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Lübeck Abstimmungskrimi Linden-Entscheid: Was passiert jetzt mit der Untertrave?
Lokales Lübeck Abstimmungskrimi Linden-Entscheid: Was passiert jetzt mit der Untertrave?
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12:48 19.12.2016
Dr. Lutz Fähser, ehemaliger Leiter des Stadtwalds umarmt Armin Gabriel im Börsensaal: Sie haben die Abstimmung gewonnen. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Die bisherigen Entscheide über eine Gesamtschule und den Flughafen fielen eindeutiger aus.

Beim Aktionsbündnis "Lübecks Linden leben lassen" herrschen kurz nach 20 Uhr Jubel  und Freude.  Arnim Gabriel, einer der beiden Sprecher des Bündnisses: "Ich habe lange gezittert, aber irgendwo immer ein gutes Gefühl gehabt." Der massive Wahlkampf von Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) gegen die Linden habe Spuren hinterlassen, das Ergebnis sei doch sehr knapp ausgefallen. "Wir werden uns jetzt eine Nacht und einen Tag freuen und dann stehen wir für Gespräche bereit."

Lesen Sie den Verlauf des Bürgerentscheids in unserem Live-Ticker.

Das Bündnis ist überzeugt, dass die Stadt die Umgestaltung der Untertrave jetzt völlig neu startet. Ingrid Boitin, ebenfalls Sprecherin des Bündnisses: "Die Umplanung kann beginnen. Wir werden morgen mit der Stadt und dem Architekten reden. Ich gehe davon aus, dass es die Umgestaltung der Untertrave geben wird - so war die Frage des Bürgerentscheids auch formuliert." David habe gegen Goliath gewonnen, freut sich Lutz Fähser, Baumexperte des Bündnisses und früherer Leiter der Stadtforsten.

Linden: "Ja" oder "Nein"? Diese Frage wurde am Sonntag entschieden. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie, um Jubel und Frust im Börsensaal zu sehen.

Fähser glaubt,  dass es vielen Bürgern bei dieser Abstimmung gar nicht um die Linden ging, sondern um demokratische Prozesse. "Die Bürger haben ein gutes Gespür für Unehrlichkeit und Ehrlichkeit in der Politik", sagt Fähser, "dieser knappe Sieg war ein Sieg für das demokratische Empfinden."  Auch Thorsten Fürter, Kreisvorsitzender der Grünen, äußert sich zufrieden.  Verwaltung und Politik hätten die Stimmung in der Stadt falsch eingeschätzt, sagt Fürter: "Es wäre besser gewesen, die Bürger einzubinden." Die Grünen hatten die Umgestaltung als Luxusumbau zur Unzeit kritisiert. Fürter: "Andere Baustellen sind wichtiger."

Alle Informationen zur Lindendebatte finden Sie hier

Eine Entscheidung, die die Stadt um Jahre zurückwerfe und viel Geld koste - so analysieren die Linden-Gegner das Ergebnis.  Bürgermeister Saxe befürchtet, dass dieser sehr knappe Ausgang nicht zur Befriedung der Stadt führen wird. "Die Fördermittel sind weg", stellt der Verwaltungschef klar, "ich gehe davon aus, dass in den nächsten fünf bis sechs Jahren nichts an der Untertrave passiert."

In die gleiche Kerbe haut SPD-Fraktionschef Jan Lindenau: "Die Stadt ist gespalten. Es ist ein schlechtes Ergebnis für Lübeck, weil Millionen an Fördergeldern verloren  gehen."  Das bestätigt Stadtplanerin Christine Koretzky:  "Zwei Jahre Arbeit sind für die Tonne. Die Fördergelder sind weg. Eine Umgestaltung der Untertrave wird es nicht geben." Schon wegen des zeitlichen Horizonts nicht. Es sei nicht möglich, bis Ende 2018 die Untertrave neu zu planen und umzubauen. Allenfalls der Drehbrücken-Platz könne realisiert werden.

"Eine Chance für Lübeck wurde vertan", lautet die erste Reaktion von Bausenator Franz-Peter Boden (SPD), "ich bin sehr enttäuscht." Die Lübecker, die gegen die Umgestaltung gestimmt hätten, würden sich jetzt als Sieger fühlen, "sind aber auf Sicht die Verlierer".  Dirk Gerdes, Chef der Wirtschaftsförderung, glaubt an eine Protestwahl. "Die Bürger haben ein Machtwort gesprochen und die Politik in die Schranken gewiesen." Projekte mit Fortschrittscharakter würden nicht nur in Lübeck zunehmend auf Kritik stoßen.

Ein Kommentar zum Bürgerentscheid lesen Sie hier.

Das Ergebnis sei  eine vertane Chance. BfL-Fraktionschef Marcel Niewöhner hatte einen knappen Sieg der Linden-Freunde vorher gesagt:  "Die jenigen, die für Fortschritt in dieser Stadt stehen, haben die Wahl verloren." Lübeck werde so schnell keine erneute Chance bekommen, "einen städtebaulichen Schandfleck zu beseitigen", bedauert SPD-Kreisvorsitzender Thomas Rother den Ausgang des Entscheides. "Die Linden haben gewonnen und die Bürger verloren", erklärt Linken-Kreisvorsitzende Katjana Zunft.

Einige Politiker zollen dem Aktionsbündnis auch ihren Respekt für seinen Wahlkampf. "Die Linden-Befürworter haben einen guten Job gemacht", stellt FDP-Fraktionschef Thomas Rathcke fest. Auch für die CDU-Kreisvorsitzende Anette Röttger ist klar: "Es liegt an der Mobilmachung."  Olivia Kempke vom Lübeck Management beglückwünscht das Aktionsbündnis, ist aber nicht erfreut über das Ergebnis: "Für mich stoppt eine Minderheit ein 15,6-Millionen-Projekt und lähmt Lübecks Zukunftsentwicklung." In den nächsten Jahren werde hier nichts passieren. Das habe allerdings auch Vorteile, so Kempke:  "Die Possehlbrücke kann in Ruhe fertiggestellt, die Baustelle  für das Gründerviertel problemlos angefahren werden."

Morgen will die Stadtverwaltung erklären, wie sie mit dem Abstimmungsergebnis umgeht - also wie es konkret an der Untertrave weitergeht.  In einer Pressemitteilung vom 13. Dezember hat die Verwaltung bereits erklärt, dass die Linden nach einem Erfolg des Bürgerentscheids stehen bleiben, aber "bis auf weiteres keine Baumaßnahmen stattfinden". Ob und wann umgeplant werde, sei nicht Gegenstand des Entscheids.

Über die Bereitstellung von Geldern für die Umplanung und den Umbau müsse die Bürgerschaft entscheiden.  Das sieht das Aktionsbündnis gänzlich anders. Baumexperte Fähser: "Wir haben Juristen in unseren Reihen, die sagen, dass wir einen Rechtsanspruch auf die Umgestaltung  haben."

JVZ / DOR

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