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Lübeck Abschied auf zwei Rädern: Der Fahrradbeauftragte geht in Rente
Lokales Lübeck Abschied auf zwei Rädern: Der Fahrradbeauftragte geht in Rente
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20:31 24.10.2013
Hans-Walter Fechtel packt die Kartons und verlässt seinen Dienstsitz am Mühlendamm. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Hans-Walter Fechtel hinterlässt Kollegen und Politikern zwei Vermächtnisse. Das über 100 Seiten starke Konzept „Fahrradfreundliches Lübeck“ und einen letzten Arbeitsauftrag — die Abschaffung der Benutzungspflicht von Zweiwege-Radwegen. Lübecks Fahrradbeauftragter geht Ende Oktober in den Ruhestand, nach 20 Jahren Kampf um bessere Pisten, Beschilderung und Wegeführung.

Hans-Walter Fechtel, studierter Bauingenieur, parteilos, passives Mitglied beim Fahrrad-Club ADFC, brachte alle Voraussetzungen für den Job mit. Der 65-jährige Braunschweiger hat keinen Führerschein, er fährt bei Wind und Wetter und nennt sich „Radfahrer aus Leidenschaft“. Wenn sich Bürger beschweren, radelt Fechtel zu ihnen und inspiziert bei der Gelegenheit gleich den Stadtteil mit. „Ich sitze nicht nur im Studierzimmer.“

Im August 1993 wurde er zum Fahrradbeauftragten bestellt. Erfunden hat den Job der frühere Bausenator Hans Stimmann. Das war 1986. Fahrradbeauftragter ist keine eigene Personalstelle, sondern wird mit erledigt. „Ich habe meine halbe Arbeitszeit dafür aufgebracht“, berichtet Fechtel. Wie der Radverkehr in Lübeck damals war, darüber gibt es keine Erhebungen.

„Lübeck war immer schon eine Fahrradstadt“, sagt der 65-Jährige — nicht zuletzt, weil es in der Altstadt immer schon zu wenige Parkplätze für Autos gab. Auf zehn bis zwölf Prozent schätzt er den Anteil des Rades am gesamten Verkehrsaufkommen vor 20 Jahren. Inzwischen gibt es Zahlen. 2010 lag der Radverkehrsanteil bei 17 Prozent, bis 2020 soll er auf 25 Prozent steigen. Fechtel: „Das ist ein realistisches Ziel.“ Aus seiner Erfahrung weiß der scheidende Beauftragte, dass eine gute Infrastruktur noch keinen Boom auslöst. „Man braucht Trends“, sagt Fechtel, „die Fitnesswelle hat viele Leute aufs Rad gebracht, junge Leute sind nicht mehr auf das Auto fixiert, und die Senioren ab 65 haben Radfahren als Trendsport entdeckt.“

50 bis 60 Kilometer Radwege wurden in Fechtels Amtszeit saniert. Das gesamte Radwegenetz umfasst 810 Kilometer. Zwischen 400 000 und 500 000 Euro konnte der Beauftragte pro Jahr für Sanierung, Um- und Neubau ausgeben. Laut Nationalem Fahrradplan wären drei bis vier Millionen Euro pro Jahr nötig. „Es gibt noch eine Menge Sanierungsbedarf“, weiß der Fachmann, zwölf Millionen Euro müsste Lübeck bis 2020 lockermachen. Der marode Radweg an der Roeckstraße begleitet ihn seit 20 Jahren. Zu schmal, große, alte Bäume, deren Wurzeln den Belag zerstören und diese mehrere Zentimeter hohe Kante zum Gehweg. Die Verwaltung arbeitet an einer Lösung. „2014 wird sie einen Sanierungsvorschlag machen“, weiß Fechtel. Auch das Fahrrad-Parkhaus am Hauptbahnhof bleibt vorerst ein Traum. „Wenn man die tolle Fahrradstation in Kiel sieht, bekommt man feuchte Augen“, bekennt der Radfahrer aus Leidenschaft. Andererseits, so Fechtel: „Es gibt wichtigere Projekte.“

Die modernen Wegweiser, die neuen, roten Radfurten, die Fahrradstraße in der Dorfstraße, die Schutzstreifen an der Kanalstraße und im Mönkhofer Weg, die Öffnung der Einbahnstraßen für Radler und die forcierte Sanierung von Pisten seit 2008 — das zählt Fechtel zu den Erfolgen seiner Amtszeit.

Sein Ausscheiden würzt der Beauftragte mit kritischen Worten in Richtung ADFC, Bahn und Verwaltung. „Ich hatte viele Jahre mit einer sehr konservativen Straßenverkehrsbehörde zu tun, die die Dinge nicht befördert hat“, sagt Fechtel. „Ich ärgere mich über Paragrafenreiter und Erbsenzähler, die es auch beim ADFC gibt.“ Marketingfachleute von der LTM bringen ihn auf die Palme, wenn sie in Broschüren vom Fahrradparadies Travemünde schwärmen. Auch die Bahn bekommt ihr Fett weg. „Bei denen hört das Denken am Bahnhofseingang auf“, wettert er, „über Jahre hat die Bahn nicht erkennen lassen, dass die Kunden, die mit dem Rad zum Bahnhof kommen, auch zufrieden sein müssen.“

Lübeck prüft Vorschrift
110 Kilometer — auf diese Zahl summieren sich die Zweiwege-Radwege in der Hansestadt, auf denen Radler in beiden Richtungen unterwegs sind. „Links fahrende Radfahrer sind deutlich mehr gefährdet“, sagt Hans-Walter Fechtel. Wenn Lübeck die hohe Zahl der Radfahrunfälle bis 2020 halbieren will, müsse die Benutzungspflicht überprüft werden. Fechtel rechnet in einem halben Jahr mit Ergebnissen der Überprüfung, die seine Kollegen vornehmen. Bundesweit habe es bereits diverse Klagen von Radlern gegen die Benutzungspflicht gegeben.

Kai Dordowsky

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