Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Zu Gast in Mölln: Der Mann, der die Mauer öffnete

NACHGEFRAGT Zu Gast in Mölln: Der Mann, der die Mauer öffnete

„Zeitzeugen der deutschen Geschichte“ heißt die neue Veranstaltungsreihe der Lauenburgischen Akademie, die am Dienstag Premiere feiert. Zu Gast ist Harald Jäger – der Mann, der am 9. November 1989 den Grenzübergang Bornholmer Straße in Ost-Berlin öffnete.

Voriger Artikel
Feuerwehr rettet zwei Personen aus Unfallauto
Nächster Artikel
Beliebt und belagert: Foodtrucks in Mölln

Harald Jäger vor der Böse-Brücke. Er hatte als Oberstleutnant am Abend des 9. November 1989 Dienst am DDR-Grenzübergang Bornholmer Straße, und ließ als ranghöchster Stasi-Offizier die Grenzschranke öffnen.

Quelle: Foto: Andreas Schoelzel

Mölln. Es ist die Gelegenheit, Harald Jäger persönlich kennen zu lernen. Der Mann hat buchstäblich Geschichte geschrieben. Er war es, der am 9. November 1989 ausreisewilligen DDR-Bürgern den Weg in den Westen ebnete. Jäger hatte in dieser Nacht als Oberstleutnant die Befehlsgewalt am Grenzübergang Bornholmer Straße – den Grenzübergang, über den in nicht einmal einer Stunde geschätzt 20000 Menschen in die Freiheit gelangten. Wer heute dabei ist im Stadthauptmannshof, erlebt einen Einführungsvortrag von Lothar Obst und anschließend ein Interview mit Harald Jäger. Zuschauerfragen sind erwünscht – ebenso wie eine rege Beteiligung an der abschließenden Diskussion.

„Man verschweigt 40 Jahre DDR", Harald Schäfer, „Grenz-Öffner“.

Über das Geschehen am 9. November hat Harald Jäger immer wieder berichtet. Die Kurzfassung: Jäger, Oberstleutnant der Stasi, war am 9. November 1989 Diensthabender Chef des Grenzüberganges Bornholmer Straße, öffnete die Mauer, vermied damit ein Blutvergießen an der Grenze und veränderte so den Lauf der deutschen Geschichte für immer. „Er gehört zu den wenigen noch lebenden Akteuren des 9. November, die aktiv das Geschehen beeinflussten – ein Zeitzeuge aus erster Hand eines einmaligen historischen Ereignisses“, sagt Lothar Obst.

Tatsächlich war Jägers Entscheidung, die Grenze zu öffnen, das Ergebnis einer Verkettung von Zufällen. Beginnend damit, dass Jäger hungrig war. Als er in die Kantine kam, waren alle Tische besetzt, so dass er seine Mahlzeit allein zu sich nehmen musst. „Nur deshalb habe ich überhaupt auf den Fernseher geachtet“, erzählt Jäger. Gegen 19 Uhr war es, daran erinnert er sich gut, als er „aus dem Fernseher Günter Schabowskis Gestammel von einer Privatreiseregelung“ gehört habe. „Ich dachte: Was ist denn das für’n geistiger Dünnschiss? Und das habe ich beim Rausgehen aus der Kantine auch zu den Kollegen gesagt, aber die hatten sich unterhalten und gar nichts mitbekommen.“

Im Laufe des Abends spitzte sich die Situation vor Jägers Wachstube jedoch dramatisch zu. Immer mehr Menschen kamen zusammen. Sie stürmten zur Grenze, brüllten „Tor auf!“. Das sei zunehmend beängstigend gewesen, sagt Jäger. Der Griff zur Waffe sei nie eine Option gewesen: „Nach dem letzten Mauertoten im April 1989 gab es den Befehl, Schusswaffen nicht einzusetzen“, sagt er, aber: „Ich hatte durchaus Panik, dass Mitarbeiter die Kontrolle verlieren.“

Eben jene Mitarbeiter, die Jäger massiv drängten, eine Entscheidung zu treffen. Der telefoniert immer wieder mit seinen Vorgesetzten vom Ministerium für Staatssicherheit – eine klare Ansage, was zu tun ist, kommt aber nicht. „28 Jahre hatte ich dem Staat gedient, von Mai 1964 bis zu diesem Tag am Grenzübergang Bornholmer Straße gearbeitet. Und dann lassen die mich einfach im Stich!“, sagt er, noch heute empört und enttäuscht.

