Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck 150 Jahre SPD: Eine Partei zwischen Stolz und Ratlosigkeit
Lokales Lübeck 150 Jahre SPD: Eine Partei zwischen Stolz und Ratlosigkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:58 30.05.2016
Der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner erklärte bei der Matinee zum 150-jährigen Bestehen der Lübecker SPD, warum die Partei auch in Zukunft gebraucht werde, und bezeichnete die Kreispartei als starken Teil der Gesamtorganisation. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn
Anzeige
Innenstadt

Rote Sessel, rotes Stehpult, rote Blusen, T-Shirts und rote Anstecker: Die Lübecker SPD feierte gestern im Hansemuseum ihr 150-jähriges Bestehen. Spitzen-Genossen aus Bund, Land und Stadt machten klar: Die Partei ist unsagbar stolz auf ihre Geschichte. Sie hadert mit der jüngeren Vergangenheit. Und sie schaut ratlos auf die Gegenwart und in die Zukunft.

1866 kam die Arbeiterbewegung nach Lübeck – Aus überschaubaren Anfängen wurde die stärkste, politische Kraft der Stadt – In der Gegenwart schwinden Mitglieder- und Wähler.

„In mehr als der Hälfte ihrer 150-jährigen Geschichte wurde die SPD verfolgt“, erinnerte Bürgermeister Bernd Saxe an die schweren Zeiten. Es gab Zeiten, da „tagte der Ortsverein heimlich im Lauerholz, getarnt als Spaziergang oder Naturerkundung“, berichtete Saxe. Viele Sozialdemokraten landeten für ihre Überzeugung im Gefängnis oder ließen gar ihr Leben. Drucksachen und Zeitungen wurden verboten, Fahnen wurden eingezogen und Versammlungen von der Polizei aufgelöst. Im August 1878 verfügte das Lübecker Polizeiamt, dass SPD-Versammlungen sofort zu schließen seien, wenn Frauen dort auftauchten, zitierte die stellvertretende Bundesvorsitzende Aydan Özoguz aus alten Unterlagen. Als Hamburgerin sei sie stolz, dass der Hamburger Schneidergeselle Leinhos die Arbeiterbewegung nach Lübeck brachte. Anfangs verloren sich 57 Mitglieder bei den Treffen.

Das änderte sich in den nächsten Jahrzehnten. Die Lübecker SPD zählte 1919 über 11000 Mitglieder. „In der Hansestadt wohnten damals an die 90000 Einwohner“, rechnete Ex-Ministerpräsident Björn Engholm vor, „heute sind es etwas über 1000 Mitglieder bei 218000 Einwohnern.“ Früher seien Sozialdemokraten tief in den Milieus der kleinen Leute verankert gewesen. „Sie saßen am täglichen Stammtisch der Menschen“, sagte Engholm und zählte Betriebsräte, Tauben- und Kaninchenzüchter auf. Die „Verflechtung mit dem Volk“ habe gelitten. Bei Meinungsumfragen liege die Bundes-SPD bei 20 Prozent. Bei der letzten Lübecker Kommunalwahl hätten – berechnet auf die Gesamtwählerschaft – zwölf Prozent die SPD und zehn Prozent die CDU gewählt. So viel zum Thema Volkspartei.

„Gartenfreunde und Taubenzüchter sitzen heute nicht mehr zusammen“, machte der Landesvorsitzende Ralf Stegner ein Problem aller Massenorganisationen deutlich. Viele Menschen seien in eine virtuelle Welt abgetaucht. Und wenn Wahlkämpfer an den Haustüren klingeln, seien die Leute froh, „wenn sie wieder weg sind“, schilderte der Landeschef die Erfahrungen von der Basis. Stegner hofft, dass es gelingt, wieder mehr junge Menschen für die Partei zu gewinnen. Der Altersdurchschnitt der Lübecker SPD liegt bei 59 Jahren.

Die Partei leiste so viel Gutes, werde dafür aber nicht belohnt, rätselte die Bundespolitikerin Özoguz über den aktuellen Zustand. Die übergeordnete Botschaft, der Markenkern der Sozialdemokratie, sei nicht mehr zu erkennen – die solidarische, offene Gesellschaft mit Aufstiegschancen durch Bildung und gerechten Löhnen. Nicht nur der Landesvorsitzende Stegner hadert mit der SPD-Politik unter Altkanzler Gerhard Schröder. Die Partei brauche keine Basta-Politik, sagte Stegner unter Applaus. „Eine Reform, die den Schwächsten noch etwas wegnimmt, ist keine Reform.“ Damit meinte er die Agenda 2010 Schröders.

Die Lübecker SPD wurde auf der Matinee viel gelobt. Sie brachte berühmte Menschen hervor – Julius Leber, Willy Brandt und Björn Engholm. Heute stellt sie keine Minister, geschweige denn Regierungschefs mehr. Sie gewinnt Bundestags-, Landtags- und Kommunalmandate, aber bundesweit führende Köpfe kommen nicht aus Lübeck. Ein Bundesparteitag in der Hansestadt fasste wegweisende Beschlüsse gegen Wohnungsnot und für besseren Mieterschutz, berichtete Aydan Özoguz. Das war 1901.

Trotzdem sei die Kreispartei ein starker Teil der bundesdeutschen SPD, befand Stegner. Der Kreisvorsitzende Thomas Rother sieht die Zukunft nicht düster: „Wenn wir unseren Markenkern, die soziale Gerechtigkeit, vernachlässigt haben, haben wir an Zustimmung verloren. Wir müssen nachbessern.“

 Kai Dordowsky

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige