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Lübeck 2500 Euro: 70-Jährige von Schlüsseldiensten abgezockt
Lokales Lübeck 2500 Euro: 70-Jährige von Schlüsseldiensten abgezockt
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09:56 08.03.2018
Noch eine Rechnung: Die Betroffene kann es kaum glauben, wie viel Kosten ein feststeckender Türschlüssel verursacht. Quelle: Foto: Lutz Roessler
St. Gertrud

Die Lübeckerin war nur kurz auf dem Markt am Hasenweg einkaufen. Doch als sie wenige Minuten später wiederkommt, passt der Schlüssel nicht mehr ins Schloss. „Ich dachte, das kann doch alles nicht wahr sein“, erinnert sich die Seniorin, die anonym bleiben möchte, an die Ereignisse vom 14. Februar. „Die Tür war zwar nicht abgeschlossen, aber ich kam trotzdem nicht rein, weil von innen der Schlüssel steckte. Ich bin dann sofort zu den Nachbarn und wollte einen Schlüsseldienst im Telefonbuch raussuchen.“ Doch die Haushaltshilfe der Nachbarn reicht ihr ein Handy. Zusammen geben sie in der Internet-Suchmaschine Google „Schlüsseldienst Lübeck“ ein. Es erscheinen verschiedene Nummern. „Ich habe dann bei einer Hotline angerufen, die Leute sagten, sie kommen in 20 Minuten.“

Tatsächlich taucht nach 20 Minuten ein Mann auf. Er versucht zunächst mit einem zerfledderten Stück Plastik die Tür zu öffnen. Dann tauscht er das Schloss aus und verlangt über 500 Euro. „Das fand ich schon viel, aber ich kannte mich mit den Preisen nicht so aus. Immerhin musste ich die Dienstleistung bezahlen und einen neuen Zylinder“, sagt Schulz.

Die 70-Jährige will sich bei einem Spaziergang mit einem Bekannten von dem Schreck erholen. „Doch als wir wiederkamen, konnte ich nicht mehr aufschließen. Der Schlüssel ließ sich nicht drehen und kam auch nicht wieder raus“, erzählt sie. Die Lübeckerin ruft erneut die Hotline an. Sie braucht dringend Medikamente, die sich in der Wohnung befinden. Doch als der Mann nicht kommen will, versucht sie es bei einem zweiten. „Der kam dann auch und sagte, der erste habe alles falsch gemacht und er müsse alles wieder ausbauen“, erzählt die 70-Jährige. Zwischenzeitlich telefonieren die beiden Männer miteinander, Hilde Schulz hat mittlerweile eine Handynummer des ersten Schlüsseldienstes herausgefunden. „Sie sprachen aber kein Deutsch, ich habe deshalb nichts verstanden.“

Der Mann, der sich als Geschäftsführer vorstellt, baut ein neues Sicherheitsschloss ein. Weil die Lübeckerin mehr als drei Schlüssel braucht, behält er die Sicherheitskarte und verspricht, die nachgemachten Schlüssel per Einschreiben zu versenden. „Die Schlüssel und die Karte sind bis zum heutigen Tag nicht eingetroffen“, moniert Rechtsanwalt Jan Winter, der die Sache mittlerweile übernommen hat. Stattdessen fordert der Mann, der laut Rechnung einen Schlüsseldienst in Velbert in Nordrhein-Westfalen betreibt, einen Betrag in Höhe von 1950 Euro für seine Leistungen. Hilde Schulz bezahlt ihn. „Das habe ich überhaupt nicht mehr realisiert“, sagt sie, „ich hatte ja auch keine andere Wahl.“ Ihr Anwalt nennt das Wucher und Betrug. Er hat mittlerweile eine Anzeige erstattet. „Eine Überprüfung der Adressdaten im Internet lässt die Vermutung aufkommen, dass diese rein virtuell sind“, schreibt er darin an die Staatsanwaltschaft.

Hilde Schulz hat derweil zwar ein funktionierendes Schloss. „Aber der Mann hatte ja die Sicherheitskarte und hätte jederzeit mit Ersatzschlüsseln ins Haus gekonnt“, erzählt sie. Deshalb ruft sie am folgenden Tag den Lübecker Schlüsseldienst Reese an. Die Firma baut ein neues Sicherheitsschloss ein – für 180 Euro. „Die haben mir auch gesagt, dass die anderen Preise viel zu hoch waren. Dem Mitarbeiter waren noch drei ähnliche Fälle aus Lübeck bekannt“, erzählt die 70-Jährige.

Doch neben dem finanziellen Schaden kränkt die Seniorin vor allem, dass andere ihre Notsituation ausgenutzt haben. „Deshalb hoffe ich, dass man diesen Leuten das Handwerk legt“, sagt sie.

Auf LN-Anfrage waren beide Firmen nicht erreichbar.

Aufgepasst!

Der Lübecker Schlüsseldienst Reese hat einige wichtige Verbrauchertipps aufgelistet:

Wählen Sie keine „0800“er-Nummern, diese Anbieter sind in den meisten Fällen unseriös; alle Nummern die im Telefonbuch mit „aaa“ oder „A.A.A.“ anfangen, bitte nicht anrufen, es sind in der Regel keine ortsansässigen Firmen.

Vorher Preise fest vereinbaren, auch am Sonntag sollte eine Türöffnung 150 Euro nicht übersteigen; schauen Sie bei Anzeigen immer ins Impressum, dort erfahren Sie den Firmensitz.

Lange Wartezeiten und Aussagen des Schlüsseldienstes, er müsste noch Spezialwerkzeug holen, sind ein Indiz für Abzocke.

 Maike Wegner

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