Als er sich entschließt, die Grenze zu öffnen, ist es „ein unbeschreibliches Gefühl“. Viele Jahre hat sein Umdenken gedauert: „Ich habe zwölf Jahre gebraucht, um mich an den neuen Staat zu gewöhnen.“

28 Jahre nach dem „unbeschreiblichen Gefühl“, ist Jäger sicher: „Es war der einzig richtige Schritt, es hätte uns nichts Besseres passieren können.“

Heute ist Jäger „überzeugter Demokrat, leicht links angehaucht“, die Flüchtlingshetze der AfD findet er „menschenverachtend“ und „zum Kotzen“. Über die DDR wird viel zu wenig geredet, sagt er: „Man verschweigt heute 40 Jahre DDR.“ Immerhin ist heute die erste Generation Deutscher erwachsen – und im wahlfähigen Alter –, die nur „Deutschland einig Vaterland“ und die DDR nur aus dem Geschichtsunterricht kennt.

Wer mag, schaut sich den Film „Bornholmer Straße“ an: Zum 25. Jahrestag wurde Jägers Geschichte verfilmt. Nicht als Doku, nicht als Drama, sondern als Satire. Christian Schwochow hat Regie geführt, seine Eltern haben das Drehbuch geschrieben. Jäger war eingebunden. „Viele haben das erst nicht verstanden – ich ja auch nicht. Aber so viele Jahre nach dem Mauerfall ist auch eine Satire in Ordnung.“ Charly Hübner habe ihn gut dargestellt. Und weil Jäger findet, dass „die junge Generation beschämend geringe Kenntnisse von der DDR und der Wende hat“, empfiehlt er: „Die jungen Leute sollten sich den Film anschauen.“

„Zeitzeugen der deutschen Geschichte – Harald Jäger im Gespräch“: heute 15 Uhr, Mölln, Stadthauptmannshof der Stiftung Herzogtum Lauenburg, Hauptstraße 150 – Eintritt frei

„Leicht links angehaucht“

LN: Sie sagen, Sie haben nach Grenzöffnung und Wende lange zum Umdenken gebraucht. Sind Sie heute vollständig in der Demokratie angekommen?
Harald Jäger: Absolut. Ich war überzeugter Kommunist. Überzeugt davon, dass unsere Idee in der DDR die richtige war. Und ich bin noch heute leicht links angehaucht – auch wenn ich weiß, dass uns nichts Besseres hätte passieren können als die Wiedervereinigung.

LN: Wie geht es Ihnen dann heute mit Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse und den Rechtsruck, nicht nur in Deutschland?
Jäger: Mir ist mit dem Wahlerfolg der AfD ganz unwohl. Der Zustrom aus Sachsen, da komme ich ja eigentlich her – die Menschen sind unzufrieden, und es ist ja auch einiges verpasst worden in den ostdeutschen Ländern. Auch nach 28 Jahren sind die Unterschiede in Lohn und Rente noch erheblich – ein Unding, aber daran wird die AfD nichts ändern.

LN: Die AfD und die Menschen im Osten haben immer wieder ein Thema: die Flüchtlinge.
Jäger: Ach, die Flüchtlinge sind doch nicht die Ursache! Was da gemacht wird, das ist menschenverachtend! Ich könnte, grob gesagt, kotzen, ich schäme mich dafür.

LN: Und dann gibt es, auch nach diesen vielen Jahren, immer mal wieder Stimmen, die, vielleicht nicht ganz ernst, die Mauer zurückfordern. . .
Jäger: ... und den Leuten im Osten sage ich dann immer: Dann aber auch mit genau den Verhältnissen, die wir damals hatten. Die wollen nämlich auf die Freiheiten nicht verzichten. Nein, es ist schon gut genau so, wie es gekommen ist.

LN: Es gibt ein Buch über Sie: „Der Mann, der die Mauer öffnete“.
Jäger: Ich mache auch Lesungen, viel vor jungen Menschen. Denen rate ich: Nehmt nicht alles für bare Münze! Fragt nach!

 Dorothea Baumm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den Oktober 2017.

Am Sonntag, 5. November, sind Bürgermeister-Wahlen in Lübeck. Gehen Sie hin und geben Ihre Stimme ab?

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Essen und Trinken
    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich ausgefallene Restaurants und welcher Wein passt wozu.

    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich au... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.