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Lübeck 110 000 Euro für den langen Marsch zur Revolution
Lokales Lübeck 110 000 Euro für den langen Marsch zur Revolution
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22:16 10.09.2013
Der Sack voll Geld soll dabei helfen, den Sturz des Monopolkapitals auf den Weg zu bringen. Quelle: Foto: Fotolia

Lüder Möller will eine sozialistische Revolution. Er ist Mitglied einer Partei, die bei Wahlen kaum den Hauch einer Chance hat. Viele wissen noch nicht einmal, dass es sie gibt. Aber wenn man ihn fragt, ob er nicht auf verlorenem Posten steht, sieht er einen erstaunt an und sagt: „Nein! Wie kommen Sie darauf?“

Lüder Möller ist Maschinenschlosser und Berufsschullehrer. Er hat auf der Flender Werft gearbeitet, nach deren Aus acht Jahre in Lübeck an der Gewerbeschule, seit einem Jahr ist er frühpensioniert.

Er ist 64, Bundestagskandidat der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), und er hat ihr im Juli 110 000 Euro geschenkt. Er steht auf der Spenderliste des Bundestages neben BMW und dem Verband der Chemischen Industrie, es ist die dritthöchste Summe für eine Partei in diesem Jahr. Aber es sieht nicht so aus, als hielte er das für eine große Sache. „Ich habe eine Mietwohnung, ich fühle mich wohl hier“, sagt er. „Ich brauche nicht viel.“

Das Geld stammt aus dem Erbe eines verstorbenen Onkels aus dem Rheinland. Es sei für den Kampf gegen Armut, Ausbeutung und die Zerstörung der Umwelt, sagt er. Und es ist auch nicht die erste große Spende für die MLPD. Im vergangenen Jahr hat ihr ein Ehepaar aus Wilhelmshaven 115 000 Euro überwiesen. Im Jahr davor kamen 100 000 Euro von einer Frau aus Karlsruhe sowie 113 969,15 Euro von einer Ärztin aus Dortmund. Und ein Bergmann aus Moers hat ihr mehr als zwei Millionen zukommen lassen. Das ist viel Geld für eine Partei, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird und sich laut dem Amt als Avantgarde der Arbeiterklasse zum Sturz des Monopolkapitals und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats versteht.

In der Wohnung von Lüder Möller sitzt einem ein freundlicher Mann gegenüber, ein IG Metaller und Lübecker Montagsdemonstrant mit den kommunistischen Klassikern im Regal, der in ruhigem Ton von sich und seiner Partei erzählt und nicht den Eindruck macht, als stünde die Revolution vor der Tür. Tut sie auch nicht, sagt er. Und morgen wohl auch noch nicht. Aber notwendig sei sie, und die Dinge nähmen Fahrt auf.

Er hat Ende der Sechziger Jahre in Tübingen studiert, geriet an Lenin und Marx, an China und Mao, organisierte sich und ist seit der Gründung der MLPD vor gut dreißig Jahren dort Mitglied. Die Partei stehe auf dem Boden der Verfassung, sagt er, jedenfalls zu großen Teilen. Die Grundrechte seien wichtig und bedeutend — bis auf die Gewährung des Privateigentums. Das hätte in einer sozialistischen Gesellschaft so keinen Platz.

Es fallen längst verschollen geglaubte Begriffe im Umgang mit der MLPD. In Parteitagsdokumenten ist von „revisionistischer Entartung“ die Rede, von „Kaderbehandlung“ und davon, dass „84 Prozent des neu gewählten ZK proletarischer Klassenlage“ sind. Auch Lüder Möller spricht vom Verrat am Sozialismus, den er in der Sowjetunion und in China ausgemacht hat. Die DDR sei ebenfalls den Bürokraten in die Hände gefallen und zu Recht untergegangen und Nordkorea ein Fall von „Feudalismus, weil dort der Parteivorsitz weiter vererbt wird“.

Für ihn hat die Pariser Kommune die historische Blaupause einer idealen Gesellschaft geliefert, also die kurze Spanne der Selbstorganisation der Arbeiter im revolutionären Paris von 1871. Aber bis dahin sei es noch ein langer Marsch. Zumal die MLPD von den Medien weitgehend ignoriert werde und man bei der Bundestagswahl niemandem weismache, dass der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde klappen könnte. „Wir sind keine Massenpartei“, sagt er, „aber wir wollen dahin kommen.“

Zwei Kandidaten aus Lübeck
Lüder Möller kandidiert auf Platz zwei der MLPD-Landesliste für den Bundestag. Die Spitzenkandidatin ist Maria Meyer, ebenfalls aus Lübeck. Im Norden sei die Partei „relativ schwach“ und neben Lübeck in Kiel, Husum, Brunsbüttel, Rendsburg und Neumünster vertreten. Über die Mitgliederzahl macht die MLPD offiziell keine Angaben, um dem Verfassungsschutz nicht in die Hände zu spielen. Bundesweit wird aber von mehr als 2000 ausgegangen.

Gegründet wurde die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands 1982. Sie ist aus dem Kommunistischen Arbeiterbund hervorgegangen. Der Verfassungsschutz schätzt die Partei als linksextremistisch ein.

Peter Intelmann

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