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Lübeck Abschied vom „Linden-Restaurant“
Lokales Lübeck Abschied vom „Linden-Restaurant“
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12:19 08.07.2016
Die Gesundheit erlaubt es Thomas Wechsel (62) nicht mehr, das Restaurant weiter zu betreiben. Jetzt verkauft er Gläser, Geschirr und alles, was im „Linden-Restaurant“ beinahe täglich gebraucht wurde.

Ordentlich sind sie aufgereiht, die zahllosen Kaffeekännchen, die Suppentassen, die Gläser, das Besteck, Töpfe, Pfannen, Backbleche und die weißen, gestärkten Servierschürzen. Seit acht Wochen schon verkauft Thomas Wechsel das Inventar der Gaststätte „Linden-Restaurant“ an der Friedhofsallee, einen Teil hat seine Nichte über eBay veräußert. Seit seinem 18.

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Jahrzehntelang fanden hier am Vorwerker Friedhof Trauerfeiern statt – Jetzt muss Wirt Thomas Wechsel schließen – Das Inventar wird verkauft.

Lebensjahr hat der inzwischen 62-Jährige zunächst mit seinen Eltern, dann, nach dem Tod seines Vaters Ulrich Wechsel, mit Mutter Ursula und Schwester Heidrun Giesler die Gaststätte am Vorwerker Friedhof betrieben. Jetzt muss er sie aus gesundheitlichen Gründen schließen.

Wie viele Trauergesellschaften die Wechsels in all den Jahren zu Gast hatten, weiß keiner so genau. Fest steht: „Vor 20, 30 Jahren hatten wir etwa 400 bis 500 Feiern pro Jahr, freitags manchmal allein sechs bis sieben.“ Mit sich verändernder Bestattungskultur – Ruheforst, anonyme Bestattung – wurden es weniger, „zuletzt manchmal nur noch zwei bis drei pro Woche.“ Dafür buchten in den vergangenen Jahren immer mehr Russlanddeutsche das „Linden-Restaurant“ für Trauerfeiern mit meist um die 100 Gästen. „Sie wollten dann gern Suppe und Schnittchenplatte von uns, aber den Kuchen und die Schnäpse selbst mitbringen“, erzählt der Gastwirt. „Das war für uns kein Problem, denn lieber 100 Gäste, die nur einen Teil von uns haben möchten, als keine Gäste.“

Ja, damals, in den 70er- und 80er-Jahren, hätten nicht nur Beerdigungen, sondern auch andere Familienfeiern in der Traditionsgaststätte stattgefunden, „doch damit haben wir irgendwann aufgehört.“ Es ist schon etwas speziell, nur Trauernde als Gäste zu bewirten, aber: „Es gab nur wenige Nachfeiern, bei denen betretene Stimmung herrschte“, sagt Wechsel. Man entwickele natürlich Mitgefühl mit den Angehörigen und höre viel über kaputte Familien. „Ich könnte einige Seiten mit den Geschichten füllen, aber keine Angst, ich schreibe nicht meine Memoiren auf“, versichert er mit einem Schmunzeln. Gern erinnert er sich aber an den Tag, an dem keine Trauergesellschaft angemeldet war, aber dennoch 50 Personen in die Gaststätte strömten und Suppe, Schnittchen, Kuchen und anderes mehr verzehren wollten. Das Problem: Der Bestatter hatte die Reservierung zwar angenommen, aber versehentlich nicht an das „Linden-Restaurant“ weitergegeben. „Wir haben improvisiert und aus allem, was wir im Haus hatten, noch schnell etwas gemacht, damit jeder etwas zu essen und als erstes Kaffee bekommt.“ Keiner habe genörgelt, die Leute seien lieb und nett gewesen. „Diese Dankbarkeit war eines der schönsten Erlebnisse.“

Jetzt gilt es, das Inventar weiter zu veräußern. Noch ist eine Menge an Geschirr und Gläsern da, „denn beispielsweise Suppentassen mussten wir auch für über 100 Personen je zweimal dahaben“. Einiges ging weg, wie eine Menge besagter Suppentassen, die der TuS Eichede für sein Vereinsheim erstanden habe. Wechsel: „Vor acht Wochen war hier vorn im Gastraum auch noch alles voller Gastronomie-Inventar.“ Jetzt hat er hier – ebenfalls gut sortiert – Platz für Privatgegenstände wie ein altes Kinderbett, seine Musikvideo-Sammlung (Bob Dylan, Neil Young und andere), aber auch Bücher und Kleinmöbel gefunden. „Ich muss mich verkleinern“, sagt Thomas Wechsel. Denn das Haus ist so gut wie verkauft an jemanden, der es umfassend saniert und eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung für Wechsel und seine pflegebedürftige Mutter schafft. Dann beginnt eine neue Phase in der Friedhofsallee 75.

Das Lokal am Friedhof

Der Ausverkauf des „Linden-Restaurant“, Friedhofsallee 75, findet täglich von 10 bis etwa 17 Uhr statt. Wer ganz sicher gehen möchte, dass er Thomas Wechsel antrifft, sollte ihn vorher unter Telefon 0451/494429 anrufen.

1905 wurde das Wohnhaus errichtet, etwa seit 1925 befand sich in den Räumen eine Gaststätte, die 1971 von der Familie Wechsel übernommen wurde.

 Sabine Risch

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