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125 Jahre Herz Jesu: So leben Katholiken ihren Glauben in der Diaspora

Lübeck 125 Jahre Herz Jesu: So leben Katholiken ihren Glauben in der Diaspora

Fast 700 Gläubige feiern das 125-jährige Jubiläum der Herz-Jesu-Gemeinde an der Parade. Nur 18 600 Lübecker sind Katholiken.

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Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Es ist proppevoll. Kein Durchkommen. Die Luft ist weihrauchgeschwängert. Es gibt keinen einzigen freien Platz. Die Gläubigen stehen zwischen den Bankreihen und bis zur Eingangstür. Einige knien sich während der Rituale auf den Steinboden. Fast 700 Katholiken zelebrieren 125 Jahre Herz Jesu – eine katholische Diaspora  inmitten von evangelischen Kirchen und Gläubigen. Der achte Turm der Hansestadt wird die Herz-Jesu-Kirche freundlich genannt. Die sieben anderen – wesentlich höheren – gehören der evangelischen Konkurrenz. Gerade einmal 5900 Mitglieder zählt die katholische Gemeinde. Die Statistik weist immerhin knapp 18 600 Lübecker als Katholiken aus. Das sind 8,5 Prozent der Bevölkerung. 95 000 Lübecker sind evangelisch. Das sind 43,5 Prozent. Was beide Konfessionen indes gemeinsam haben: die Zahl der Mitglieder sinkt.

 

Aber wie leben die Katholiken ihren Glauben – umringt von Protestanten? „Es ist eine bewusste Entscheidung jenseits von Traditionen: Will ich dazu gehören?“, sagt Propst Franz Mecklenfeld. Dabei sei das kein militanter Entschluss, sondern  eine Entscheidung in Freiheit. Ingrid Pröpper hat sie auch getroffen. „Hier ist es immer voll“, sagt die 69-Jährige, eine  überzeugte Katholikin. „Es gibt nicht eine leere Bank beim Gottesdienst.“ Für sie ist die Mutter Gottes wichtig, auch die Heiligen. Und vor allem die Kommunion, das Abendmahl.

Einer der Hauptknackpunkte zwischen Katholiken und Protestanten. Für Pröpper ist das „Brot und der Wein“ kein Symbol oder Andenken, sondern stellt eine reale Verbindung her mit Jesu, dem Christus. Auf Vorbehalte gegenüber dem katholischen Glauben ist Stefan Braun im Norden gestoßen. „Die Liturgie wird eher als Brimborium angesehen“, sagt der 48-Jährige. Dabei verberge sich hinter dieser Form eine tiefe Bedeutung. „Auch hinter jedem Engelsbild steht eine Bedeutung.“ Die sei über die Jahrhunderte aber aus dem Bewusstsein verschwunden. „Und Weihrauch kommt beispielsweise aus der Antike – um den Göttern zu huldigen“, sagt Braun. Die Protestanten legten kaum Wert auf bildliche Darstellung wie die Katholiken, sondern sie haben ihren Schwerpunkt im Wort.

 

Beide Varianten des Christentums können dennoch gut miteinander auskommen: Das Ehepaar Kuhn ist der  praktische Beweis. „Wir leben in wilder Ehe – seit 53 Jahren“, sagt Ute Kuhn (72). Sie ist evangelisch, ihr Mann Bruno katholisch. „Das war eigentlich nie ein Problem“, sagt der 74-Jährige. Jedenfalls im Alltag. Als die Beiden heiraten wollten indes, mussten sie sich entscheiden: evangelisch oder katholisch? Sie haben eine protestantische Hochzeit gefeiert. „Weil man sich bei den Katholiken nicht scheiden lassen kann“, erklärt sie den pragmatischen Grund.

Ihr Mann besucht sonntags  mit ihr den evangelischen Gottesdienst. Während der unterschiedliche Glaube in ihrem Leben nie eine Rolle gespielt hat,  wird er jetzt wieder aktuell – angesichts von Krankheit und Tod, sagt Ute Kuhn.  Während die Katholiken bei einer Beerdigung ein Ritual zelebrieren („Das reicht doch auch“, sagt Bruno Kuhn), wird in der evangelischen Kirche ein Rückblick auf das Leben des Verstorbenen gehalten. Sie habe darüber schon mit ihrer Pastorin gesprochen, sagt Ute Kuhn. Aber so einfach ist das nicht – trotz  Ökumene.

 

„Wenn wir gemeinsam einen ökumenischen Gottesdienst feiern, dann merkt man: Es fehlt noch etwas“, gibt Pröpstin Petra Kallies zu. Sie hält als Vertreterin der evangelischen Kirche ein Grußwort während der katholischen Gottesdienst – und geht damit  auf die Unterschiede bei der Feier des Abendmahls ein. Sie berichtet, dass Ökumene bei der Einweihung der Kirche vor 125 Jahren nicht angesagt war. Der Lübecker Senat habe 1891 die Einladung zu der Feier abgelehnt. Sie hatten Sorge, dass die Katholiken die Stadt missionieren und „unter das Regiment des Papstes“ bringen wollten. „Es war die Angst vor Überfremdung“, sagt Pröpstin. Und diese Angst sei heute wieder aktuell angesichts der Flüchtlinge.

Von Josephine von Zastrow

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