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Zwei ehemalige Lehrer zeigen das Grauen der DDR-Grenze

Zwei ehemalige Lehrer zeigen das Grauen der DDR-Grenze

Sonderschau in Schlagsdorf: „18 Fluchtorte. Ratzeburger See bis Boizenburg 1976 bis 1989“.

Schlagsdorf /Ratzeburg. Der Mensch gewöhnt sich an alles, heißt es. Das stimmt aber nicht. Die neue Sonderausstellung „18 Fluchtorte. Ratzeburger See bis Boizenburg 1976 bis 1989“ belegt eindrucksvoll, wie weit Menschen zu gehen bereit sind, die sich nicht mit ihren Lebensumständen abfinden wollen. Erke Kurmies, dem diese Ausstellung zu verdanken ist, sagt: „Die Fotos zeigen die Blindheit und letztlich die Ohnmacht der DDR: Gegen die Träume, Hoffnungen und Verzweiflung der Menschen ließen sich keine noch so hohen Zäune errichten.“

 

LN-Bild

Erke Kurmies (links) und Andreas Wagner haben aus der Arbeit der beiden Hamburger Lehrer nicht nur eine Ausstellung gemacht, sondern ein berührendes Lehrstück deutscher Geschichte.

Quelle: Dorothea Baumm

Öffnungszeiten

„18 Fluchtorte. Ratzeburger See bis Boizenburg 1976 bis 1989“: Grenzhus Schlagsdorf, Neubauernweg 1, ☎ 038875/20326, geöffnet:

montags bis freitags 10 bis 16.30 Uhr, sonnabends und sonntags 10 bis 18 Uhr – bis 20. Dezember

Zwei Doofe, ein Gedanke: Den Spruch kennt jeder. Wenn aber zwei Schlaue ein und denselben Gedanken haben und den auch gemeinsam umsetzen, wird es spannend. Erke Kurmies und Klaus Lemitz verbindet manches. Beide sind Hamburger Lehrer im Ruhestand, beide sind Nachkriegskinder, für die die Grenze ein neuralgischer Punkt war. Sie hatten noch zu DDR-Zeiten viele Jahre Grenzerfahrung, beide haben den Hang, nachzuforschen, unangenehme Fragen zu stellen, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Und so kam nach der Pensionierung die Idee, gelungene und gescheiterte Fluchtversuche zu recherchieren.

Als Lehrer war ihnen klar, dass das nicht mal eben in der Mittagspause zu erledigen ist. „Wir mussten einen Forschungsantrag stellen – mit klarer Formulierung des Themas“, erzählt Kurmies. Von 2006 bis 2008 haben sie dann in Görslow in der Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen recherchiert. „Uns wurde ein Mitarbeiter zur Seite gestellt, der uns eine Auswahl von Fällen rausgesucht hat. Unsere Ergebnisse beruhen auf dem damaligen Kenntnisstand: Keine Namen, kein Fluchthintergrund, wir hatten ausschließlich das, was die Ermittler protokolliert und dokumentiert haben.“

Das war, um Theodor Fontane zu bemühen, ein weites Feld. Im Gespräch mit dem Berater haben Kurmies und Lemitz ihre Forschung lokal und in der Zeitebene eingeschränkt. „Unsere Kriterien waren: wir waren Anfänger, das Grenzgebiet sollte nahe an Hamburg liegen und wir wollten Fluchten nach 1976 untersuchen.“ Warum 1976? Kurmies, ganz alter Geschichtslehrer, erinnert an den „Fall Michael Gartenschläger“. Der hatte die Staatsführung der DDR Lügen gestraft, als er am 30. März 1976 eine Selbstschussanlage vom Typ SM-70 demontiert hatte. Bis dahin hatte die DDR-Spitze den Einsatz von Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze bestritten.

Kurmies’ Augen, die sonst vergnügt blitzen, verengen sich bei diesem Thema. „SM steht für Splittermine. Etwa 100 Gramm Sprengstoff verteilten nach Auslösung durch Spanndrähte am Grenzzaun um die 80 würfelförmige Geschoss-Splitter. Die Wirkung können Sie sich vorstellen – verheerend.“ Derart eingegrenzt, ergab die Recherche schließlich „18 Fluchtorte. Ratzeburger See bis Boizenburg 1976 bis 1989“. Im Grenzhus ist natürlich eine Karte zu sehen, für den regionalen Überblick. Jedem Fluchtort ist ein Bild gewidmet, die Anordnung ist chronologisch. Die Bilder, schwarz-weiß, ohne umfassende Erläuterung, sollen für sich sprechen. Zum Beispiel Fluchtort 4, am 28. Januar 1982, bei Dechow am Culpiner See. Der Bildtext, knapp: „Eine männliche Person, 36 Jahre, löst beim Überwinden des Grenzzaunes die Selbstschussanlagen aus und schafft es trotz schwerster Verletzungen, über den zugefrorenen Culpiner See das Ufer der Bundesrepublik zu erreichen.“

Ausführlicher informiert die begleitende Broschüre. Es war der damals 37-jährige Hans Brandt, dem die Flucht gelungen war. Und obwohl ihn in der BRD eine Welle der Hilfsbereitschaft erreichte, kehrte der Kraftfahrer der LPG Carlow am 7. Mai des gleichen Jahres zurück in die DDR. Völlig verrückt, möchte man meinen.

„Völlig verrückt“, sagt auch Andreas Wagner. Allerdings meint der Leiter des Schlagsdorfer Museums Grenzhus etwas anderes, nämlich, wie unbeirrbar viele Menschen trotz der Gewalt und Gefahr der Grenze versucht haben, aus der DDR zu fliehen. „Verrückt, was die in Kauf genommen haben, dass die sich nicht haben abschrecken lassen.“ Für Wagner, der schließlich selbst durch und durch DDR-Pflanze war, ein erschreckender Beleg dafür, wie wenig Bindung die Menschen an diesen Staat hatten. „Das System hat Menschen kaputt gemacht und getötet“, sinniert er, „ein erschütternder Ausdruck von Diktatur.“ Erke Kurmies hat die Auseinandersetzung mit den Bildern und den von der Stasi dokumentierten Fakten viel abverlangt. Von den 18 Fluchtfällen sind nur sechs geglückt, ein Mensch bezahlte seinen Wunsch nach Freiheit mit dem Leben. Vielleicht ist es die erste Flucht der Ausstellung, die Kurmies als ehemaligen Lehrer am meisten fertig macht. Zwei 15-Jährige hatten im September 1976 bei Dutzow versucht, den Grenzzaun zu überwinden. Sie lösten die Selbstschussanlage aus, wurden schwer verletzt, einem musste ein Bein amputiert werden. „In den Akten steht: ,Er war auf dem Transport ins Schönberger Krankenhaus ansprechbar.’ Das heißt im Klartext: Die haben den verhört! So schwer verletzt, wie der war. Das macht mich so sauer!“

Heute überqueren wir die Grenzen zwischen den Bundesländern, ohne irgendetwas zu merken. Die erste Generation auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist erwachsen, ohne einen Tag deutsch-deutscher Trennung erlebt haben zu müssen. Alles Vergangenheit. Nur vergessen dürfen wir es nicht.

Dorothea Baumm

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