer langen Strecke eingestellt. Heute rollen nur noch selten ein paar Waggons, gezogen von den betagten Nostalgie-Lokomotiven der Geesthachter Eisenbahnfreunde, am Bahnhof vorbei.

 Norbert Dreessen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Schmiedehammer kracht, die Schwerter klingen und die Gaukler spielen auf Fanfaren: Der Möllner Kurpark hat sich beinahe über Nacht in ein buntes Zeltlager mit Figuren aus längst vergangenen Jahrhunderten verwandelt. Seit Freitag und noch Sonnabend und Sonntag lädt die Eulenspiegelstadt zum ersten „Spektakulum Mullne“.

15.09.2017

Seit 2001 wird am dritten Septemberwochenende bundesweit der „Tag des Friedhofes“ gefeiert. Das Motto für diesen Tag wird im zweijährigen Turnus vergeben. In diesem Jahr heißt es noch einmal „Raum für Erinnerung“. Ratzeburg und Siebenbäumen sind mit Angeboten dabei.

15.09.2017

Eine einfache Sprache wählen, damit Schüler und Menschen mit Behinderung politische Inhalte besser verstehen: An dieser Aufgabe haben sich die Bundestagskandidaten Norbert Brackmann (CDU), Nina Scheer (SPD) und Heidi Beutin (Die Linke) versucht. Dieses Ziel verfehlten sie leider oft.

15.09.2017
Anzeige