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Lübeck 30 Jahre Obdachlosigkeit: Endlich zurück im Leben
Lokales Lübeck 30 Jahre Obdachlosigkeit: Endlich zurück im Leben
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19:35 21.05.2016
Musste tief fallen, um wieder auf die Beine zu kommen: Klaus-Dieter Trommer. 30 Jahre war er ohne festen Wohnsitz, er irrte durch Berlin, am Rande der Gesellschaft. In Lübeck hat er ein neues Leben angefangen. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Die er kannte, sind beinahe alle tot. Und auch er sei „nicht mehr weit von ab“, sagt er. „Was gibt’s bei mir noch kaputt zu machen?“ Leberzirrhose.

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„Wenn man trinkt, dann kriegt man nichts mehr gebacken, weder das eine noch das andere.“Klaus-Dieter Trommer (61) „

Wasser in den Beinen. Bauchspeicheldrüsenentzündung. Herzinsuffizienz. Bluthochdruck und was sonst noch alles; er ist krank, sehr krank. Den Magen haben sie ihm zu zwei Dritteln rausgenommen, zwei Zehen fehlen, schwarz waren sie angelaufen, abgefroren, da war nichts mehr zu machen.

Das also ist geblieben von dieser jahrelangen verdammten Sauferei. Er starrt das Plastikschälchen für die Tabletten an; jeden Tag bringt sie der Pflegedienst, morgens acht, neun, mittags drei bis vier, abends den Rest, 20 Stück insgesamt. Klaus-Dieter Trommer sitzt da, ein Mann, ein Überlebender, seine Stimme klingt seltsam leiernd, man muss genau zuhören.

Früher ist er durchs Leben gerauscht, dass es einem Angst machte. Nach dem Aufwachen die erste Tüte Wein, dann war erst mal Ruhe, dann Bier, wieder Wein, Wodka, eine Flasche, zwei Flaschen und dazu, wenn das Geld reichte, Jack Daniel’s, das waren die guten Tage. Er katapultierte sich auf vier, fünf, sechs Promille, auch sieben, „kein Witz“, sagt er, „war so.“

Manchmal glaubt er ja selbst nicht, dass er es geschafft hat bis hierhin. Er zieht an seiner Zigarette, das Papier knistert, man hört eine Uhr ticken, der Verkehr vor dem Fenster rauscht, er sitzt da und raucht, sitzt in seinem neuen Leben, das sich nach zwei Jahren noch immer befremdlich anfühlt.

Sein altes Leben beginnt in Bad Schwartau, da ist er geboren. Wächst die ersten Jahre auf Marli auf, Albert-Schweitzer-Schule, Holstentor-Schule, macht den Realschulabschluss, wird Maler, Lackierer, fährt zur See, lernt die Mutter seiner Kinder kennen, heiratet, irgendwann ist alles vorbei, er geht nach Berlin; Berlin, Berlin, die irre Stadt, und hier nun fängt sie an, seine neue Zeit, die ab jetzt gegen ihn läuft. Und getrunken hat er ja immer schon. Zur Konfirmation soff er mit dem Stiefvater, bis ihm die Beine entglitten.

Die einen gewinnen im Leben, andere suchen, straucheln. „Frau weg, totgesoffen, so ist das“, sagt er, und er hat die ja alle erlebt, wie sie kamen und gingen, zittrig, der Hoffnungslosigkeit überlassen, er selbst wollte auch mal vor die U-Bahn, ist dann aber zurück, lass’ das mal, dachte er sich, das ist die Sache nicht wert. Geschichten könnte er erzählen, sagt er, und im Licht der Wohnung tanzt Staub.

Berlin also. Er zieht nach Steglitz. Der Anfang vom Ende. Findet eine Wohnung, verliert sie, findet eine Arbeit, verliert sie, „wenn man trinkt, dann kriegt man nichts mehr gebacken, weder das eine noch das andere“, und so geht es weiter, immer weiter, immer tiefer in die Ohnmacht, er kann nicht mehr klar denken, „ist ja normal“, sagt er. Er schläft auf Friedhöfen, krabbelt, „voll wie ein U-Boot“, auf Dachböden, lässt sich nachts auf öffentlichen Toiletten einschließen, er nimmt die Jacke als Kopfkissen, dann ist alles gut. Aber gut ist natürlich nichts. Was soll schon gut sein an einem Leben, das keines ist. Klaus-Dieter Trommer drückt die Zigarette in den Aschenbecher, erzählt weiter, und die Erinnerung stolpert durcheinander.

Er ist jetzt 61 Jahre alt. Die Hälfte seiner Zeit hat er da verbracht, wo niemand sein sollte. Er kann die Krankenhäuser nicht mehr zählen, er kann die Knäste nicht mehr zählen, Knast in Moabit, Knast in Plötzensee, wegen Körperverletzung, wegen Schwarzfahren, drei Jahre am Stück, und immer, wenn er wieder rauskommt, säuft er noch mehr, schneller, gieriger, weil ihm das Leben nicht gelingen will, isst wochenlang nichts, geht betteln, „hau ab, du Penner“. Er ist den Dingen längst nicht mehr gewachsen.

Dann aber, endlich, dreht sich das Ganze, das Leben gibt ihm, als könnte es das Elend selbst nicht mehr ertragen, eine letzte, allerletzte Chance, es ist ein Wunder. Die Tochter, Mutter inzwischen von vier Kindern, sucht nach ihm. Findet ihn. Doch bevor er aufersteht, muss er durch das Dunkle vor dem Licht, säuft sich besinnungslos, tagelang, wochenlang, einen Schritt vor, zwei zurück, er säuft sich bis ins Koma, Herzstillstand. Und als er nach fünf Wochen erwacht, sagt der Arzt zu seiner Tochter: Wenn ihr Vater noch ein Mal trinkt, wird er es nicht überleben.

Klaus-Dieter Trommer sitzt auf seiner sehr ockerfarbenen Couch in Lübeck in einem Haus, das nachts keine Ruhe gibt. Kleine Wohnung im 12. Stock, mit Blick über die Trave, an der Wand Dürers betende Hände. Er hat sich durch die Erinnerung gekämpft, vor sich die Tabletten, grün-gelb, weiß, orange wie Smarties; seit vier Jahren rührt er keinen Alkohol an, seit zwei Jahren lebt er hier, die Tochter nah, auch wenn er sie zu selten sieht. Darum also ist er noch am Leben. Wie es weitergeht? Interessiert ihn nicht. „Ich weiß ja nicht, wie lange ich noch zappel.“

Hilfe für Menschen in Not

477 Menschen waren im Dezember 2014 in Lübeck nach Angaben der Stadt obdachlos. Ende 2013 lag die Zahl bei 460.

Beratung: Die Alkoholberatungsstelle in der Sophienstraße 2-8 berät Alkoholiker (montags bis mittwochs 8 bis 16 Uhr, donnerstags 8 bis 18 Uhr, freitags 8 bis 12 Uhr). Beratung bietet auch die AHG Klinik im Weidenweg 9-15 (montags und donnerstags 9 bis 10, dienstags und mittwochs 15 bis 16 Uhr) sowie die Vorwerker Diakonie in der Dr.-Julius-Leber-Str. 26-30 (montags 10 bis 12 Uhr, donnerstags 16 bis 19 Uhr).

 Marion Hahnfeldt

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